Happen für spirituelle Hungerleider

3. Juni 2010, 19:44
2 Postings

Kornél Mundruczós Inszenierung von Vladimir Sorokins "Ljod. Das Eis" in der Halle G im MuseumsQuartier

Wien - Ein Geheimorganisation geheimnisvoller Lichtwesen zieht durch die Moskauer Giergesellschaft der Jelzin-Putin-Jahre. Die ebenso blonden wie blauäugigen Auserwählten einer Sekte schmettern Eis-Äxte gegen die Brustbeine ihrer menschlichen Versuchskaninchen: Wessen Herz auf den rohen Gewaltakt mit einem Gurgeln antwortet, wird prompt in den Kreis der 23.000 Erwählten aufgenommen. Vladimir Sorokins Roman "Ljod. Das Eis" reiht sich nahtlos ein in die Reihe großer russischer Utopien, die von der Rolle einer geläuterten Menschheit handeln.

Er ermöglicht in der Bühnenadaption des ungarischen Regie-Desperados Kornél Mundruczó aber vor allem eine Achterbahnfahrt durch das finstere Herz des Neokapitalismus. Der Abend des Budapester Nationaltheaters läuft in der Halle G des Museumsquartiers als szenische Fließbewegung durch den Aufriss einer abgewrackten Genossenschaftswohnung: Diverse Verlierergestalten der postsozialistischen Ordnung laufen den Agenten des Lichts in die Arme. Sie werden beklopft und hierauf entweder als Initiierte erkannt - oder für "taube Nüsse" erachtet und entsorgt.

Mundruczós halsbrecherische Kollektivübung - eine durch und durch famose Arbeit - konzentriert das Elend der unteren Einkommensklassen in den Schattenzonen der Freizeitgesellschaft. Nackte Enthemmte turnen überschnappend durch einen Alltag, in dem das Vögeln für die Unschuld der wahren Ekstase einstehen soll. Nur ist das Erlebnis der Entgrenzung für die Deklassierten einfach nicht mehr vorgesehen.

Sorokin probiert sich in seinem Roman daher am ehesten als Ersatzstoffhändler: Wie verhalten sich die Angehörigen einer spirituell nutzlos gewordenen Ausbeutergesellschaft? Sie turnen in der Badewanne und faseln von der jüdischen Weltverschwörung. Sie zerlegen die Szenenfolge des Romans aber auch in traurigen Trash, dessen Bestandteile wie die Produkte langer Improvisationsübungen aussehen. Prostituierte und Drogenkunden zahlen mit dem Körper für kleine Gefälligkeiten.

"A jég - Ljod. Das Eis", so der ungarische Produktionstitel, enthält einige der schüchtern-rührendsten Intimszenen, die keinen Voyeurismus bedienen, sondern einem schlicht das Gemüt verdunkeln können.

Szenenwechsel nach der Pause: Die Schauspieler sitzen auf einer Tribüne in einem Wald von Kiefernzweigen. Die Baumschule der Wirklichkeit: Das Entstehen der Sekte wird im Wege eines langsam anschwellenden Oratoriums erzählt. Ein verquälter Marsch aus der Feder Schostakowitschs stampft; die Initiierten, Sprösslinge des "uranfänglichen Lichts", schicken sich an, die ganze Menschheit zu umarmen. Mundruczós bedrückender Albtraum rührt an die Wurzeln des Totalitarismus. Er zeigt aber vor allem vitalstes Theater, dessen Beteiligte sich auch von Stromausfällen nicht ins Bockshorn jagen ließen - sondern ihre entgrenzte Gymnastik bei Bedarf gerne wiederholten. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.6.2010)

 

  • Artikelbild
    foto: eszter gordon
Share if you care.