Rätsel um Ölkatastrophe im Golf von Mexiko

4. Juni 2010, 17:47
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Bohrexperte: Enttäuscht, dass keine der Sicherheitsmaßnahmen funktioniert hat

Leoben – Herbert Hofstätter hat gewaltigen Respekt vor den Energien, die "Mutter Natur" freisetzen kann. Wie mächtig diese Energien sind, sei daher auch eines der ersten Dinge, die er angehenden Ingenieuren schon bei ihrer Ausbildung klarmache. 

Der Professor für Petroleum-Engineering an der Montanuniversität Leoben ist weltweit einer der versiertesten Experten für Tiefenbohrungen in der Erdölindustrie. Die Katastrophe auf der Bohrinsel "Deepwater Horizon", die Ende April im Golf von Mexiko passiert ist, sei die größte von Menschenhand verursachte Katastrophe mit Öl, die ihm bekannt sei. 

Und wie es dazu kommen konnte, gibt auch Hofstätter Rätsel auf: "Unsere Studenten an der Montanuniversität Leoben lernen bereits im ersten Semester, dass Sicherheitsvorkehrungen einfach oberste Priorität haben. Ich bin persönlich enttäuscht, dass von den vielen Einrichtungen und Maßnahmen in dem aktuellen Fall absolut nichts funktioniert hat". 

Dass der sogenannte Blowout-Preventer, das lebenswichtigste Sicherheitsorgan bei einer Bohrinsel überhaupt, ein tonnenschwerer und mehrstöckiger Koloss, der selbst ohne externe Energieversorgung jederzeit ein Bohrloch verschließen können müsste, versagte, sei insbesondere unerklärlich. 

"Preventer können je nach Bauart Drücken von mehr als 2000 Bar standhalten. Im Autoreifen haben wir vergleichsweise zwei bis drei Bar Druck", sagte Hofstätter im Gespräch mit dem STANDARD. Zudem werden diese Schließorgane regelmäßig strengsten Sicherheitskontrollen unterzogen – "und diese müssen dokumentiert werden – weltweit – von allen Firmen".

"Keinerlei Erfahrung"

Dass der vor rund einer Woche unternommene Versuch, das Bohrloch mit Schlamm, Geröll und Beton quasi zu stopfen, versagte, überrascht Hofstätter allerdings überhaupt nicht: „Für mich war es gänzlich unverständlich, warum man überhaupt so viel Hoffnung in diesen Versuch gesetzt hat. Es gibt mit diesem Verfahren unter den gegebenen Randbedingungen keinerlei Erfahrung. Es ist schon richtig, dass Bohrlöcher ‚über Kopf‘ mit Bohrspülung und Zementschlämmen totgepumpt werden können, aber unter ganz anderen Rahmenbedingungen", sagte Hofstätter. "Im gegebenen Fall haben wir es mit einem gewaltigen Gegendruck von mehreren Hundert Bar aus dem Bohrloch zu tun – freifließend ins Meer." Da habe er als Experte sogar "rein physikalisch ein Problem damit, mir vorzustellen, dass die Technik des 'Top Kill' hier von Erfolg gekrönt sein könnte", sagte der Drilling-Spezialist.

Die einzige sichere Lösung des Problems seien Entlastungsbohrlöcher, die im aktuellen Fall aber erst mit Anfang August fertig sein dürften. "Umso früher die 'Entlastungsbohrung' niedergebracht wird und das alte Bohrloch totgepumpt und mit einer Zementschlämme permanent verschlossen, umso besser", weiß Hofstätter. "Es dauert aber seine Zeit, bis man diese Tiefe mit der Bohrung erreicht hat, und die bevorstehende Hurrikan-Saison erleichtert die Sache nicht wirklich. Ein Hurrikan, der das Öl in weite Teile des Landes trägt, wäre sicherlich ein Worst Case."

Auch wenn die Verantwortung für diese Katastrophe nun ganz klar bei BP liegt, ist es Hofstätter ein Anliegen, auf die globale Situation hinzuweisen, die so ein Desaster mit ermöglicht hat: "Der große Hunger nach Energie in unserer Gesellschaft hat seinen Preis. Momentan ist der ‚Schwarze Peter‘ in den Händen der Ölfirmen. Aber in Wirklichkeit betrifft uns das alle, denn der stetig steigende Verbrauch hat dazu geführt, dass Bohrungen in immer tieferen Gewässern durchgeführt werden." (Colette Schmidt, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.6.2010)

  • Experte für Petroleum-Engineering, Herbert Hofstätter
    foto: soos

    Experte für Petroleum-Engineering, Herbert Hofstätter

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