Versteckspiel geht weiter

3. Juni 2010, 18:42
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Je größer und unübersichtlicher eine Firma, desto leichter wird ihr die Verschleierung fallen

Das viele Lob sollte Gabriele Heinisch-Hosek stutzig machen. Mit Genugtuung bewerten Wirtschaftsvertreter das ausgehandelte Modell, das Betriebe zur Offenlegung der Gehälter von Männern und Frauen verpflichten - oder besser: animieren - soll. Der einstige "Aufreger" sorgt nicht einmal mehr für zarte Wallungen.

Zu viel hat sich die Frauenministerin abräumen lassen. Strafen sind keine mehr vorgesehen, Betriebe mit weniger als 150 Mitarbeitern ohne echten Grund aus dem Schneider. Der "überbordende Aufwand" ist eine schlechte Ausrede - eine Einkommensliste auszurechnen sollte ein Unternehmen nicht überfordern. Diskriminierung wird nicht besser, nur weil sie in familiärer Atmosphäre stattfindet.

Je größer und unübersichtlicher eine Firma, desto leichter wird ihr die Verschleierung fallen. Mit Geschick lassen sich Verwendungsgruppen so einteilen, dass erwünschte Ergebnisse herauskommen oder Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen "sachlich" begründet werden. Am Ende liegt es wie bisher an couragierten Belegschaftsvertretern, ungerechte Verhältnisse aufzudecken. Einkommensberichte, die Durchschnittslöhne anonymisiert auflisten, sind da keine große Hilfe. Schon jetzt haben Betriebsräte Einblick in die viel konkreteren Gehaltslisten.

Die Initiative mag das Bewusstsein für Unterbezahlung von Frauen schärfen. Doch das "Versteckspiel", das Heinisch-Hosek für beendet hält, wird munter weitergehen. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2010)

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