Heiraten Sie Ihr Handy!

4. Juni 2010, 14:35
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Zur Beziehungskiste von Mensch und Maschine

Vergangene Woche bekam ich in der Straßenbahn etwas zu sehen, was ich zuvor noch nicht gesehen hatte, einen jungen Herrn, der sein Handy mit der Zunge sauberleckte. Jawohl: Sauber. Leckte. So wie die Katzenmutti ihr Katzenkind sauber leckt, leckte der Typ sein Handy sauber. Offenbar hatte er einen Fettfleck oder eine Schliere auf dem Gerät erspäht. Also, nichts wie raus mit dem Esszimmerteppich, zweimal damit kreuzweise über das Display, dann alles an der Hose trockenreiben, und schon war das Ding wieder wie neu.

Ich habe schon öfter bemerkt, dass es dem österreichischen Durchschnittshandy nicht an Zärtlichkeit mangelt. Man sieht, und das nicht nur in der Straßenbahn, außer Handyschleckern auch Menschen, die ihre Handys sehnsüchtig abtasten, liebevoll ausgreifen oder fürsorglich auf sie einflüstern. Momente großer Intimität, die zu erleben sich mancher Ehepartner glücklich schätzen würde! Man wagt ja kaum, sich vorzustellen, was die Bevölkerung am Abend mit ihren Handys im Bett aufführt.

Die Evolution strebt bekanntlich unaufhaltsam auf eine cyborgartige Verschmelzung des Menschen mit der Maschine zu. Im Jahr 2050 werden jede Österreicherin und jeder Österreicher anstelle der Ohrläppchen links und rechts ein iPhone am Kopf herunterbaumeln haben. Und in der Leiste des Homo sapiens wird serienmäßig ein iPad eingebaut sein, mit dem man Apps herunterladen kann, die einem aus dem Körperinneren heraus das Kreuz massieren oder die Zehennägel schneiden. Sehr praktisch.

Vorläufig ist das noch Zukunftsmusik. Bis dahin schlage ich vor, dass der Gesetzgeber zur Dokumentation der Ernsthaftigkeit unseres Vereinigungswunsches mit der Maschine die Möglichkeit schafft, Handys zu ehelichen. Kann ja nicht so schwierig sein. Das ABGB und das Strafgesetzbuch müßte man halt novellieren, damit die Handy-Ehe nicht unter den Bigamietatbestand fällt und schon bestehende Human-Ehen unberührt bleiben.

Aber sonst wäre das eine prima Idee. Wenn es so weit kommen sollte, habe ich fix vor, mit meinem Handy den Bund fürs Leben einzugehen. Einziges Problem: Ich weiß noch nicht, ob das meine ein Manderl oder ein Weiberl ist. Ist es ein Weibchen, werde ich es heiraten; ist es ein Mann, strebe ich eine eingetragene Partnerschaft an. Und Sie lasse ich ganz bestimmt wissen, wann der Polterabend stattfindet. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.06.2010)

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