Chinas Wille zur Bildung

4. Juni 2010, 11:54
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Für die chinesische Unterschicht ist es hart für eine gute Ausbildung aufzukommen - Und dennoch versuchen die meisten Eltern alles, um ihren Kindern sozialen Aufstieg zu ermöglichen

Zu wenig soziale Durchlässigkeit. Immer wieder bestätigen Studien, wie etwa die aktuelle „Studierendensozialerhebung 2009", dieses Phänomen in Österreich. Ein Ergebnis das nicht überrascht und in anderen europäischen Ländern ähnlich zu erwarten wäre. Eltern aus reicheren sozialen Schichten geben Bildung eben einen höheren Stellenwert und können selbst intellektuelle Inhalte besser vermitteln - so könnte man argumentieren. Dass dies nicht unbedingt so sein muss, zeigt ein Blick in die Volksrepublik China.

„Bildung gilt in China als Wert für sich und wird in allen sozialen Schichten großgeschrieben", meint Prof. Chen Na, der erst kürzlich in Shanghai ein privates College gegründet hat und auch an der renommierten Fudan Universität unterrichtet. Dies leite sich insbesondere von der Tradition des Konfuzianismus ab. „Konfuzius selbst betonte, dass das der Prozess des Lernens ein Genuss sein müsse", erklärt Chen. Darüber hinaus stelle der Konfuzianismus einen starken Zusammenhang zwischen Bildung und sozialem Aufstieg her. So wurden etwa Regierungsposten bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Basis einer Prüfung vergeben, zu der Chinesen aus allen sozialen Klassen zugelassen waren. Nur die Klügsten sollten hohe öffentliche Ämter bekleiden.

High-Risk Prüfungen

Diese Tradition spiegelt sich heute in den standardisierten Aufnahmeprüfungen der Universitäten wider. Zwar werden rund 60 Prozent der Prüflinge aufgenommen. Anschließend werden diese jedoch den hierarchisch gegliederten Universitäten zugeteilt. Nur den aller Besten wird es ermöglicht an den renommierten Universitäten in Shanghai oder Beijing zu studieren. Eine Aufnahme zu einer dieser Universitäten bedeutet nicht nur materielle Sicherheit für die Zukunft, sondern auch hohes soziales Ansehen und Respekt.

„Bildung ist hier in China der einzige Weg, um später einen guten Job zu bekommen und sozial aufzusteigen", meint Cai Fang, eine 25-jährige Studentin aus Shanghai. Sie stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Ihre Eltern sind einfache Bauern aus der nördlichen Provinz Shanxi. Dennoch studiert Fang heute an einer der besten Universitäten des Landes. Dies verdankt sie nicht zuletzt ihrer Mutter, die sie stets dazu ermutigt hatte, hart zu studieren. „Um mir das Studium in der teureren Großstadt zu finanzieren, müssen meine Eltern nun noch härter arbeiten", meint Fang. In den Ferien müsse auch sie selbst zurück auf den Hof um der Familie auf dem Feld zur Hand zu gehen.

Hohe Erwartungen

Anders als in Europa ist man sich in China seiner familiären Verpflichtungen sehr bewusst und diese prägen das soziale Leben stark. Die meisten Eltern wollen ihren Kindern die beste Ausbildung ermöglichen. Sie hoffen, ihr Sohn möge ein Drache werden, ihre Tochter ein Phönix, so ein chinesisches Sprichwort. Drache und Phönix galten im alten China als Metaphern für König und Königin - und damit für hohen sozialen Status. Als Gegenleistung wird von den Kindern Pietät erwartet. Diese fühlen sich verpflichtet, die Investitionen ihrer Eltern zu rechtfertigen und der Familie einen guten Namen zu machen. Der Erfolg im Bildungsweg und eine entsprechende berufliche Karriere sind diesen Zielen am zuträglichsten.
Deshalb beginnt Ausbildung in China bereits im Kindergarten. Fangs 3-jährige Nichte etwa lernt dort bereits Englisch. „Für chinesische Kinder ist es wichtig, so früh wie möglich Englisch zu sprechen. Später ist es schwieriger, die richtige Aussprache zu lernen", glaubt sie. Bereits für den Kindergarten werden Gebühren verlangt. „Meine Schwester zahlt 6.000 Yuan (ca.700 Euro) pro Jahr. Das ist weit mehr als ihr Gehalt eigentlich zulässt".

Keine Entmutigung

In China, wie in anderen Schwellenländern, klafft die soziale Schere immer weiter auseinander. Die wachsende Oberschicht kann ihren Kindern privaten Zusatzunterricht bezahlen, sich die teuersten Kindergärten leisten oder ihre Nachkommen im Ausland studieren lassen. „Höhere Bildung und die Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen sind teuer und der Wettbewerb hart. Hier sind untere Schichten benachteiligt", erklärt Prof. Chen. Für einige Familien der unteren Klasse sei es sogar ein Problem, für die relativ niedrigen Studiengebühren aufzukommen. Diese variieren, im Mittel aber belaufen sie sich etwa auf 5.000 Yuan (580 Euro) pro Jahr. Vor allem die ländlichen Regionen sind benachteiligt. Laut Informationen des Nationalen Büro für Statistik (NBS) Chinas beträgt das Durchschnittsgehalt dort 170 Euro pro Monat.

„Trotz dieser wachsenden strukturellen Ungerechtigkeit versuchen in China auch Familien der Unterschicht alles, um ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen", sagt Prof. Chen. Der soziale Aufstieg der Nachkommen diene schließlich dem guten Namen der ganzen Familie. Cai Fangs Familie ist stolz auf ihren Phönix. Fang wird von ihrer Ausbildung profitieren und bei der Jobsuche in der boomenden Weltstadt Shanghai keine Probleme haben. Aber auch ihre Eltern profitieren. „Meine Mutter genießt es, wenn sich die Nachbarn respektvoll über ihre erfolgreichen Erziehungstechniken erkundigen", meint Fang schmunzelnd. (Raffael Heiss, derStandard.at, 4.6.2010)

Zur Person:

Raffael Heiss und andere Studierende der Institute für Publizistik und Kommunikationswissenschaft von den Universitäten Wien und Salzburg absolvieren an der Fudan University in Shanghai ein Austauschsemester. Im Rahmen der Expo in Shanghai schreiben sie regelmäßig für derStandard.at.

  • In China, wie in anderen Schwellenländern, klafft die soziale Schere immer weiter auseinander.

    In China, wie in anderen Schwellenländern, klafft die soziale Schere immer weiter auseinander.

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