Des Narziss artifizielle Eskapismen

4. Juni 2010, 16:34
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Synergien aus Intuition und Perfektion ebnen in Genres künstlerischer Kreativität den Weg zur Einzigartigkeit: Wolfgang Joop, "Wunderkind" und "Eternal Love"

Als Modeschöpfer und Designer zählt Wolfgang Joop zu den anerkannten Ikonen seiner Branche. Weitgehend unbekannt sind aber die Exponate seiner Kunstinstalla-tion, die 2009 unter dem Titel Eternal Love in der Kunsthalle Rostock präsentiert wurden: eine Collage textiler und skulpturaler Interventionen. Verifizierbares Sein und virtuelles Nichts, Endlichkeit und Unendlichkeit, Alpha und Omega des menschlichen Daseins sind die Themen des oft als arrogant und exaltiert apostrophierten Couturiers.

Im Gegensatz zu der anlässlich des Designers 65. Geburtstag publizierten, opulenten Monografie Wunderkind, 14467 Potsdam, die in erster Linie Joops Genesis als Modeschöpfer würdigt, präsentiert Eternal Love weitaus vielschichtigere, künstlerisch ambitionierte Facetten seines Schaffens. Zitatenreich ist sein Œuvre, von humanistischer Bildung und experimenteller Moderne durchdrungen seine Installationen. Abseits biografischer Tiefenpsychologie dekuvrieren Joops artifizielle Ambitionen seine avantgardistischen Tendenzen zu exaltierter Einzigartigkeit. Die Statuen, Zeichnungen griechischer Götter und Göttinnen, märchenhafter Feen und Faune sowie luzider Engel und dämonischer Satyrn erfüllen die mit Stoffen, Tüchern, Lichtpunkten, Glasmalereien, Zeichnungen, Fotomontagen und handschriftlichen Textcollagen angereicherten Räume mit der Aura des Endlosen, des Zeitlosen. Joops intellektuelle Beschäftigung mit den elementaren Fragen des Seins und des Nichts mündet in teils dicht erfüllte, beinahe gedrängte Dichte, teils in luftige Freiräume.

Moderne Kunst - konzeptionell, performativ, abstrakt - wie auch die figurative Opulenz des Barock oder die körperliche Naturalität des Klassizismus fließen in die subtil irritierenden Installationen des sensiblen Künstlers ein. Zerfall, Tod, Geburt, Genuss, Lust werden auch in der Haptik der divergierenden Papiersorten und Ausklappseiten des Buches greifbar. Ein fantastisches Kaleidoskop eines Großen, eines intellektuellen Künstlers. Er selbst meint: "Mode mache ich mit Passion, Kunst mit Obsession!"

PS: Ein wunderbar sublimes Detail ist die silberne Innenseite des Covers, die zu einem leicht diffusen Spiegel mutiert. Fantastisch. (Gregor Auenhammer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

  • Wolfgang Joop, "Wunderkind" . € 154,- / 560 Seiten. Collection Rolf Heyne, München 2009
  • Wolfgang Joop, "Eternal Love" . € 31,- / 102 Seiten. Collection Rolf Heyne, München 2010
  • Artikelbild
    foto: rolf heyne
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