Zündeln am rechten Rand Europas

4. Juni 2010, 10:46
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Ungarn weckt mit einem neuen Gesetz alte Gespenster: Budapest bietet 2,5 Millionen Auslandsungarn Pässe an

In der Slowakei gehen die Wogen hoch, in Serbien überwiegt die Freude. Die EU muss dem Treiben tatenlos zusehen.

Zsolt Feszty hat sein Denkmal präzise geplant. Er hat mit seinem Verein Tükör Spenden gesammelt, alle behördlichen Genehmigungen eingeholt und sogar die Baupläne selbst mit dem Architekten ausgetüftelt. Feszty ließ sich eine halbe Tonne schwere Skulptur bauen: einen sechs Meter hohen Pfeiler, um den sich vier riesige Ringe winden. Aufgestellt werden sollte das Denkmal im Garten der evangelischen Kirche von Komárno, dem slowakischen Grenzstädtchen an der Donau. Doch das Projekt ist zu einem politischen Streitfall geworden, denn in allerletzter Minute hat das Denkmalamt die Genehmigung entzogen.

Feszty gehört zu der halben Million Ungarn in der Slowakei, der neben den Roma größten Minderheit im Land. Sein Denkmal mit Ringen ist das jüngste Streitobjekt in einer ganzen Reihe obskurer Symbole, die den Dauerkrach zwischen Bratislava und Budapest am Laufen halten. 2008 ging es um Schulbücher. Die slowakische Regierung wollte, dass auch an den ungarischsprachigen Schulen geografische Eigennamen primär auf Slowakisch unterrichtet werden. Bratislava statt Pozsony. 2009 krachte es wegen einer Statue des ungarischen Königs Stephan. Sie wurde in Komárno von einem ungarischen Verein aufgestellt. Ungarns Präsident László Sólyom sollte zur Einweihung kommen, ihm wurde in letzter Minute die Einreise verwehrt.

2010 ist es also die Ringskulptur: "Die Ringe symbolisieren, wie Ungarn in alle vier Windrichtungen zerrissen wurde", sagt Feszty. "Die Menschen sollen sehen, dass wir nicht nur 500.000 Ungarn in der Slowakei sind, sondern 13 Millionen in Europa." Der Verein Tükör will das Denkmal heute, Freitag, trotz des Verbots einweihen. Schließlich ist es ein denkwürdiger Tag.

Diesen Freitag vor genau 90 Jahren wurde der Friedensvertrag von Trianon (bei Paris) unterzeichnet. Der Vertrag beendete formal den Ersten Weltkrieg, das Königreich Ungarn verlor zwei Drittel seines Territoriums. Von der Slowakei über die Ukraine bis hin nach Serbien werden viele der 2,5 Millionen Auslandsungarn Kranzniederlegungen und Gottesdienste besuchen. Das Trianon-Andenken riecht nicht selten nach Revanche-Gelüsten.

Einmalig sind heuer die Begleitumstände des Jubiläums. Das neue Budapester Parlament, das von den Rechtskonservativen unter Premier Viktor Orbán dominiert wird, hat soeben ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz beschlossen. Es sieht vor, dass Auslandsungarn ab 2011 auch ohne Wohnsitz in Ungarn ungarische Staatsbürger werden können.

Die Slowakei reagierte empört, immerhin zehn Prozent der Slowaken fühlen sich als Ungarn. Budapest habe es nicht für wert befunden, sich mit Bratislava zu besprechen, kritisierte die slowakische Regierung und verabschiedete selbst ein Gesetz. Wer die ungarische Staatsbürgerschaft annimmt, wird seine slowakische verlieren. Der Nationalistenführer Ján Slota warnt in Bratislava gar vor einem "Kosovo-Szenario" in seinem Land. Die Slowaken sind aber auch von der ungarischen Geschichtsdarstellung entsetzt. Die ständige Bezeichnung Trianons als ungerecht komme einer Kritik an der gegenwärtigen "Architektur Europas" gleich. Beispiellose Töne zwischen zwei EU-Staaten.

Droht da ein neuer Nationalitätenkonflikt? Nicht wenn es nach István Jalsovsky ginge. Er gehört zur ungarischen Minderheit in der Slowakei und sagt, Orbán solle seine Staatsbürgerschaft behalten. "Ich bekomme schon nach einer Woche in Ungarn Heimweh", sagt Jalsovsky. "Was soll ich mit der Staatsbürgerschaft? EU-Bürger sind wir alle."

Serbiens neue EU-Bürger

Feszty und der Bischof von Komárno, der das Ringprojekt unterstützt, denken anders. Für sie ist Trianon eine "schmerzhafte Erinnerung". Sie sprechen von einer zunehmenden Slowakisierung im Land, der Pass könnte sie schützen. Die Staatsbürgerschaft sei eine längst fällige symbolische Anerkennung aus Budapest.

Schauplatzwechsel. Auch 400 Kilometer weiter südlich von Komárno in Novi Sad, der Hauptstadt der serbischen Provinz Vojvodina, ist das neue Staatsbürgerschaftsgesetz das Hauptthema der ungarischen Minderheit. Die Staatsbürgerschaft hat für die 300.000 Ungarn der Vojvodina nicht nur symbolischen Wert. Ohne Visum in die EU reisen können die Serben zwar seit Anfang 2010. Wer aber einen ungarischen Pass bekommt, wird damit zu einem EU-Bürger, kann also auch in den Westen auf Arbeitssuche. Die EU hat in Staatsbürgerschaftsfragen keine Kompetenzen und kann dem Treiben Budapests daher nur zusehen.

In Serbien selbst gab es bisher auch keine rauen Töne, die Regierung in Belgrad schweigt zum neuen ungarischen Gesetz.

László Végel, ungarischer Schriftsteller in der Vojvodina, ist daher voll zufrieden: "Das neue Staatsbürgerschaftsgesetz hat Europa ein kleines Stückchen offener und globalisierter gemacht", sagt er. Die EU brauche dringend neue Kompetenzen in der Minderheiten- und Staatsbürgerschaftspolitik. Sonst kann sie bei Konflikten nur zusehen und nie eingreifen. Und wer weiß schließlich, welches Statuenprojekt 2011 ansteht. (András Szigetvari aus Komárno/DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2010)

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  • Zutaten für zunehmende Spannungen: Statue der ungarischen Minderheit im slowakischen Komárno, ...
    foto: standard/szigetvari

    Zutaten für zunehmende Spannungen: Statue der ungarischen Minderheit im slowakischen Komárno, ...

  • ... Ringe zum Andenken an den Trianon-Vertragsschluss vom 4. Juni 1920, ...
    foto: standard/szigetvari

    ... Ringe zum Andenken an den Trianon-Vertragsschluss vom 4. Juni 1920, ...

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    ... Ungarns neuer Premier Viktor Orbán.

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