Pop und Plop

3. Juni 2010, 18:56
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Der aus Somalia stammende Kanadier K'naan liefert mit "Wavin' Flag" die WM-Hymne von Coca-Colas Gnaden

Zwischen Fußball und Pop besteht eine enge Verwandtschaft. In Großbritannien, wo dann auch beide Diszi-plinen so beherrscht werden, dass die Gefahr der Schande und Häme vernachlässigbar ist, sowieso. Aber selbst dort wird es dramatisch, wenn das Fach gewechselt wird. Man denke an singende Kicker wie Kevin Keegan ("Head Over Heels In Love") - quasi der Toni Polster Englands. Aber Fußball und Popkultur weisen etliche Berührungspunkte auf. Vom ergebenem Fantum (George Best zierte 1987 das Cover des gleichnamigen Debütalbums von The Wedding Present) bis zur Kickerhymne "World In Motion" von New Order und, und, und.

Auch die WM in Südafrika hat eine WM-Hymne, nämlich das von einem Kracherlproduzenten unterstützte "Wavin' Flag" des kanadischen Rappers K'naan. Ein Kanadier? Yes! Kaynaan Warsame, so der bürgerliche Name des Musikers, wurde 1978 in Somalia geboren.

Sein Song beschreibt das Aufwachsen unter ärmlichen Bedingungen und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein Stück mit autobiografischer Färbung. Denn um den Wirren des Bürgerkrieges in seiner Heimat zu entkommen, folgte K'naan als Teenager mit seiner Mutter und seinen Geschwistern seinem Vater nach New York. Dieser arbeitete dort bereits länger und versorgte seinen Sohn aus der Ferne mit den von diesem heiß begehrten HipHop-Alben.

Eines dieser Alben, "Paid in Full" von Eric B & Rakim, wurde schließlich zum Erweckungserlebnis für Klein-K'naan. Er erkannte im HipHop eine intellektuelle Möglichkeit, um mit den widrigen Umständen seines jungen Lebens umzugehen. Als er, der Enkel von Haji Mohamed, einem der berühmtesten Dichter des Landes, und Neffe der international bekannten Sängerin Magool, schließlich kurz zwecks Familienzusammenführung in New York lebte, bevor alle nach Kanada weiter emigrierten, war es um ihn endgültig geschehen. Bis heute sieht sich der 32-Jährige der hohen Zeit des HipHop der frühen 1990er ästhetisch verbunden.

2005 veröffentlichte er sein Debüt" The Dusty Foot Philosopher", es folgten Kollaborationen mit Künstlern wie Mos Def, The Roots, Dead Prez, Damian Marley oder auch den pummeligen Brit-Poppern von Keane. Jeder irrt mal. 2009 erschien sein Album "Troubadour", auf dem sich unter anderem Kirk Hammet von Metallica ein Stelldichein gab. Ein Eigenremix seines Stücks wurde schließlich von Coca-Cola, einem der Hauptsponsoren des Turniers, zum WM-Song auserkoren.

Dabei zählt natürlich vor allem die Biografie K'naans. Schließlich gilt er als erfolgreicher Musiker, der seine afrikanischen Wurzeln pflegt, als taugliche Vorzeigepersönlichkeit, die ein anderes Afrika-Image abseits der Elendsschlagzeilen vermittelt. Einer, der sich der Probleme des Kontinents bewusst ist und sich ihnen intellektuell und auch irgendwie spirituell stellt. Dass ausgerechnet ein Riesenkonzern sich hier mittels Imagewerbung auf einem lange noch nicht gesättigten Markt positioniert, böte Gelegenheit zu reichlich Zynismus. Zumal von allen K'naan-Songs "Wavin' Flag" einer der mattesten ist, der sich nachgerade anbiedert, von bewegten Massen in den Stadien mitgegrölt zu werden. Auch die Welle lässt sich dazu machen - was will man mehr?

Dabei wird das Interesse am Fußball wohl mehr als ein Mal mit einem Interesse an Afrika verwechselt werden. Troubadour, das Album, das nun erweitert als "Champion Edition" neu aufgelegt wurde, bietet dazu auch noch marktgerechte Versionen des Stücks mit dem Chartsstürmer David Guetta, der gemeinsam mit Produzent Will.i.am eine Version bestreitet. Ansonsten produziert K'naan eingängigen HipHop, der sich ein paar Reggae-Schunkler ebenso gönnt wie weltmusikalische Charakteristika, zu denen dann auch brav Fela Kuti besungen wird.

Einen guten Monat lang werden Fernsehzuseher auf der ganzen Welt nun also K'naan lauschen. Pop und Plop in buchstäblich süßer Umarmung. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.6.2010)

 

  • K'naan: "Troubadour Champion Edition" (A&M Records/Universal)
    foto: universal

    K'naan: "Troubadour Champion Edition" (A&M Records/Universal)

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