Einmal Aids, immer Aids?

6. Juni 2010, 17:00
11 Postings

Gerlinde Balluch, Ärztin für Allgemeinmedizin bei der Aids Hilfe Wien, im Gespräch über ein Leben mit HIV und Aids, Diagnose, Therapie und Meldepflicht

derStandard.at: 31 Prozent der ÖsterreicherInnen sagen laut der neuen HIV/Aids-Studie des GfK Austria, es gebe keinen Unterschied zwischen HIV und Aids. Können Sie den Unterschied erklären?

Gerlinde Balluch: HIV bedeutet "Human Immunodeficiency Virus", also menschliches Immunschwäche-Virus. "HIV-infiziert" oder "HIV-positiv" bedeutet, dass eine Ansteckung mit dem HI-Virus vorliegt. Die HIV-Infektion kann im Laufe von Jahren zur manifesten Erkrankung AIDS - eine Abkürzung für erworbenes Immunschwächesyndrom - mit ihren definierenden Erkrankungen führen. Wie rasch sich die Immunschwäche entwickelt, wird von verschiedenen Faktoren mitbestimmt. Ein ganz entscheidender prognostischer Marker für das Fortschreiten der HIV-Infektion ist die Viruskonzentration im Blut, auch "Viruslast" genannt.

derStandard.at: Ist die Viruslast je nach dem Stadium der HIV-Infektion unterschiedlich?

Balluch: In den ersten Wochen nach der Infektion kann die Viruslast sehr hoch sein, da sich das Virus zunächst ungehemmt vermehrt. Gerade in dieser Phase besteht das Risiko, dass die Betroffenen ihre PartnerInnen anstecken, weil sie selbst noch nichts von ihrer HIV-Infektion wissen. Dies könnte durch eine rechtzeitige Diagnose vermieden werden.

Betrachtet man den natürlichen Verlauf der Infektion, so gelingt es dem Immunsystem innerhalb der ersten sechs Monate nach der Ansteckung mehr oder weniger gut, die HIV-Vermehrung einzudämmen. Im günstigsten Fall kann die Viruslast auf einem niedrigen Niveau stabilisiert werden. Schwankungen sind allerdings häufig und in Spätstadien entgleitet die Viruslast der Immunkontrolle. Heute kann allerdings mit einer HIV-Kombinationstherapie eingegriffen und die Viruslast dauerhaft unterdrückt werden. Sie liegt dann "unter der Nachweisgrenze". Auch deshab ist es wichtig, die Infektion zeitgerecht zu erkennen.

derStandard.at: HIV bemerkt man nicht, erst eine Aids-Erkrankung geht mit Symptomen einher - stimmt das?

Balluch: Das stimmt nicht immer, denn 70 bis 90 Prozent der frisch HIV-Infizierten zeigen nach einigen Wochen ein akutes retrovirales Syndrom, das mitunter zur Diagnose führen kann. Die Symptomatik ist unterschiedlich: vom Ausschlag über Fieber, Lymphknotenschwellungen bis zur Halsentzündung. Sie ist durch das HIV-Virus ausgelöst, das bedeutet aber nicht, dass jemand an Aids erkrankt ist. Es wäre wünschenswert, wenn Ärzte bei solchen Symptomen die HIV-Infektion als mögliche Diagnose mit einbeziehen. Aber gerade in der Grippesaison treten solche Krankheitszeichen bei vielen Menschen auf.

derStandard.at: Wie wird getestet?

Balluch: Der übliche HIV-Test kann Antikörper erkennen, die gegen das HI-Virus gebildet werden. In den ersten Wochen nach der Ansteckung sind sie allerdings noch nicht nachweisbar. Hier wäre ein direkter Virusnachweis erforderlich, zum Beispiel in Form des PCR-Verfahrens (Anm.: Polymerase Chain Reaction). Das ist der empfindlichste Test für die Zeit, in der die Bildung von Antikörpern noch nicht erfolgt ist. Das PCR-Verfahren wird auch bei Neugeborenen angewendet, deren Mütter HIV-positiv sind, sowie im Blutspendewesen. Das Virus kann zehn bis 14 Tage nach der Infektion festgestellt werden. Beim Blutspenden wird zusätzlich versucht, mit Fragebögen und persönlicher Befragung die Spenden so sicher wie möglich zu machen, indem Risikopersonen ausgeschlossen werden.

derStandard.at: Was bedeutet ein Leben mit Aids?

Balluch: Wenn AIDS-definierende Erkrankungen auftreten, weil entweder die HIV-Infektion nicht bekannt war oder nicht rechtzeitig behandelt wurde, wird neben den jeweils spezifischen Maßnahmen eine HIV-Kombinationstherapie eingesetzt. Damit kann sich das Immunsystem zumeist wieder erholen. Wir wissen aber nicht, ob es beim Einzelnen die volle Fitness wiedererlangen kann. CD4-Lymhozyten sind eine spezielle Art weißer Blutzellen, die das Immunsystem koordinieren. Sie werden von HIV für die Vermehrung benutzt. Die CD4-Werte (Anm.: normalerweise über 500/µl) können sich unter der Therapie in vielen, aber nicht allen Fällen normalisieren. Das hängt auch von Zusatzbelastungen oder Ko-Infektionen wie zum Beispiel Hepatitis ab.

Die frühzeitige Diagnose der HIV-Infektion ist auch deshalb so wichtig, da mit rechtzeitiger Therapie unter günstigen Voraussetzungen die durchschnittliche Lebenserwartung eines gesunden Menschen erreicht werden könnte.

derStandard.at: Ist Aids heilbar?

Balluch: Eine Heilung der HIV-Infektion ist trotz interessanter Forschungsansätze derzeit noch nicht möglich. Auch wenn sich die Werte erholt haben, ist die HIV-Behandlung eine Dauertherapie. Damit können wahrscheinlich auch mögliche Folgeentwicklungen, wie zum Beispiel entzündliche Gefäßprozesse oder Krebserkrankungen, reduziert werden. Bei Medikamentenunverträglichkeiten kann die Therapie modifiziert werden, aber von Therapiepausen wird allgemein abgeraten, da bei manchen Kombinationen durch Pausen auch Resistenzprobleme verursacht werden können.

derStandard.at: Aids ist meldepflichtig, HIV nicht. Wird jemand, der einmal Aids hatte, aber durch eine erfolgreiche Therapie heute ein normales Immunsystem aufweist, wieder zurückgestuft?

Balluch: Rückstufungen gibt es keine. Auch wenn jemand unter der Therapie wieder ein gesundes Immunsystem aufweist, wird die Aids-Klassifikation beibehalten. Diese wurde 1993, also vor der Einführung der wirksamen Medikamentenkombinationen, erstellt. Die Aids-Meldung erfolgt an das Gesundheitsministerium und zwar nicht namentlich, sondern über Initialen und das Geburtsdatum. Die Meldepflicht besteht aus rein epidemologischen Gründen und hat keine diskriminierenden Auswirkungen oder Nachteile für die Betroffenen

derStandard.at: Heißt das, dass HIV-Positive alle Berufe ausüben können?

Balluch: Man kann in Österreich mit einer HIV-Infektion in allen Berufen tätig sein, außer in der Prostitution; das ist verboten. In manchen Berufen sollten jedoch auch die Gesundheitsrisiken für HIV-positive Menschen berücksichtigt werden. So könnte zum Beispiel bei einer Tätigkeit auf einer infektiologischen Station ein Abteilungswechsel überlegt werden.

derStandard.at: Wie werden HIV und Aids in sogenannten "Ländern der Dritten Welt" behandelt?

Balluch: Auch in ressourcenärmeren Ländern gibt es HIV-Behandlungsprogramme, allerdings in bescheidenerem Umfang, wobei nicht alle Betroffenen, die eine Therapie benötigen würden, diese auch erhalten können. Es gibt staatliche, aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen, die über den Globalen Fond unterstützt werden, oder Hilfsorganisationen, wie Ärzte ohne Grenzen, die Projekte leiten. Wobei die antiviralen Medikamente oft als Generika angekauft oder durch spezielle Programme von Pharmazeutischen Unternehmen kostengünstiger abgegeben werden. Die Behandlungsqualität, die Therapiemöglichkeiten und die Kontrolluntersuchungen haben natürlich nicht unsere Standards. Tabuisierung und Stigmatisierung sind in vielen Ländern ein großes Problem und eine entscheidende Hürde beim Zugang zur Behandlung.

derStandard.at: Wie ist in Österreich der neueste Stand der Therapie?

Balluch: Die Behandlungsrichtlinien werden laufend überarbeitet, wobei heute der Therapiebeginn bereits zu einem früheren Zeitpunkt angesetzt wird, weil über die Immunaktivierung durch HIV chronische Prozesse ablaufen, die für den menschlichen Körper schädlich sind. Ich habe 1996 den spannenden Aufbruch in der Aids-Therapie durch die Etablierung der Kombinationstherapie miterlebt. Davor war die Behandlung sehr frustrierend und die Sterblichkeit hoch. Da hat sich bis heute sehr viel getan: Es gibt eine Vielzahl wirksamer Präparate und möglicher Kombinationen, mit denen die Virusvermehrung erfolgreich blockiert werden kann.

derStandard.at: Geht diese Blockierung der Virushemmung so weit, dass HIV-positive Menschen nicht-infizierte Kinder bekommen können?

Balluch: Unter gewissen Auflagen kann heute trotz der Infektion eines Partners sogar der Kinderwunsch erfüllt werden. Mit Eisprungmonitoring und gezieltem Geschlechtsverkehr ist das möglich. Die Auflagen sind: Beide Partner dürfen keine Geschlechtskrankheiten haben; der positive Patient muss eine erfolgreiche Therapie haben und zumindest ein halbes Jahr mit der Viruslast unter der Nachweisgrenze sein. Der negative Partner muss sich einer medikamentösen Abschirmung unterziehen. Das sind die Fakten, wo wir heute stehen. Trotzdem darf man HIV nicht bagatellisieren.

derStandard.at: Das klingt so, als ob in erfolreicher Behandlung stehende Aids-kranke Menschen eine höhere Lebensqualität hätten und über ein geringeres Ansteckungsrisiko verfügen würden als frisch HIV-Infizierte?

Balluch: Bei frisch mit HIV-infizierten Menschen, die nicht über ihren Zustand Bescheid wissen, können die Viruslasten im Millionenbereich liegen. Gerade in dieser Phase sind Betroffene hoch ansteckend. Dem gegenüber sind HIV-infizierte Menschen und auch an Aids Erkrankte im Rahmen einer wirksamen antiviralen Therapie kaum infektiös.

Nochmals: Man muss die Menschen ermutigen, zum Test zu gehen und wenn sie infiziert sind, ihnen die Ängste vor der Therapie nehmen. Wir von der Aids Hilfe erleben auch immer wieder Betroffene, die die Therapie verweigern und erkranken. Obwohl die Medikamente im Allgemeinen einfach einzunehmen und gut verträglich sind, ist HIV nach wie vor eine ernst zu nehmende Infektion. (tin, derStandard.at 6. Juni 2010)

  • Artikelbild
    foto: epa/john hrusa
  • Artikelbild
    foto: epa/narong sagnak
Share if you care.