Der erste Platz ist gar nicht schlecht

4. Juni 2010, 16:32
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Der Rumäne sah aus wie ein Huhn, der Serbe wie Kermit der Frosch, der Schweizer hatte Henkelohren - Und dann gab es da noch Lena

Oslo ist keine schöne Stadt, nein, keine schöne ist zu zaudernd, Oslo ist scheußlich, völlig verkorkst, wie Duisburg und Chisinau, Moldawiens Hauptstadt. Aber man kann von einem bis vor kurzem armen Kartoffel- und Kabeljaustaat, der quasi über Nacht zu märchenhaftem Reichtum gekommen ist, nicht verlangen, dass er elegante Lösungen parat hat, wenn es an den Bau einer richtigen Stadt geht, hier hat man alles hingestellt, was man bekommen konnte, sogar einen riesigen Tiger auf dem mit großen Scharen von Drogenwracks bevölkerten Platz vorm Bahnhof, gut, sie haben dieses herrliche Backsteinrathaus und jetzt diese große weiße Geste von einer Oper vom Baukollektiv Snøhetta, aber in deren Schatten ducken sich die Elendsquartiere ästhetischer Analphabeten. Knut Hamsun hatte schon recht, die Norweger können Stadt nicht, da gehören sie nicht hin, sie bleiben Dorschköpfe, er, der zeitlebens den Segen der Erde gepriesen hat, würde jetzt nach den Segnungen des Öls noch viel mehr Gründe haben, gegen Bürger, Snobs und Taschenspieler zu wettern ("diese genügsamen, Süßigkeiten naschenden Studenten, die glauben, europäisch ausschweifend zu sein, wenn sie einem Nähmädchen auf die Brust patschen" ), die alles Fragwürdige haben wollen, was ein zu rascher Reichtum an Tand und Verlockungen so anzubieten hat, wie der nimmersatte Spatz den Wurm.

Wer dieser Tage durch die Gassen Oslos schnürt, Hamsuns erschütterndes Meisterwerk Hunger vorm geistigen Auge, ahnt, dass nicht allein der physische, eher noch der psychische Hunger gemeint sein muss, der als ein diffuser Wunsch nach Identität in ihnen nagt, wer sind wir eigentlich, wodurch definieren wir uns? Durch Stockfisch? Der Bahnhofstiger soll übrigens, man will es nicht glauben, die Stadt als kraftvolle wie wendige Großkatze symbolisieren. Es gibt aber auf dem Stortorget (Marktplatz) auch ein Denkmal für drei Hühner.

Letzte Woche war der Eurovision Song Contest in der Stadt, das, was für Klagenfurt der Bachmannpreis und Monte Carlo die Formel 1 ist, ein klobiges Großereignis wird in eine Stadt gehebelt, ein logistischer Kraftakt, der die Stadt erhitzt wie ein Pfadfinderlager. Musik ist seit jeher ein identitätsstiftender Topos, aber was kennt man diesbezüglich von Norwegen? Die Keimzelle des Black Metal (Necrocannibalistic Vomitorium), sinistre Kirchenanzünder, sich gegenseitig abmurksende freudlose Galgenvögel, das ist ja an sich schon mal ein guter Ansatz, gleichwohl nicht massenkompatibel, alle wollen immer lachen und fröhlich sein, in diesen Kreisen war Lachen aber verboten, offenbar der Grund, warum dieses Genre inzwischen mausetot ist, die Scherzkekse haben gewonnen. Niemand wird die Sinnhaftigkeit des Songcontests infrage stellen, nämlich für einen Abend etwas zu konstruieren, das gleichermaßen aufgeplustert wie lächerlich ist, bis in die letzte Faser schwul, und zumindest so tut, als gebe es ein vereintes Europa, eine schöne Illusion wie eine Seifenblase, jeder, der das nicht kapiert, ist ein verdammter Idiot, vermutlich mit einem Pansen anstelle seines Herzens.

Als Norwegen im letzten Jahr den Songcontest in Moskau gewann mit einem schmächtigen geigenden Bürschchen namens Alexander Rybak, war das genau die Zäsur für eine zuletzt durch osteuropäischen Oligarchenpop dominierte Farce (der Russe kaufte sich seinen Sieg einfach), der ESC ist wieder nach Hause gekommen, dass Rybak ein russischer Emigrant und geschickter Assimilant ist, half sicher als Kompromiss, ihn zum Schnulzenkönig für ein Jahr zu küren.

Dieses Jahr also Oslo, der Schlagerjahrgang war ein solider, auffallend wenig Müll, der Rumäne sah aus wie ein Huhn, der Serbe wie Kermit der Frosch, der Schweizer hatte enorme Henkelohren, beachtlich viele Geigen (man kopiert immer das, was im Vorjahr erfolgreich war), relativ viele Lieder, die sich bedeckt hielten, so als wüssten sie selbst nicht genau, welches Genre sie nun eigentlich bedienen sollen, irgendein Teil davon wird schon mit irgendeinem aktuellen Trend kompatibel sein. Und dann gab es die neunzehnjährige Lena. Lena ist aus Hannover an der Leine, der statistisch erwiesenermaßen langweiligsten Stadt Deutschlands, die Scorpions kommen aus Hannover, und der eitle Verliererkanzler Gerhard Schröder, ja, ein Stigma, aber Stigmata sind ja dazu da, abgeschüttelt zu werden und nicht mit ihnen Mitleid heischen zu wollen, wie Jesus es tat. Lena macht das auf den ersten Blick relativ gut, auch wenn ihr grotesker englischer Dialekt, mit dem sie singt, einem lautverschiebenden Gelalle, das an Dick van Dyke, den schmuddeligen Rauchfangkehrer in Mary Poppins, erinnert, und ihre Pippilangstrumpfhaftigkeit fassungslos macht, die sie aber braucht, um ihre bestürzende Unsicherheit und Hilflosigkeit zu kaschieren, vor allem, wenn man weiß, dass sie sie von der fünfzigjährigen Nena hat, zurückimportiert in ihre Generation, Nena, die damit schon seit 30 Jahren nervt. Aber wie soll sie anders als "frech" reagieren, wenn sie erst vor 15 Wochen in dieses grelle Licht der Aufmerksamkeit und des erdrückenden medialen Interesses gestoßen worden ist.

Lenas stärkster Konkurrent war eine griechische Testosteronschleuder namens Giorgos Alkaios, eine Art gedrungener Karussellbremser, der mit seinem markerschütternden Schrei, einem Geräusch, das einen durchfährt wie ein Elektroschockgerät: "Opa!" , Europa das Fürchten lehren sollte, Opa heißt in etwa Hossa, die Parallele zum im finsteren Wald pfeifenden Kind drängt sich einem auf, der Tanz auf dem Vulkan, man ist verblüfft über die Absenz von Dezenz, aber ist ja nur Unterhaltung, Nabelschau war gestern oder ist dem Griechen vielleicht genetisch gar nicht gegeben.

Lenas Mentor und musikalischer Ziehvater ist Stefan Raab, der Mann mit dem unbedingten Willen zum Sieg und einer Vision für qualitätsvolle Musik, die sich durchsetzen muss, er bleckt seinen modifizierten Bukkalkorridor (32 Zähne, alleine oben), so als würde er seinen Spatz von der Leine schon zum Gewinn durchbeißen wollen, und was ihm dann ja auch eindrucksvoll gelungen ist, auch wenn Raab bei jeder Gelegenheit im Vorfeld betonte, dass man schon mit einem achten Platz "hochzufrieden" wäre. Der Platz, auf dem der virile Grieche dann landete.

Eigentümlich war indes, dass, als Lena ihren Siegertitel Satellite (gesungen Say-teloite) abermals darbot, im Pressezentrum nicht Ausgelassenheit und kollegialer Jubel seitens der anderen Delegationen, sondern eine eigentümlich erstaunte Stille herrschte, und man wurde sich bewusst, wie künstlich ihr Song eigentlich ist, natürlich ist hier alles grotesk künstlich, übertrieben und extra für diesen Abend inszeniert, aber Lenas Authentizitätsanspruch passte schlecht in den Rahmen, der noch schiefer wurde, als in der anschließenden Pressekonferenz Raab und sein Schützling Sektflaschenfontänen auf Presse und Fans schäumten und die deutschen Schlagerhooligans So ein Tag, so wunderschön wie heute skandierten und Lena zu einer englischen Frage auf Deutsch sagte, sie möchte jetzt doch lieber auf Deutsch antworten, da gerät dann ihre Trotzköpfigkeit in ein blasiertes Guido-Westerwelle-Fahrwasser, Deutschlands Außenminister, der am Anfang seiner Amtszeit einen britischen Reporter belehrte, man sei hier in Deutschland und da spreche man nun mal Deutsch. Sie ist halt, ohne dass sie es vermutlich selber will, ein Werkzeug eines Partydeutschlands geworden, das keinen Unterschied zwischen Ballermann, Schumi und Papst macht, Hauptsache "gut drauf" .

Oslo an Wochenenden ist infernalisch, hier ist man nicht mehr gut drauf, hier ist man weiter, hier gerinnt der Frohsinn zu Stress, alles muss extrem laut sein, alles ist voll, die Schlangen vor den Lokalen sind lang, die Betrunkenen wie Zombies, die im Lärm Hoffnung suchen und mit unendlich langen Augen in ihre Handydisplays starren und sich dem Unglück beugen, ein aggressiver Frohsinn, der betrübt macht und Knut Hamsun recht gibt, die Stadt mit ihren Versprechungen bekommt ihren Einwohnern nicht: "Worte wie große feuchte Ungeheuer wimmeln aus ihren Kindermündern, in der Nacht, die keinen Boden hat, die sie nicht begreifen können." Deutschland aber: Gewinnt jetzt auch noch im Lotto. (Tex Rubinowitz, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

Zur Person:
Tex Rubinowitz, geb. 1961 in Hannover, ist Zeichner und Schriftsteller. Er lebt seit 1984 in Wien und zeichnet für den Standard. Zuletzt erschien der Roman Ramses Müller (2009) bei Eichborn und Der Bremsenflüsterer (Falter Verlag).

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