Ursachensuche nach tödlicher Gasexplosion

3. Juni 2010, 20:45
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Eine Gasexplosion zerstörte am Donnerstag ein Haus, in dem fünf Menschen waren - Die Unglücksursache ist unklar - ein Stromausfall davor gibt Rätsel auf

Eine meterhohe Fichte steht windschief an der Grundstücksgrenze in der Munggenaststraße im Süden St. Pöltens, von der Wucht der Explosion fast entwurzelt. Einige Meter dahinter: Die glosenden und rauchenden Reste des Hauses, das Donnerstagmorgen bei einem Gasunfall völlig zerstört worden ist. Das einstöckige Gebäude ist zusammengesackt, das Satteldach liegt nur noch drei, vier Meter über dem Boden, auf den Ziegel- und Betontrümmern.

Kurz vor acht Uhr früh am Donnerstag war es in der niederösterreichischen Landeshauptstadt zu dem Unglück gekommen. Die gewaltige Druckwelle der Explosion beschädigte noch zwanzig Meter entfernt Fenster, der Knall war weit zu hören. "Ich war im Norden und habe noch gerätselt, woher der Lärm kommen könnte, als ich angerufen worden bin", erzählt der sichtlich betroffene Bürgermeister Matthias Stadler, als er inmitten des Getümmels der Einsatzkräfte steht.

Sieben Menschen waren in dem Einfamilienhaus gemeldet, offenbar drei Generationen einer Familie und zwei Mieter. Diese beiden konnten noch am Donnerstagvormittag von der Polizei gefunden werden: Sie hatten Freunde in Breitenfurt besucht. Kurzfristig befürchtete Polizeisprecher Johann Götz ein sechstes Opfer: Doch wie sich herausstellte, hatte die Person das Haus um sechs Uhr morgens verlassen - zwei Stunden vor der Katastrophe.

500 Feuerwehrleute vor Ort 

Kurz nach elf Uhr gelten die fünf Opfer, drei Männer und zwei Frauen, in der offiziellen Sprachregelung immer noch als vermisst. Von Toten will niemand sprechen. Hat man die Zerstörung gesehen und den Feuerwehrmännern zugehört, kann es am Schicksal der Menschen allerdings kaum Zweifel geben, in der Nacht auf Freitag wurde das fünfte Todesoper geborgen. Selbst am Nachmittag sind die insgesamt rund 500 im Einsatz befindlichen Männer und Frauen noch damit beschäftigt, den Brand zu löschen.

"Das Problem ist, dass das Wasser noch nicht in alle Glutnester des Schuttkegels gekommen ist", sagt einer von ihnen. Dutzende Schläuche sind daher noch immer auf die Trümmer gerichtet, Wolken von Wasserdampf ziehen in den grauverhangenen Himmel.

Das Katastrophenmanagement scheint gut zu funktionieren. Nicht nur Feuerwehren aus der Stadt und aus umliegenden Gebieten sind gekommen, auch rund 100 Rettungskräfte stehen bereit, die Polizei hat Kräfte aus den umliegenden Bezirken eingezogen. Selbst an die Medien wurde gedacht: Pressekonferenzen finden auf der Bühne eines ehemaligen Kinos statt.

Was die Gasexplosion ausgelöst hat, ist noch völlig unklar. Angesichts der Wucht der Detonation muss aber eine größere Gasmenge im Spiel gewesen sein. Sicher ist, dass es im Umfeld keine Bauarbeiten gegeben hat, bei denen eine Leitung beschädigt worden sein könnte, sagt Bürgermeister Stadler. Polizeisprecher Götz hat auch keine Informationen darüber, dass im Haus selbst gebaut worden sei.

Mysteriös ist allerdings ein Vorfall am Vorabend. Aus ebenso vorerst unbekannten Gründen war der Strom in der Siedlung ausgefallen. Mutmaßungen, ob das mit dem Unglück zusammenhängt, wollte aber niemand anstellen. Schon kurz nach der Explosion sind Brandermittler des Bundeskriminalamtes eingetroffen. Ihre Arbeit können die Spezialisten allerdings vorerst nur langsam starten - die Brandruine ist noch eine Gefahrenzone.

Vor Ort herrscht ständiger Schichtwechsel bei der Feuerwehr. Nahe am Explosionsort liegt der Brand- und Rauchgeruch noch immer in der Luft. 30 bis 50 der Retter sind mit Atemschutzgeräten gleichzeitig am arbeiten, sagt der Einsatzleiter, Dietmar Fahrerfellner. Je nach Ausrüstung können sie 20 bis 70 Minuten vor Ort bleiben, die meisten werden aber nach einer knappen halben Stunde abgelöst. Andere sind damit beschäftigt, Wasser in einen Gully zu spritzen. Mit einem Rohr wird das möglicherweise noch vorhandene Gas aus dem Kanal abgesaugt. Denn auch Stunden nach der Sperre der Gasleitung war die Gaskonzentration noch zu hoch gelegen.

Nicht nur Gas und Rauch stellen die Feuerwehr vor Probleme. "Die Straßen sind so eng, dass wir keine Möglichkeit haben, den Schutt abzulagern", schildert Fahrerfellner. Ein 60-Tonnen-Kran hebt das Dach ab, die Trümmer müssen auf Schwerfahrzeuge verladen und weggefahren werden. "Wir versuchen, zunächst zu den Wohn- und Schlafräumen oben zu gelangen und dann nach unten weiterzusuchen", skizziert Fahrerfellner den Plan der Feuerwehr.

An den Absperrungen stehen nicht nur Schaulustige, sondern auch Anrainer, die ihre Häuser verlassen mussten. 15 Personen wurden in Sicherheit gebracht, die Rettung musste drei von ihnen mit Rauchgasvergiftung in Spitäler bringen. "Ich wäre heute bei ihnen zum Frühstück eingeladen gewesen", sagt eine ältere Dame. Die Sorge war, dass sich Gas im Kanal ausbreitet und auch an anderer Stelle explodieren kann. In der unmittelbaren Nachbarschaft war es notwendig, die Statik der Häuser zu überprüfen. Am frühen Nachmittag sah es aber laut Bürgermeister Stadler so aus, als hätten die Gebäude keine strukturellen Schäden erlitten.

Vergleich mit Wilhelmsburg 

Für die an den Absperrgittern- und -bändern Wartenden ist das naturgemäß eher Nebensache. Betroffen sind alle, die Familie sei nett gewesen, wird versichert. Der Vergleich mit Wilhelmsburg wird gezogen, jenem nicht weit entfernten Ort, in dem im Jahr 1999 neun Menschen bei einer Gasexplosion starben (siehe Chronologie unten). Immer wieder machen Gerüchte die Runde. Es seien Verletzte aus den Trümmern geborgen worden - kurz darauf ist diese Hoffnung wieder zerstoben. (Michael Möseneder aus St. Pölten, DER STANDARD; Printausgabe, 4.6.2010)

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    Stundenlang war die Feuerwehr beschäftigt, um das Feuer unter Kontrolle zu bringen.

  • 15 Anrainer mussten die Gefahrenzone verlassen, drei Menschen ins Spital gebracht werden.
    ff st. pölten-stadt/lang

    15 Anrainer mussten die Gefahrenzone verlassen, drei Menschen ins Spital gebracht werden.

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