Geständnis: Ich war ein Playback-DJ

4. Juni 2010, 10:28
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Schon bei Hansi Hinterseer ist nur schwer zu erkennen, ob er tatsächlich live und selbst singt - beim Plattenauflegen ist der Playback-Nachweis aber de facto unmöglich

Ob es das wirklich gäbe - und wenn ja, wie Playback-DJing funktioniere und woran man es erkenne, fragte ein Leser dieser Kolumne nun per Mail an. Die Frage habe sich aufgedrängt, nachdem hier von Martina Kaisers DJ-Karriere die Rede war - und irgendjemand danach im Gespräch oder per Mail das Wort vom Playback fallen lassen haben soll.

Eines gleich vorweg: Ich unterstelle Martina Kaiser nichts dergleichen. Ich habe sie zwar noch nie persönlich auflegen gehört oder gesehen, bin aber durchaus beeindruckt, wenn ich auf Facebook ihre Bildergalerie mit Auftritten in halb Europa, im arabischen und russischen Raum sehe. Und da ich - vor mittlerweile fast 20 Jahren - zeitgleich mit ihr beim Bezahlfunk Söldner war (sie „Treffpunkt Ö3", ich „Musicbox" und „Zick Zack"), weiß ich, dass sie nicht erst seit sie Klaus Biedermann (u.a. Bingo Boys, DJ Oetzi und zuletzt der Mann, der als DJ. Mixer und Producer sogar Lugners Ex „Bambi" Bruckner glauben ließ, selbst Sängerin zu sein) kennt, gelernt haben muss, was ein Plattenspieler ist.

Zurück zur Frage: Playback-DJ-ing gibt es. Und es ist weiter verbreitet, als man es sich als Clubbesucher eingestehen will. Erst recht, wenn man da für einen Star-DJ ein fettes Eintrittsgeld hingelegt hat. Aber belegen lässt es sich kaum, dass der Mann oder die Frau, die da mit flinken Fingern hinter dem Pult steht, in Wirklichkeit nur so tut als ob.

Unbelegbar

Und auch wenn ich nicht den geringsten Grund habe, an jener Geschichte zu zweifeln, wonach einer der zur Zeit bestbezahlten rhythmischen Krachmacher Europas unlängst bei einem Gig in Österreich nach der Hälfte seines Gigs in einer Pause soviel Spaß mit dem guten Nasenpuder und den - ebenfalls vom Veranstalter gestellten - sehr sehr jungen „Betreuerinnen" hatte, dass er einfach am Laptop dem Kraftwerk-Motto folgte („wenn ich auf diese Taste drück´, ertönt ein kleines Musikstück") - und dann abtauchte, werde ich den Teufel tun und hier Namen, Zeit oder Ort präzisieren: Jedes Detail an dieser Geschichte ist nämlich ebenso und von mehreren Parteien klagbar, wie es für mich unbeweisbar ist. Außerdem: Niemand im Publikum hat etwas von diesem „Betrug" bemerkt - der Star war ja schließlich da gewesen. Und der Sound passte.

Stattdessen will ich ein Geständnis ablegen: Auch ich war Playback-DJ. Und auch bei mir hat es keiner bemerkt. Die Geschichte trug sich vor einigen Jahren zu: Mein Freund Alexander Iwan war damals mit kleinen alten Super8-Filmloops eine beliebter Party-Visual-Artist. Und als er eingeladen wurde, die Firmenweihnachtsfeier der Österreichzentrale von VW in Salzburg zu „belichten", begleitete ich ihn. Zum Leiterhalten und Kabeltragen.

Elk

DJ des Abends war Manfred Breiner, lange auch als „Elk" bekannt: Ein, wenn nicht der, ewige Mod Wiens. Da die Zahl der Mod-Allnighter aber eher spärlich war und ist, besserte er sein Einkommen als Party- und Oldies-DJ auf.

Elk arbeitete damals noch mit Vinyl-Platten. Aber er hatte auch einen Minidisc-Player mit. Und neben dem Player stand ein kleines, unscheinbares Kistchen. In dem stapelten sich Mitschnitte, die Breiner von seinen eigenen Sets gemacht hatte. Sie waren fein säuberlich beschriftet - die meisten stammten aus dem Wiener Roxy.

Irgendwann wollte Elk Pause machen. Oder aufs Klo. Oder mit einer Dame die Büros der Autoniederlassung besichtigen. Egal. Aber drei Minuten wären da in jedem Fall etwas kurz gewesen. Also winkte er mich zu sich und fragte, ob ich für ihn einspringen könnte. Ich tippte mir an die Stirn. Elk lachte: „Keine Angst, das schaffst du: Da oben liegen zwei Platten, das ist der Kopfhörer - und wenn du außer diesen beiden Reglern nichts am Mischpult angreifst, kann gar nix passieren. Tu halt, als wärest du voll aktiv." Sprachs - und war dahin.

Da stand ich also. Vor und unter mir tanzten gut 200 Menschen. Ich klemmte den Kopfhörer zwischen das linke Ohr und die Schulter, schrubbte ein bisserl mit der einen Platte am Plattenspieler hin und her und tat, als wäre ich total konzentriert damit beschäftigt, den optimalen Sound herbeizufummeln. Der Song ging zu Ende, der nächste begann - und obwohl es Musik der Kategorie „Rocky Horror Picture Show" meets „Uriah Heep" war, nickten mir ein zwei Herren anerkennend wissend zu. Ihre Damen lächelten: Die Expertise der Männer schien sie wiederum zu beeindrucken.

Es funktioniert

Nach drei vier Nummern hatte ich es dann heraußen: Wenn der neue Song startete, gab ich der Platte einen Spin. Manchmal stampfte ich, boxte in die Luft oder feuerte die Menge an. Und die reagierte tatsächlich auf diesen Unfug: die Stimmung war bestens. Besser, bildete ich mir ein, als in der Zeit, in der Elk selbst aufgelegt hatte. Irgendwann glaubte ich mir dann sogar selbst beinahe, für den Sound verantwortlich zu sein - und als mich Breiner wieder ablöste, tat ich natürlich nichts, um die beiden Damen, die mit mir unbedingt Backstage über Rhythmus und Party diskutieren wollten, von diesem Vorhaben abzubringen.

Ein paar Wochen später rief mich jemand aus der Firma an: Es gäbe da eine Party zu bespielen. Manfred Breiner selbst habe keine Zeit. Darum habe man mich empfohlen: Ich sähe ganz passabel und zum Auftrag passend aus, könne im Takt mit dem Kopf nicken und hätte auch sonst alles getan, was ein guter DJ können müsse. Der Anrufer lächelte hörbar ins Telefon. Die Gage wäre ok gewesen. Und Folgeaufträge standen im Raum.

Nur: Ich hatte keine Zeit. Sonst wäre ich heute vielleicht ja auch ein angesagter Top-DJ, der mit seinem Laptop von Club zu Club zieht. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 4.6.2010)

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