Melzers Konzentration auf Nadals Vorhand-Ecke

3. Juni 2010, 18:09
115 Postings

Jürgen Melzer hat bei den French Open schon mehr erreicht, als er sich erträumen durfte. Am Freitag baut sich im Halbfinale Rafael Nadal vor dem beglückten Niederösterreicher auf - Der Spanier ist gewarnt

Paris - Mit Jürgen Melzer widerfuhr dem ORF schon des Öfteren ein Malheur. Überraschende Erfolge des Niederösterreichers animierten die Öffentlich-Rechtlichen dazu, kurzfristig ein Tennisspiel ins Programm zu hieven. Leider verlor Melzer dann immer, kultivierte quasi die Nachrede, stets dann nicht zu halten, wenn es darauf ankommt. Zu allem Überdruss, wenn mehr Leute zusahen als die maximal paar Tausend am Court selbst.

Bei den French Open 2010 ist plötzlich alles anders. Melzer hat in Roland Garros schon fünfmal gewonnen, die letzten beiden Male auch live im Fernsehen, einmal vor 89.000 (Achtelfinale gegen den Russen Teimuras Gabaschwili), dann vor zeitweise mehr als 600.000 österreichischen TV-Konsumenten. Und nicht wenige glauben nach dem auch in seiner Dramaturgie sensationellen 3:6, 2:6, 6:2, 7:6 (3), 6:4 im Viertelfinale gegen den als Nummer drei gesetzten Serben Novak Djokovic, dass TV-bezüglich aller guten Dinge drei, ja wenn nicht sogar vier sein könnten.

Der Allerbeste

Am Freitag wartet freilich Rafael Nadal, der Allerbeste auf Sand, schon vor dem frühzeitigen Aus des topgesetzten Schweizers Roger Federer der Favorit auf den Gewinn der French Open. Ab 2005 viermal en suite hat der Mallorquiner, der am Donnerstag seinen 24. Geburtstag feierte, dieses Turnier schon gewonnen. Im Vorjahr war dagegen im Achtelfinale Schluss, allerdings gegen den Schweden Robin Söderling, der dann erst im Finale Federer unterlag und auch heuer schon im Halbfinale (gegen den Tschechen Tomas Berdych) steht.

Nadal, der Melzer in bisher zwei Duellen - 2008 bei Olympia in Peking und im Vorjahr in Madrid - mühelos bezwungen hat, gibt den gewarnten Favoriten: "Er spielt unglaublich. Ich habe sein Match gegen David Ferrer gesehen. Und sein großes Comeback gegen einen gut spielenden Djokovic. Ich habe ihn gegen Matchende gesehen, wie aggressiv er spielte und wie gut er serviert hat. Das wird ein sehr schwerer Gegner" , sagte der Spanier. "Jürgen spielt auf hohem Niveau."

Auf höherem jedenfalls als jemals zuvor. Melzer hat gegen Djokovic zum ersten Mal in seiner auch schon elf Jahre währenden Karriere als Profi einen 0:2-Satzrückstand in einen Sieg verwandelt. "Ich war sehr weit weg vom Semifinale. Aber ich habe mein ganzes Herz zusammengenommen und gekämpft. Es war das Spiel meines Lebens" , sagte der 29-Jährige, nachdem er selbst in diesem angedeutet hatte, warum es davor nicht so recht klappen wollte mit dem großen Durchbruch. 24 Chancen für vier Breaks hat Melzer gegen Djokovic benötigt. Und drei Matchbälle.

Ein Vergleich, kein Vergleich

Der Sieger von genau zwei ATP-Turnieren (Bukarest 2006, Wien im Vorjahr), der mit den bisher in Paris verdienten 280.000 Euro auf ein Karrierepreisgeld von rund 4,5 Millionen Dollar kommt, sieht sich gegen Nadal, den Sieger von 39 Turnieren, der schon mehr als 30 Millionen Dollar erspielt hat, selbstredend als Außenseiter. Allerdings habe er von Match zu Match weniger zu verlieren. "Ich weiß, was kommt, worauf ich mich vorbereiten muss, wie ich spielen muss."

Nadals stärkster Schlag sei die Vorhand aus der Rückhand-Ecke. "Wenn er mit der Vorhand diktieren kann, dann wird es eng. Allerdings hat er Probleme, wenn man ihm schnell und flach in die Vorhand-Ecke reinspielt" , sagt Melzer, der nach seinem binnen 4:15 Stunden errungenen Triumph über Djokovic zwar schlecht geschlafen hat, sich aber körperlich voll auf der Höhe fühlt. Melzer: "Ich muss sehr gut servieren, ähnlich gut spielen wie gegen Ferrer und daran glauben, dass ich gewinnen kann." Schließlich seien im Tennis schon andere Geschichten geschrieben worden. "Jeder, der im Semifinale ist, kann das Turnier gewinnen." (APA, lü, DER STANDARD Printausgabe, 4.6.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Rafael Nadal und der Niederösterreicher Jürgen Melzer haben erst zweimal gegeneinander aufgeschlagen. Beide Male hatte der Spanier das bessere Ende für sich. Was für ihre heutige Partie in Paris rein gar nichts heißt.

Share if you care.