Ein historisches Trauma als politisches Instrument

3. Juni 2010, 22:50

Friedensvertrag von Trianon 1920 prägt Ungarns aktuelle Politik

Vor genau 90 Jahren wurde der Friedensvertrag von Trianon unterzeichnet, der Ungarn als Mitschuldigen am Ersten Weltkrieg schwer bestrafte. Als unaufgearbeitetes nationales Trauma wirkt er in der ungarischen Politik bis heute nach.

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Warum hat nur die Slowakei Probleme mit dem neuen ungarischen Gesetz über Doppelstaatsbürgerschaften für Auslandsungarn? Mit dieser Frage begegnen ungarische Diplomaten der Kritik an dem umstrittenen Gesetz. Ansätze zu einer Antwort liefert ein Besuch in der ungarischen Botschaft in der Wiener Bankgasse, einst Sitz der ungarischen Hofkanzlei. Dort gibt es einen "Preßburger Saal", in dem sechs monumentale Gemälde von der Krönung Maria Theresias zur Königin von Ungarn in Pressburg - der damaligen ungarischen Hauptstadt Pozsony - am 25. Juni 1741 hängen.

Magyarisierungspolitik

Was den Ungarn ihr Trauma von Trianon, das ist vielen Slowaken ihr ungarisches Trauma. Im kollektiven Gedächtnis der historisch gesehen jungen slowakischen Nation ist die Erinnerung an die rücksichtslose Magyarisierungspolitik in der ungarischen Reichshälfte, vor allem nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867, noch präsent. Wenn der slowakische Premier Robert Fico - wahlkampfbedingt in hysterischem Ton - die Doppelstaatsbürgerschaft für slowakische Ungarn als eine Bedrohung der nationalen Souveränität betrachtet, dann ist das auch vor diesem Hintergrund zu sehen.

Mit dem neuen Staatsbürgerschaftsgesetz, das vom neugewählten ungarischen Parlament mit überwältigender Mehrheit beschlossen wurde, soll das Trauma von Trianon zumindest symbolisch gelindert werden. Heute vor genau 90 Jahren, am 4. Juni 1920, unterzeichnete die ungarische Delegation im Palais Grand Trianon von Versailles unter Protest das Friedensdiktat der Siegermächte des Ersten Weltkriegs. Ungarn wurde damit auf ein Drittel des Territoriums des Königreichs Ungarn in der Doppelmonarchie (siehe Grafik Seite 2), die Einwohnerzahl von 18 Millionen auf 7,6 Millionen reduziert, 3,2 Millionen Ungarn wurden mit einem Schlag Bürger anderer Staaten.

Späte Einsicht

Erst später reifte bei den Siegermächten die Einsicht, dass man die Ungarn zu hart bestraft hatte. "Wir mussten blind gewesen sein, da wir über Ungarn gar keine Informationen hatten und glaubten, eine solche Verstümmelung diesem Land aufzwingen zu können, ohne es in Verzweiflung zu stoßen", meinte der französische General Henri de Gondrecourt. Und der britische Ex-Premier Lloyd George, einer der bestimmenden Verhandler 1919, erklärte 1928: "Alle Dokumente, die uns während der Verhandlungen von unseren Verbündeten unterbreitet wurden, waren irreführende Lügen. Wir haben in Paris aufgrund von Fälschungen entschieden."

Dass ein historischer Einschnitt dieser Dimension in einem Volk über Generationen nachwirkt, ist eine banale Feststellung. Wie in Deutschland und in Österreich förderten die harten Pariser Friedensverträge das Hochkommen nationalistisch-faschistischer Ideologien. Unter dem autoritären Regime des Reichsverwesers Miklós Horthy wurde Ungarn zum Verbündeten Hitlerdeutschlands und stand nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf der Verliererseite.

Im Kommunismus war das Thema Trianon und ungarische Minderheiten im Ausland tabu - mit Rücksicht auf die sozialistischen Bruderstaaten. Nach der Wende 1989 hatte das Land zunächst andere Sorgen. Aber mit Einsetzen der Wirtschaftskrise und angesichts reformunwilliger oder -unfähiger Regierungen eignete sich das Trauma bestens zur politischen Instrumentalisierung. Mit dem ihm eigenen Instinkt erkannte der einstige Liberale Viktor Orbán das Mobilisierungspotenzial, das noch immer im Reizwort Trianon steckt. Zugleich wurde er aber auch zum Getriebenen der rechtsextremen "Jobbik"-Bewegung, deren Erstarken er mit seinen nationalistischen Tönen selbst befördert hatte.

Der allergrößte Teil der ungarischen Minderheiten im Ausland lebt heute innerhalb der EU. Ungarn selbst hat Minderheitengesetze, die als vorbildlich gelten. Da müssen Staatsbürgerschaftsgesetze, die in das Rechtsgefüge anderer Länder hineinreichen, doppelt anachronistisch wirken. Außer man beruft sich explizit auf eine EU-Bürgerschaft, die die nationale Zugehörigkeit dann eben zweitrangig macht. Aber die gibt es noch nicht.

Und so kann der ungarische Vizepremier Zsolt Semjén unter dem Beifall wohl der meisten seiner Landsleute sagen: "Es gibt keine Ungarn erster und zweiter Klasse. Es gibt nur eine ungarische Nation. Das ungarische Parlament ist dem einen, universellen Ungarntum verantwortlich und sonst niemandem." Als Einladung an die Nachbarn und das übrige Europa, den Magyaren beim Überwinden des Traumas von Trianon zu helfen, klingt das nicht. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2010)

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13 Postings
pepitant
02
Typisch für politische Interessen:

Lloyd George, einer der bestimmenden Verhandler 1919, erklärte 1928: "Alle Dokumente, die uns während der Verhandlungen von unseren Verbündeten unterbreitet wurden, waren irreführende Lügen. Wir haben in Paris aufgrund von Fälschungen entschieden."

Und: Leider sind solche Entscheidungen die Regel und nicht die Ausnahme.

Friedman Tobin
21
Erklärung

Sie und der Artikel haben nur eine winzige Kleinigkeit vergessen: Nämlich zu sagen, dass Tausende Experten und Politiker anderer Meinung waren und sind (hier aber komischerweise nicht zitiert werden) und es immer ein Paar Leute gibt, die von Ungarn aus persönlichen und wie auch immer gearteten Gründen gewonnen werden konnten (und Agenten hatte Ungarn auch und sehr viele). Das ändert aber nichts an den Fakten: 1. Die Magyaren bildeten im Königreich selbst nach intensiver Magyarisierung 1900 nur 50 % (vorher jahrhundertelang 30%). 2. Alle Völker wurden offiziell, gezielt, offen und aggressiv magygarisiert und diversen Verfolgungen ausgesetzt. Ihre Schule wurden geschlossen (Tausende Schulen in ungarische umgewandelt), für das Halten

Alexander Patjomkin
00
Wenn Sie über brutale Unterdrückung der Völker

mehr wissen wollen lesen Sie die Geschichte der Habsburger-Reichr. Der berüchtigte "Kerker der Völker" war ja nicht Ungarn, das müssen Sie auch wissen..., oder eben nicht, da habe ich meine Zweifeln.. bei Ihnen.
Bis 1526 (Türken) war Ungarn in Europa ein sehr bedeutendes Land. Konflickte gab es nur zw. Österreich und Ungarn, nicht aber zw. Nationalitäten innerhalb Ungarns.

Alexander Patjomkin
00
Das ist eine absolut Lüge.

Warun hat die 70%, die angeblich von den 30% "brutal unterdrückt" und "magyarisiert" wurden sich nicht aufgelehnt gegen die Ungarn? Es gab in 1000 Jahren keinen Aufstand gegen die Ungarn, es ga ja dazu auch keinen Grund gegeben. Die Ungarn haben sich sowohl gegen die Habsburger(öfters, zuletz im 1848) und später auch gegen die Russen.
Diese Lüge diente (und dient immer noch) nur dazu, für die sonst unerklärliche und ungerechte
Zerschlagung Ungarns einen Vorwand zu liefern.
Der wahre Grund war: die Verbündeten Deutschland-Österreich-Ungarn zu ruinieren bis zu geht nicht mehr. (das war dann der Auslöser des 2.WKs)

rosenkavalier71
31
ein hoch auf dem autor dieses artikels!!!! gratulation!!!!

besonders gefälllt mir der artikel:

Alle Dokumente, die uns während der Verhandlungen von unseren Verbündeten unterbreitet wurden, waren irreführende Lügen. Wir haben in Paris aufgrund von Fälschungen entschieden.

......selbst den franzosen ist jetzt klar geworden, dass triano eine fälschung war !!!!

pepitant
00
Ich befürchte, das wussten alle

Entscheidungsträger von vornherein, auch wenn das natürlich nie einer zugäbe. Eigentlich ist das der Normalfall, in ein paar Jahrzehnten werdens völlig unvermutet draufkommen, dass die Politik sich auch im Jugoslawienkrieg von Finanzinteressen bzw. Geheimdiensten bereitwillig leiten ließ. Beim Irakkrieg hats gar nicht solange gedauert, bis die Lügen offensichtlich wurden, aber wenn man schon einen Krieg gewinnen und so riesige Rohstofflager kontrollieren kann, wärs doch dumm, mit sowas aufzuhören.

Georges Brandenburg
33
Die Slowaken haben vor den Trianon geliten und die Ungaren nach dem Trianon.

Die Slowaken und die andere Nationen haben 1000 Jahre unter den Ungarn geliten, die Ungarn leiden nur 90 Jahre und schon sind sie am Ende.

Alexander Patjomkin
00
Die Slovaken haben mit den Ungarn 1000 Jahre lang

friedlich zusammengelebt. Es gab auch viele gemischten Ehen, was natürlich die Friedlichkeit unterstrecht. Die Slovaken wollten sich gar nicht von Ungarn trennen. Das wollten nur ein paar Nationalisten und natürlich die Franzosen, die
das Verband Deutschland-Österreich-Ungarn völlig ruinieren wollten. Übrigens haben die Slovaken mit dem Brudervolk (Tschechen) nur 80 Jahre ausgehalten... Das finde ich sehr interessant..

Friedman Tobin
20

Das ist eine falsche Annahme. Als "Strafe" für die Magyarisierung haben die Ungarn nur Extrabehandlung erhalten. Den Ungarn geht es in der Slowakei, in Serbien oder in Rumänien besser als jeder anderen Minderheit in Europa (ausser vielleicht Finnland). Sie haben rein ungarischsprachige Schulen (in der Slowakei 2 Unis, eine davon rein ungarischsprachig), ihre Sprache ist Amtssprache in Gemeinden mit mehr als 20% Ungarn, sie haben vom Staat bezahlte Theater, Vereine, Zeitungen und haben ethnische Parteien im Parlament und oft sogar auch in der Regierung. Die Minderheiten in Ungarn haben iG dazu das genaue Gegenteil - nämlich nichts hiervon. Es gibt nichts mehr was sie erhalten könnten ausser einer Abspaltung von den jeweiligen Staaten.

Alexander Patjomkin
00
Lächerlich..

heute gibt es mehr rumänensprachige Analphabeten in Siebenbürgen als diese noch zum Ungarn gehörte. Jede Minderheit hatte seine Schulen, sein Folklor, seine Kultur konnten sie problemlos ausüben. Sie sollten die originalen Dokumente studieren und nicht alles glauben, was die Franzosen nach dem1. WK erfunden haben.
Diese Vorwürfe sind nur nach Trianon entstanden (als Vorwand zur Zerschlagung Ungarns)

Felix Meritis
00
11.6.2010, 07:25

Ungarisch ist Amtssprache in Gemeinden mit mehr als 20% Ungarnanteil? Das höre ich heute zum ersten Mal. Meines Wissens ist Slowakisch die alleinige Amtssprache der Slowakei. Es hat übrigens auch Jan Taler in diesen Foren mehrmals abgestritten, dass dem so sei.
Ansonsten fallen mir eine ganze Zahl an Minderheiten, eigentlich besser "lokalen Mehrheiten", ein, die bessere Regelungen genießen: Südtiroler, burgenländische Ungarn und Kroaten, alle nichtkastilischen Völker Spaniens, Schotten, Waliser, niederländische Friesen, "deutsche" Sorben, belgische Deutsche, praktisch alle Minderheiten Russlands, die Ungarn in Rumänien, etc....

Georges Brandenburg
00
ja keine Abspaltung!

was würde sie blos den slov. Ungarn bringen? Nichts vorteilhaftes: sie wären Bürger 2. Klasse, weil ihre Sprache anders ist und keine reine Ungarn sind, jedoch nur "magyarisierte Slowaken" sogennante Magyarone, dann, ihr Lebensstandard würde wesentlich sinken, ihre "Unterdrückung" wäre höher als unter Bratislava, usw. usw. In 1938 nach dem Anschluss zu Ungarn (anyaorszag) ist die anfängliche Begeisterung der Ungarn schnell in eine Enttäuschung umgeschlagen und dann haben sie gerufen:"minden draga, visza Praga".

pepitant
01
Geh, die meisten

werden gar nicht so alt.

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