Frauen den Weg aus dem Putzkammerl weisen

3. Juni 2010, 11:39
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Wie Frauen durch wirtschaftliches Wissen Politik und Ökonomie positiv beeinflussen können, beschreibt das neue WIDE-Handbuch "Wirtschaft anders denken"

Wie würde die Welt aussehen, wenn Frauen in Politik und Wirtschaft mehr mitzureden hätten? Welchen Blick haben Frauen auf Arbeit, Globalisierung, Steuern und Finanzmärkte? Und warum schreckt Frauen das Thema Ökonomie oft ab? Diese und ähnliche Fragen dienten als Grundlage für das Handbuch "Wirtschaft anders denken" des Netzwerks Women in Development Europe (WIDE)/Verein Joan Robinson. Anhand von Denkanstößen, praktischen Übungen und leicht verständlichen Einführungen in verschiedenste Aspekte der Ökonomie wollen die Autorinnen Frauen ermutigen, sich die Bedeutung von Wirtschaft in ihrem persönlichen Leben bewusst zu machen und ihr wirtschaftliches Wissen zu erweitern, um tatkräftig politisch mitzumischen und die Wirtschaft so positiv zu beeinflussen.

"Die Ökonomie ist der Platzanweiser, der den Männern die Logen und den Frauen das Putzkammerl zuteilt", sagt Mitautorin und Ökonomin Dr. Luise Gubitzer. "Die Sicht von Frauen auf wirtschaftliche Themen und ihre Erfahrungen damit werden bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen kaum berücksichtigt und teilweise von den Frauen selbst nicht als Wirtschaftskompetenz wahrgenommen. Das als Arbeitsbuch gestaltete Handbuch soll Frauen bewusst machen, was sie wirtschaftlich leisten, ihnen die Scheu vor dem Thema nehmen und Lust machen, sich näher mit ökonomischen Zusammenhängen zu befassen."

Wissensvermittlung

Das Autorinnenteam besteht aus Ökonominnen, Lehrerinnen und Erwachsenenbildnerinnen, die seit Jahren im WIDE-Netzwerk zusammenarbeiten und das im Handbuch zusammengefasste Wissen in Seminaren, Schulen und Bildungsveranstaltungen vermitteln. "Die Teilnehmerinnen haben vermehrt den Wunsch nach schriftlichen Unterlagen zu den Vorträgen geäußert, das war mit eine Motivation, das Handbuch herauszubringen", so Gubitzer.

Der Untertitel "Feministische Wirtschaftsalphabetisierung" ("Economic literacy") beschreibt die Erarbeitung von Inhalten und Methoden einer emanzipatorischen Erwachsenenbildungsmethode. Dazu gehört das Bewusstwerden, dass frau durch ökonomisches Wissen politisch handlungs- und urteilsfähig wird. Ein erweitertes Ökonomieverständnis abseits der gewinnorientierten "Mainstreamökonomie" dient dafür als Grundlage: "'Gute' Ökonomie, die nicht nur Wirtschaftswachstum und steigenden Profit, sondern die Versorgung der Menschen zum Ziel hat, braucht ein erweitertes Menschenbild: Würden alle egoistisch denken, würden wir nicht versorgt werden", erklärt Luise Gubitzer. "Das Handbuch soll auch ein grundlegendes Verständnis dafür schaffen, welche wirtschaftlichen Handlungen zur Versorgung beitragen und welche sie gefährden."

Mitgestalten

Das Ziel von Wirtschaftsalphabetisierung ist nach WIDE die Ermächtigung von Frauen zur Diskurs-, Kritik- und Konfliktfähigkeit in der Ökonomie, die reflektierte Auseinandersetzung mit Wirtschaftstheorien und feministischer Theoriebildung sowie die Einflussnahme auf und Mitgestaltung von Wirtschaftspolitik.

Die Autorinnen empfehlen das Handbuch als einführende Lektüre für wirtschaftlich Interessierte, als theoretische und methodische Grundlage für ErwachsenenbildnerInnen, aber auch zur Verwendung im Schulbereich. Neben ökonomischem Basiswissen zu Themenfeldern wie Staat, Steuern, Globalisierung, Arbeit, Internationaler Handel und Entwicklung oder Geld und Finanzmärkte laden Buchtipps am Ende der Kapitel zur weiteren Beschäftigung mit den einzelnen Themengebieten ein. Ein geschlechtersensibles Glossar erleichtert EinsteigerInnen das Verständnis wirtschaftlicher Basisbegriffe wie Fiskalpolitik, Monetarisierung oder Gender Budgeting.

"Die Arbeit an dem Buch hat uns große Freude gemacht", sagt Ökonomin Gubitzer. "Es gibt noch nicht viele Bücher, die Frauen dazu ermutigen, wirtschaftlich weiterzudenken und zu -entwickeln - mit unserem Handbuch ist dazu etwas angelegt." (isa/dieStandard.at, 3. Juni 2010)

Hintergrund:

WIDE steht für "Women in Development Europe" und für ein Netzwerk von Frauen, das sich gemeinsam für Geschlechtergerechtigkeit in der Entwicklungspolitik stark macht. Das Netzwerk wurde 1992 gegründet und ist ein Zusammenschluss entwircklungspolitischer NGOs in Österreich, vertreten durch Expertinnen in den Bereichen Bildungs-, Projekt- und Anwaltschaftsarbeit sowie Wissenschaftlerinnen und Einzelfrauen. WIDE organisiert Workshops, Seminare und Treffen, um engagierte und interessierte Frauen aus unterschiedlichen Bildungs- und Arbeitskontexten zusammenzubringen.

Der Verein "Joan Robinson - Verein zur Förderung frauengerechter Verteilung ökonomischen Wissens" wurde auf Initiative und in enger Zusammenarbeit mit dem Netzwerk WIDE-Österreich 2002 gegründet. Die Arbeit des Vereins orientiert sich an der Denk- und Arbeitsweise der Ökonomin Joan Robinson (1903-1983). Frauen sollen zu einer breiteren Auseinandersetzung mit wirtschaftspolitisch relevanten Themen motiviert und befähigt werden. Dabei wird die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Gruppen, Universitätsinstituten und Medien angestrebt.

Links:

www.wide-netzwerk.at

www.oneworld.at/wide/robinson.htm

  • Verein Joan Robinson (Hg.)"Wirtschaft anders denken"Handbuch Feministische Wirtschaftsalphabetisierung"173 S., Wien, 201019 Euro
Zu beziehen bei:WIDE-NetzwerkE-Mail: office@wide-netzwerk.atTel. 01/317 40 31oderLuise GubitzerE-Mail: luise.gubitzer@wu.ac.atTel. 01/31336/4515
 
    foto: verein joan robinson

    Verein Joan Robinson (Hg.)
    "Wirtschaft anders denken"
    Handbuch Feministische Wirtschaftsalphabetisierung"
    173 S., Wien, 2010
    19 Euro

    Zu beziehen bei:
    WIDE-Netzwerk
    E-Mail: office@wide-netzwerk.at
    Tel. 01/317 40 31
    oder
    Luise Gubitzer
    E-Mail: luise.gubitzer@wu.ac.at
    Tel. 01/31336/4515

     

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