Mit Kopfsprung gegen die Barrieren im Kopf

3. Juni 2010, 18:11
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Angehende Sportjournalisten bekommen an der Uni Salzburg seit 2007 einen Einblick in die Welt des Behindertensports - und erleben hautnah, was es heißt, mit Einschränkungen sportlich aktiv zu sein

Hallein-Rif - An die zwei Dutzend junge Frauen und Männer haben sich an diesem Dienstagvormittag in der Schwimmhalle des Salzburger Universitäts- und Landessportzentrums im Halleiner Stadtteil Rif eingefunden. Auf den ersten Blick eine ganz gewöhnliche Schwimmstunde - bis der Erste von ihnen eine Schwimmbrille aufsetzt. Denn die ist so undurchsichtig, wie man es aus den Wetten bei Thomas Gottschalk kennt.

Kopfsprung ins Nichts

"Schwierig war es schon einmal, auf diese Plattform überhaupt raufzukommen", geschweige denn ins Wasser zu springen, erinnert sich nachher Max Gfrerer. Der Teilnehmer des Lehrgangs für Sportjournalismus an der Uni Salzburg ist einer derer, die sich blind ins Wasser wagten. Und nicht nur das: "Abgesoffen bin ich dann, als ich mit eingeklemmten Gegenständen sowohl Beine als auch Arme nur mehr eingeschränkt benützen konnte."

"Jemandem, der so schwimmt, dem gebührt größter Respekt", sagt Gfrerer. Respekt, Empathie, aber vor allem Sensibilität für die Leistungen behinderter Sportler - darum geht es in dieser geleiteten Selbsterfahrungsübung. Seit dem Jahrgang 2007/2008 durchlaufen die angehenden Sportjournalisten einen Schwerpunkttag zum Thema Behindertensport. Die Initiative dazu kam von Harald Saller. Er ist Absolvent des Lehrgangs und arbeitet als Sportjournalist bei einer lokalen Salzburger Wochenzeitung.

An die Floskel gefesselt

Das Thema betrifft ihn ganz persönlich: Saller lebt mit dem angeborenen Roussy-Syndrom. Durch zu kurze Sehnen konnten seine Knochen nicht richtig wachsen, das schränkt ihn vor allem beim Gehen ein. Saller versucht den Teilnehmern näherzubringen, welche sprachlichen Klischees sie beim Schreiben eher vermeiden sollten. Eine der ärgerlichsten Floskeln sei, jemanden als "an den Rollstuhl gefesselt" zu beschreiben, sagt Saller: "Menschen, die in einem Rollstuhl sitzen, sind keineswegs gefesselt. Sie bewahren sich damit ihre Selbstbestimmung, Mobilität und Unabhängigkeit."

Vermeiden sollte man auch die Formulierung, jemande habe dies oder jenes "trotz" seiner Behinderung erreicht oder "leide" an einer bestimmten Einschränkung, sagt Saller. Besser und neutraler sei es, einfach zu beschreiben: Jemand "hat" also eine bestimmte Behinderung oder "lebt damit". Auch pauschal von "Behinderten" zu schreiben, sei keine gute Idee. Behinderte Menschen seien zuallererst nämlich einmal Menschen, Frauen, Männer, Kinder, Journalisten oder eben Sportler.

"Das kann schnell peinlich wirken"

Mit übertriebener Political Correctness kann Saller aber auch wenig anfangen: "Das kann schnell peinlich wirken." Etwa wenn behinderte Menschen als Menschen "mit besonderen Bedürfnissen" bezeichnet werden. Das sei zwar völlig nichtssagend, setze sich aber "leider" immer mehr durch. "Es ist in Ordnung, es korrekt zu sagen oder zu schreiben", sagt Sallers Vortragspartnerin Anna Taupe-Lehner, Absolventin des Integrativen Journalismuslehrgangs am Kuratorium für Journalistenausbildung in Salzburg. Von ihr kam auch die Idee mit den Selbsterfahrungsübungen.

Die studierte Sportwissenschaftlerin und langjährige Paralympics-Betreuerin Taupe-Lehner hat seit Geburt eine Dysmelie an der rechten Hand, ihre Finger sind nicht voll ausgebildet. Sie führt nicht nur mit den zukünftigen Sportjournalisten Selbsterfahrungsübungen durch. Auch angehende Lehrer an der Pädagogischen Hochschule gehören zu ihren Zielgruppen. Beide Gruppen, Lehrer und Journalisten, zählt sie zu jenen Multiplikatoren, die besonders viel dazu beitragen könnten, Barrieren in den Köpfen der Menschen niederzureißen.

Mit Spitzensportlern im Gespräch

Um Hemmschwellen abzubauen, haben die Teilnehmer gleich die Gelegenheit, mit zwei prominenten Behindertensportlern ins Gespräch zu kommen: Der Rennrollstuhlfahrer Thomas Geierspichler und der Biathlet Manfred Lehner stehen beim Schwerpunkttag für Fragen aller Art zur Verfügung. Da erfährt man zum Beispiel, wie der Schlitten aussieht, mit dem der querschnittgelähmte Lehner die Langlaufstrecken zurücklegt, oder wie stark die Räder eines Rennrollstuhls geneigt sind.

Über solche "faszinierenden Facetten" des Behindertensports, darüber, wie er in den einzelnen Disziplinen und Klassen im Detail funktioniere, erfahre man in den Medien viel zu wenig, findet Taupe-Lehner. "Ganz stark wird noch auf der Mitleidsschiene gefahren", kritisiert sie, selten würden die Protagonisten als das präsentiert, was sie eben sind: Leistungssportler. Mit ein Grund für die oft verkrampfte Darstellung behinderter Menschen in den Medien sei wohl auch, dass in den Redaktionen kaum ein Journalist selbst betroffen sei.

"Noch nicht offen genug"

Im Sportjournalismus ist Behindertensport immer noch ein absolutes Randthema. "Vielleicht ist die Gesellschaft einfach noch nicht offen genug dafür", vermutet Lehrgangs-Teilnehmerin Bianca Eder. Gut habe sie gefunden, dass die Paralympics in Vancouver von ARD und ZDF ausführlich übertragen wurden. Dem pflichtet auch Harald Saller bei: Die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender hätten hier "sehr professionell" agiert. In Österreich liege dagegen noch Einiges im Argen - das zeige sich an jenen 20 Minuten Berichterstattung um neun Uhr früh, die dem ORF die Paralympics wert waren. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 4.6.2010)

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    Thomas Geierspichler im September 2008 nach dem Sieg des Marathon-Rollstuhl-Bewerb bei den Sommer Paralympics in Peking.

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