Energiesünder gelobt Besserung

4. Juni 2010, 17:42
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Russland verschwendet so viel Energie wie kaum ein anderes Industrieland - Mithilfe neuer Technologien und Bewusstseinsbildung bei den Konsumenten könnte Russland bis zu 45 Prozent Energie einsparen

Als Witalij Putilin das alte Brotkombinat in der südrussischen Stadt Bataisk übernahm, hatte er ein Ziel: größere Brötchen backen. Innerhalb eines Jahres steigerte der neue Eigentümer den Umsatz um elf Prozent. Gleichzeitig explodierten Putilins jährliche Energierechnungen jedoch auf umgerechnet rund 122.000 Euro. Schuld daran waren die veralteten Öfen, die noch aus Sowjetzeiten stammten und Unmengen an Energie verschlangen.

Mithilfe eines Kredits in Höhe von umgerechnet rund 93.000 Euro investierte Putilin in sechs neue Gasöfen. Den Kredit zahlte der Brotproduzent innerhalb von sieben Monaten zurück. Dank der modernen Technologie wurde die Produktion um 40 Prozent gesteigert, die Energiekosten sanken dennoch um fast 97 Prozent.

Das Potenzial für Energieeinsparungen in Russland ist riesig. Durch einen bewussteren Einsatz von Energie könnten laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey rund 22 Milliarden Euro eingespart werden. Russland ist einer der weltweit größten Energieverschwender. Für die Produktion von 1000 Euro des BIPs verbraucht Russland 1,39 Tonnen Kohleäquivalent. Das ist dreimal so viel wie Kanada und mehr als jedes andere Bric-Land.  Vor allem im Produktionssektor, in dem oft noch veraltete Sowjettechnologien zum Einsatz kommen, ist das Energieeinsparungspotenzial groß. Laut einer Studie der Weltbank könnten allein in der Industrie 38 Prozent der Energiekosten eingespart werden.

Die Weltbank-Tochter IFC hat in Russland daher 2005 ein Energieeffizienzprogramm gestartet, das Unternehmen wie das BataiskBrotkombinat unterstützt, ihre Produktion zu modernisieren und gleichzeitig der Umwelt zu helfen. 

"Die Unternehmen wollen nicht den Planeten retten, sie müssen vielmehr ihr Geschäft weiterentwickeln", sagt Maxim Titow, Manager des Programms für nachhaltige Energien der IFC in Russland. Energieeffizienz sei ein gutes Finanzinstrument für den privaten Sektor, sagt Titow.

In den vergangenen drei Jahren haben kleine und mittlere Unternehmen im Rahmen des IFC-Programms umgerechnet rund 110 Millionen Euro in Energieeffizienzprojekte investiert. Jährlich sparen diese Unternehmen rund 26 Millionen Euro an Energie- und anderen Kosten.

Die Erkenntnis, dass der bewusstere Einsatz von Energie nicht nur der Umwelt hilft, sondern auch dem Budget, ist auch innerhalb der russischen Führung gereift. Präsident Dmitri Medwedew hat im Herbst 2009 ein föderales Energieeffizienzgesetz verabschiedet, das die Senkung des Energieverbrauchs um 40 Prozent bis 2020 vorsieht. Laut Igor Baschmakow, Direktor des Zentrums für den effektiven Verbrauch von Energie, wird die Realisierung des Programms rund 220 Milliarden Euro kosten.

Am offensichtlichsten wird die Verschwendung von Ressourcen auf den sibirischen Öl- und Gasfeldern. Die tausenden brennenden Gasflammen sind sogar auf Satellitenbildern zu erkennen. Laut einem Bericht des russischen Rechnungshofes haben die sieben größten Ölfirmen 2009 zwei Drittel des bei der Produktion von Öl entstehenden Begleitgases abgefackelt. Insgesamt wurden fast 20 Milliarden Kubikmeter Fackelgas vernichtet. Der österreichische Jahresverbrauch liegt bei 8,4 Milliarden Kubikmeter Gas.

Vernichtung von Ressourcen

Die Ölfirmen hatten bislang wenig Anreiz, das Begleitgas in das Pipelinenetz einzuspeisen. Obwohl der Staatskonzern Gasprom per Gesetz dazu verpflichtet wäre, seine Pipelines Drittanbietern zur Verfügung zu stellen, findet der Monopolist Wege, den Zugang zu seinem Netz einzuschränken. Außerdem kommt die Ölfirmen die Nutzung des Begleitgases zu teuer. Die Höchststrafe für das Abfackeln beträgt hingegen nur umgerechnet 1200 Euro.

"Es ist klar, dass das Problem nicht an einem Tag gelöst werden kann, aber der Stimmungswandel ist gewaltig", sagt Titow. Wegen der Energieeffizienzkampagne Medwedews und den stetig steigenden Energiekosten ist es in der Bevölkerung bereits zu einem Stimmungswandel gekommen. (Verena Diethelm aus Moskau, DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.6.2010)

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