"Werden einen neuen Konvoi zusammenstellen"

3. Juni 2010, 18:40
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Heldenempfang für Aktivisten in Türkei – Eskalationspotenzial unterschätzt

Von einer eilig aufgebauten Bühne am Rand des Taksim-Platzes in Istanbul schallt eine überdrehte Stimme. Abdelrahman Dilipak ist eine führende Figur der türkischen Islamisten und hämmert seinen Zuhörern ein, wie schlimm Israel sei. Doch der überwiegende Teil der mehrere tausend Menschen umfassenden Menge ist an dem Gedröhne von der Bühne nicht sonderlich interessiert. Man redet mit Freunden, schwingt ab und zu seine Palästinenserfahne.

Es ist bereits ein Uhr in der Nacht, und die Stimmung ist ganz und gar nicht hasserfüllt, wie Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu die Welt glauben machen will, sondern ähnelt eher einem Volksfest. Die Leute sind in freudiger Erregung, weil in Kürze auf dem Istanbuler Flughafen "ihre Helden" aus Gaza landen werden.

Einziger Stimmungsdämpfer sind die neun Särge, die ebenfalls an Bord sind. Acht Tote sind Türken, einer ein türkischstämmiger Amerikaner. Laut Obduktionsbericht wurden alle neun erschossen. Während die Menge auf dem Taksim-Platz die Landung auf der Großleinwand verfolgt, nimmt der Vizepremier Bülent Arinc die knapp 500 Rückkehrer persönlich in Empfang. Die Toten werden offiziell als Märtyrer geehrt. Dass sich die von israelischen Soldaten erschossenen Männer das bereits mit dem Ablegen des Konvois gewünscht hätten, deckt sich nicht mit der Sicht der Rückkehrer. Sie hätten nie mit einer solchen Eskalation gerechnet, sagen sie.

Die Organisatoren, die islamische Wohlfahrtsgruppe IHH, rechnete zwar mit Zusammenstößen, allerdings eher im Stil von Greenpeaces Rangeleien mit Walfängern. "Dass es Tote gab, hat uns alle geschockt" , sagte IHH-Chef Bülent Yildirim. Er bestätigte, dass Aktivisten auf die Soldaten losgingen, man habe ihnen auch Waffen entrissen, diese aber sofort ins Meer geworfen. Die Gefährlichkeit der IHH, auf die in diversen Berichten verwiesen wird, basiere auf einem französischen Geheimdienstbericht aus der Balkankriegszeit. Damals soll die Gruppe mit falschen Papieren islamische Kämpfer eingeschleust haben. Seither gab es nichts mehr. Yildirim: "Wir werden einen neuen Konvoi zusammenstellen, so lange, bis die Blockade aufgehoben ist." (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2010)

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