Ein sensibles Schattengewächs steht in der Sonne

3. Juni 2010, 18:50
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Sekundenlang blickte Jürgen Melzer nur in die Augen seines Trainers Joakim Nyström und seiner Freundin Mirna Jukic...

...die auf der Tribüne aufgesprungen waren. Eben hatte Melzer seinen zweiten Matchball gegen den serbischen Weltranglisten-Dritten Novak Djoković verwertet, war ins Halbfinale der French Open im Tennis eingezogen, feierte den bisher größten Triumph seiner Karriere. Und als der 29-Jährige so dastand, in völliger Ruhe und Eintracht mit sich und der Welt, mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, war der übermächtige Schatten, der stets über ihm schwebte, plötzlich verschwunden. "Jetzt kann ich meine eigene Geschichte schreiben" , sagt Jürgen Melzer.

Denn sein bisheriges Sportlerleben, das 1999 mit den Grand-Slam-Siegen in den Junioren-Bewerben von Wimbledon (Einzel) und den Australian Open (Doppel) so verheißungsvoll angehoben hatte, musste ja zwangsläufig an den Erfolgen von Thomas Muster gemessen werden. Kaum ein Sieg, der nicht einem größeren Triumph Musters gegenübergestellt wurde. Und kaum eine Niederlage Melzers, vor allem im Daviscup, die Muster einst bestimmt noch hätte heroisch abwehren können.

Freilich hat Melzer, der 1981 in Wien geboren und in Deutsch-Wagram aufgewachsen ist, am Image des nervösen, schlampigen Talents fleißig mitgewirkt. Tennis-Krimis über fünf Sätze gingen zuhauf verloren, oft just dann, wenn der ORF live dabei war. Etwa 2009, als der Daviscup gegen Deutschland das Land fesselte - und ausgerechnet Melzer mit zwei Niederlagen das 2:3 besiegelte. Dennoch hielt er sich in den vergangenen Jahren konstant unter den besten 50 Spielern der Welt.

Aber erst die Zusammenarbeit mit dem schwedischen Coach Joakim Nyström vermochte seine Energien zu bündeln, Freundin Mirna Jukic, die Starschwimmerin, gab dem Harmoniebedürftigen Halt.

Spätestens mit dem Sieg beim Heimturnier im vergangenen Jahr in Wien, seinem zweiten Einzeltitel nach Bukarest 2006, war das verloren geglaubte Selbstbewusstsein zurück. Auf das kann Melzer auch heute im Karriere-Highlight gegen den Spanier Rafael Nadal bauen. Und auf Mutter Michaela, Vater Rudolf, den Ex-Bürgermeister von Deutsch-Wagram, und den Rest seiner Crew, die wieder hinter ihm auf der Tribüne Platz nehmen wird. "Der Jürgen" , sagt Michaela, und ihr fällt es schwer, das zu sagen, "ist ein Mann geworden." (David Krutzler, DER STANDARD Printausgabe, 4.6.2010)

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