Schönwetterballon und Hochzeitstor

3. Juni 2010, 19:35
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Um dem Tiefschlaf nach dem Kulturhauptstadtjahr entgegenzuwirken, setzt man nun auf die Triennale

Diese soll die Stadt Linz als ein Zentrum österreichischer Gegenwartskunst etablieren.

Linz - "Wie ein Hochzeitstor, wo Straßenbahnen heiraten" ist wohl die originellste Umschreibung für die gestapelten weißen Container, die sich auf dem Linzer Hauptplatz zum Triumphbogen fügen. Dass die weiße Bim durch das Tor fahren kann, war für Künstlerin Ursula Hübner aber tatsächlich ein formales Muss. Nach den Höhen- und Tiefenrausch-Projekten, die sich während des Kulturhauptstadtjahres als Publikumsmagneten erwiesen, sollte auch für die neue Triennale Linz 1.0 ein weithin sichtbares, identitätsstiftendes Zeichen entstehen.

Mit Industriecontainern setzte Hübner, Professorin für Malerei an der Linzer Uni, bei der Rauheit der Stahlstadt an und transformierte diese in etwas Lustvolles, das mit barock anmutenden Elementen auch die Stadtarchitektur aufgreift. Ganz in weiße Farbe getaucht, löst sich das Tor im zur Eröffnung wolkenverhangenen Himmel regelrecht auf. Ein Spiel mit Sicht- und Unsichtbarkeit.

Dem Hauptplatz und seinem historischen Kontext mit den Brückenkopfgebäuden der NS-Zeit müsse man sich freilich stellen, sind sich Lentos-Direktorin Stella Rollig und OK-Chef Martin Sturm einig. In Form und Material unterlaufe die temporäre Installation aber jegliche martialische, verherrlichende Inszenierungsform eines klassischen Triumphbogens. Zusammen mit dem Leiter der Landesgalerie, Martin Hochleitner, begannen die beiden vor anderthalb Jahren, das Konzept für die Triennale zu entwerfen: Künftig soll alle drei Jahre eine Art "Lebt und arbeitet"-Querschnitt des heimischen Kunstschaffens präsentiert werden. Dieses Mal sind es 114 Künstler aus ganz Österreich, die sich bis Ende September unter einem "gemeinsamen" Format in den drei unterschiedlichen Häusern und im öffentlichen Raum präsentieren. Außerdem wolle man die Stadt mittelfristig als weiteres Zentrum österreichischer Gegenwartskunst positionieren.

Ein beherztes Unterfangen, denn es kommen zwar viele zum Kunststudium nach Linz, danach wandern die meisten jungen Künstler jedoch wieder ab: Netzwerke spinnen sich in Wien, wo es zahlreiche Galerien und Off-Spaces gibt und internationale Sammler Station machen, eben doch wesentlich leichter. Womit die Triennale Linz allerdings bereits jetzt punkten kann, ist ein kleines magisches Wort: "gemeinsam". Denn was woanders scheinbar undenkbar ist, funktionierte hier bereits während Linz 09: Es ist ein "tolles Zusammenspiel von drei Institutionen", deren Programme durchaus große Überschneidungen haben, betont Sandro Droschl, Leiter des Kunstvereins Medienturm in Graz und Ko-Kurator im OK.

Neue Subjektivität

Im Vergleich zum Lentos, das - abgesehen von den Videopräsentationen - alle Positionen dialogisch in einem Saal zeigt, können sich die Werke im Offenen Kulturhaus isoliert voneinander und raumgreifend entfalten. Medienübergreifende, experimentelle Werke mit Film und Video sind hier zu Hause, wobei insbesondere die konzeptuelle, formal strenge und mit vor Ort gefundenem Material arbeitende Installation Christoph Meiers oder die von Science-Fiction und Wissenschaft durchdrungenen Modellwelten Ralo Mayers im Gedächtnis bleiben. Eine Entdeckung ist die junge Linzerin Katharina Lackner, die die verschiedenen Erzählebenen ihrer zarten Zeichnungen mittels Videoprojektionen wachküsst.

Auch das Parkhaus wird täglich zur "Blauen Stunde" mit einer Mischung aus Film und Performance bespielt - lediglich der Sommer fehlt zum Glück noch. Wohltuend ist, dass in keinem der drei Häuser versucht wird, krampfhaft eine thematische Ausstellung zu konstruieren. Dennoch machen die Kuratoren Trends aus, die es zu besichtigen lohnt: neue Subjektivität, lustvolles Suchen nach dem Skurrilen und Kunst, die sich vor Extravaganz und übersteigerter Ästhetik nicht scheut.

"Es ist, was es ist", sagt hingegen Christian Eisenberger, der den Raum unter der Lentos-Spange bespielt: "Ein Heißluftballon, der nicht fliegt." Denn den Luftikus quetscht Eisenberger in den Zwischenraum hinein. Nach Dauerregen schien die Realisierung zum Triennale-Start zunächst zu wackeln. "Es ist ein Schönwetterballon." Aber auch das hätte Eisenberger nicht aus der Ruhe gebracht: "Was gibt es in einer Welt, in der alles auf Funktion getrimmt ist, Besseres, als wenn Dinge nicht funktionieren?" (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.6.2010)

 

Bis 26. 9.

  • "Hochzeitstor, wo Straßenbahnen heiraten": Triumphbogen der Kunst von Ursula Hübner
 
    foto: saxinger


    "Hochzeitstor, wo Straßenbahnen heiraten": Triumphbogen der Kunst von Ursula Hübner

     

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