Die 20/20-Ziele, ein europäisches Großprojekt

4. Juni 2010, 17:40
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Mit der gemeinsamen Energiepolitik der EU sollen gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Mehr Energiesicherheit, weniger Erdölimporte und mehr Klimaschutz sind nur einige der Ziele.

Brüssel/Wien – Eigentlich ist es eine Win-win-Situation, auf die in Brüssel mit den 20/20-Zielen hingearbeitet wird. Denn wenn, wie in zahlreichen Untersuchungen festgehalten, die Europäische Union bis zum Jahr 2020 mindestens 20 Prozent ihres derzeitigen Energieverbrauchs auf erneuerbare Energien umstellt, müsste sich dies auch gravierend auf die Kosten auswirken. 60 Milliarden Euro, wird geschätzt, könnte Europa so einsparen, ganz einfach deshalb, weil weniger Energieimporte notwendig sind.

60 Milliarden Euro, dies entspricht dem Gegenwert des jährlichen Energieverbrauchs von Deutschland und Finnland zusammen. Gleichzeitig dürfte diese geringere Nutzung fossiler Energie positiv auf die europäische Treibhausgas-Bilanz durchschlagen, auf deren Reduktion sich die EU im Rahmen des Kioto-Protokolls verpflichtet hat.

Es sind nicht nur Klima- beziehungsweise Umweltüberlegungen, weshalb das EU-Energiesystem nachhaltiger werden soll. Europa erwartet sich auch Wettbewerbsfähigkeit im Bereich der "grünen" Technologien. Rund eine Million neuer Arbeitsplätze, so die Schätzung, könnten bis 2020 im Bereich der erneuerbaren Energien entstehen (derzeit: rund 300.000). Und schließlich brächte ein Mehr an Alternativenergien eine höhere Versorgungssicherheit bzw. weniger Abhängigkeit von fossilen Energieimporten. 

Konkret sehen die Ziele der EU bis zum Jahr 2020 Folgendes vor:

  • Die Treibhausgasemissionen sollen um 20 Prozent niedriger sein als im Jahr 1990.
  • Erneuerbare Energiequellen wie Wind, Sonne und Biomasse sollen 20 Prozent der Gesamtenergieproduktion erreichen. Derzeit liegt dieser Wert EU-weit bei etwa 8,5 Prozent. Dafür gibt es verbindliche nationale Ziele, von 10,0 Prozent für Malta bis 49 Prozent für Schweden. Das österreichische Ziel lautet 34 Prozent (siehe Artikel).
  • Der Energieverbrauch soll um 20 Prozent niedriger sein, als er 2020 wäre, wenn nichts geschehen würde. Die Verbrauchsreduktion soll durch Verbesserungen bei der Energieeffizienz sowie einen bewussteren Energiekonsum erreicht werden.

Zur Erreichung der Ziele wurde im Dezember 2008 ein Klima- und Energiepaket verabschiedet. Dieses sieht vor, dass

  • Kraftwerke und energieintensive Wirtschaftszweige ihre Emissionen bis 2020 um 21 Prozent gegenüber dem Stand von 2005 absenken müssen. Erreicht werden soll dies durch verringerte Zuteilung von Emissionszertifikaten im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems (EHS). Dieses System deckt 40 Prozent aller EU-Emissionen ab.
  • Wirtschaftsbereiche, die nicht unter das EHS fallen (z.B. Verkehr, Landwirtschaft, Haushalte, Abfallwirtschaft) sollen ihre Emissionen bis 2020 um 10,0 Prozent gegenüber 2005 senken. Der derzeit nicht ins Emissionshandelssystem einbezogene Flugverkehr soll 2012 dazukommen.
  • Mindestens 10,0 Prozent des Kraftstoffs in jedem Land müssen erneuerbar sein (Beimischung bzw. Biodiesel und Bioethanol).

Auch wenn damit eine entscheidende Diversifizierung des Energieträgermixes gelingen dürfte, bleibt die EU stark abhängig von Erdöl, Erdgas und von Kohle. Wegen der Klimaschutzziele wird deshalb rund um Verbrennungstechnologien mit niedrigem CO2-Ausstoß geforscht. 

Auch der umstrittenen CO2-Abscheidung und -Speicherung wird von der EU-Kommission große Bedeutung beigemessen. Ob Kernenergie im Rahmen der jeweiligen nationalen Energiestrategie genutzt wird oder nicht, bleibt den einzelnen Mitgliedsstaaten überlassen. Allerdings darf die Atomkraft nicht als CO2-freie Alternativenergie gewertet werden. (ruz/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.6.2010)

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