Bedrohte Insel am Ende der Welt

3. Juni 2010, 19:24
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Am Mississippi kämpfen Houma-Indianer um ihre letzte, vom Öl verpestete Enklave

Theo Chaisson thront auf seiner Veranda wie ein zufriedener Buddha. Einen Arm übers blaue Geländer gelegt, schaut er versonnen einem Kranich hinterher. Sehr langsam, sehr sorgfältig buchstabiert der alte Indianer seinen Namen, dann packt ihn plötzlich der Schalk. "Na, unser Freund Bud hier, da wissen Sie wohl, wie der sich schreibt", sagt er grinsend.

Zwei Budweiser, Bud eben, hat er schon geleert beim Plausch mit seinen Kumpels. Es ist Mittag, der Tag noch lang, der Kühlschrank voll. Unten fließt grünbraun ein Bayou, einer der stillen Flussarme des Mississippi-Deltas. In der Ferne flattert ein Schwarm brauner Pelikane aus dem Schilf. Von der Fotowand überm Tresen lächeln selige Hobbyfischer, Baseballkappen auf dem Kopf, stolz posierend mit armlangen Prachtexemplaren. Vor Theos Anglerlokal endet die einzige Straße der Insel Isle de Jean Charles, die letzte Straße im Delta. Seit die Ölpest das Wasser verseucht, lässt sich kein Kunde mehr blicken, keiner, dem Theo eimerweise Köder verkaufen kann. Die drei mit dem Budweiser, sie sitzen buchstäblich am Ende der Welt.

Angeschlagen ist es schon lange, das vermeintliche Idyll. Wirbelstürme wie "Katrina" und "Rita" haben von den schäbigen Hütten des Eilands nur Bretterhaufen übrig gelassen. Längst sind noch nicht alle Hütten wieder aufgebaut. In einer Ruine drehen junge Filmemacher aus New Orleans, angelockt vom morbiden Charme des Verfalls. Jemand hat Sonnenblumen zwischen himmelblaue Bretter gepflanzt, ein anrührendes Symbol des Behauptungswillens. "Wir kämpfen. Isle de Jean Charles darf nicht untergehen", sagt Chris Chaisson, Theos Neffe. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Highway 665 in den Fluten versinkt. "Und das war alles mal Land. Überall Kuhweiden, du konntest kilometerweit mit dem Pferd darüberreiten", sagt Chris Chaisson und zeigt auf die Orientierungspunkte seiner Kindheit. "Da drüben, die Kirche. Dort, die alte Eiche."

Schutzwall in Gefahr 

Das vom Golf hereinschwappende Öl wird das Schilf auf den letzten vorgelagerten Inselchen töten, die werden ins Wasser rutschen, der Isle de Jean Charles wird der letzte Verteidigungswall abhanden kommen. Damit verliert das Volk der Houma eine der letzten Enklaven, die es noch hat.

17.000 Stammesangehörige gibt es noch. 1927, nach schweren Überschwemmungen, beschloss die Regierung, den Mississippi zwischen hohe Deiche zu zwängen. Ein Symbol des Fortschritts. Einmal begradigt, konnte der mächtige Strom seine Sedimente nicht mehr im Delta ablagern. Auf dem Lirette-Feld, in der Nähe der Isle de Jean Charles, entstand bald darauf die seinerzeit größte Erdgasförderanlage der Welt. Die Ölmänner ließen schnurgerade Kanäle baggern, um kurze Transportwege zu haben. War ein Kanal erst gegraben, erodierte an seinen Ufern der Boden. Die Wasserstraßen wurden breiter und breiter, ideale Schneisen für das Salzwasser, das vom Golf in die Feuchtgebiete vordrang.

887 Millionen Dollar teuer, sollen nun 115 Kilometer lange Erdwälle die Zerstörung stoppen. Seit 1992 ist der US-Kongress mit dem Projekt befasst, es geht nicht voran. Auf Isle de Jean Charles wird wohl keiner mehr wohnen, wenn der Rettungsversuch endlich greift, fürchtet Brenda Dardar-Robichaux. "Und das Öl erledigt den Rest. Wer weiß, wann wieder ein Fischerboot auslaufen kann." (Frank Herrmann, DER STANDARD; Printausgabe, 4.6.2010)

  • Chris Chaisson, Bewohner der Isle de Jean Charles, auf dem von Überschwemmung bedrohten Highway.
    foto: standard/hermann

    Chris Chaisson, Bewohner der Isle de Jean Charles, auf dem von Überschwemmung bedrohten Highway.

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