Musikrundschau Südafrika

3. Juni 2010, 19:04
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"Ayobaness - The Sound Of South African House" und "Next Stop Soweto"

AYOBANESS! THE SOUND OF SOUTH AFRICAN HOUSE
(Outhere Records / Lotus)
In Südafrika gilt nicht nur Fußball als dezidiert "schwarze" Sportart - die Weißbrote prügeln sich offensichtlich lieber beim Rugby um die Wuchtel. Auch musikalisch fällt einem bei Südafrika außer Howard Carpendale, der aufgrund seiner unbotmäßigen Kunst einst sogar das Land Richtung Deutschland verlassen musste, eher gar nichts ein.

Abgesehen von den seit den frühen 1980er-Jahren aktiven ehemaligen Avantgarde-Musikern Kalahari Surfers, die sich über die Jahre von Pop- und Rockzerlegungen Richtung Elektronik und Clubs bewegten, passiert die interessante und wesentliche populäre Musik noch heute in den Townships. Speziell wenn es darum geht, abgesehen von auch auf dem afrikanischen Kontinent übermächtigem Pop-Schrott wie Beyonce, Whitney Houston oder diversem Blood-Diamond-HipHop-Raubtier-Kapitalismus-Schrott in die Moderne zu gehen, gelten speziell die Townships um Johannesburg und Kapstadt als Zentralen.

Von außen schießen zwar derzeit international in den Feuilletons abgefeierte Kabarettbands wie der burische White-Trash-Schrott der HipHop-Combo Die Antwoord nach vorn; eine die hässliche weiße Kultur und Lebensart in Südafrika mit den Mitteln der frühen Beastie Boys thematisierende Kabarettistengruppe, die dann etwa von deutschen Medien tatsächlich ernst genommen wird.

Wer sich allerdings tatsächlich für authentisch produzierte Pop-Missverständnisse und Bastardisierungen interessiert, ist bei Samplern wie "Ayobaness - The Sound Of South African House" bestens aufgehoben. House wird in Südafrika entschieden heterosexuell und auch ausgewiesenermaßen dreckig gedeutet. Die obligaten aus der Disco abgeleiteten Four-to-the-Floor-Simpel-Beats des nicht kaputtzukriegenden Genres werden mit lokalen Stilen wie dem Südafrika dominierenden Pop-Bastard Kwaito kurzgeschlossen. Daraus entsteht ein mitunter an noch vor kurzem hyperaktuelle Trendsportarten wie den brasilianischen Baile Funk erinnernder Stil, der in lokalen Sprachen und brüchigem Englisch mit Raps aufgefettet und auf Open-Air-Straßenpartys ziemlich sehr laut aus den Boxen geblasen wird.

NEXT STOP SOWETO
Vol. 1 & Vol. 2

(Strut/Hoanzl)
Die South Western Townships nahe Johannesburg mit geschätzten 3,5 Millionen Einwohnern brachten zwar von den 1960er-Jahren herauf keine über das Land hinausstrahlenden Künstler hervor, die hier auf zwei CDs von völlig unbekannten Bands gebotenen über 40 Adaptierungen von Soul- und Funkmusik großteils aus den frühen 1970er-Jahren und ihre Auffrisierung mit afrikanischer Polyrhythmik und den wunderbar perlenden Melodien sowie der Call-and Response-Gesang zwischen Sängern und Chor macht allerdings Gänsehaut. Wunderbar! (schach / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.6.2010)

 

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