"Es ging um töten oder getötet werden"

2. Juni 2010, 18:21
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Der renommierte israelische Journalist und Kriegsberichterstatter Ron Ben-Yishai im derStandard.at-Interview darüber, warum die Israelis "keine andere Wahl hatten, als zu den Waffen zu greifen"

Der Journalist Ron Ben-Yishai sollte darüber berichten, wie die Marine den internationalen Gaza-Hilfskonvoi enterte. Er befand sich auf einem Schiff der Armee, keinen Kilometer vom geenterten Schiff "Mavi Marmara" entfernt. Im Gespräch mit derStandard.at erzählt er, wie den Vorfall erlebt hat, was ihm die beteiligten Soldaten erzählt haben und warum Israel lieber völlig isoliert lebt als auf das Recht auf Selbstverteidigung zu verzichten.

***

derStandard.at: Sie haben den Vorfall aus nächster Nähe mitbekommen, wie kam es dazu?

Ron Ben-Yishai: Ich war Teil einer Gruppe von Journalisten, die eingeladen worden war, um die israelische Marine zu begleiten. Die Marine wurde losgeschickt, um die Hilfsflotte zu stoppen und wir waren dazu da, das Geschehene aus der Nähe zu beobachten. Meine Aufgabe war es, zu schauen, was die Armee macht und das dann der Bevölkerung zu berichten.

derStandard.at: Wie nahe waren Sie dran an dem Geschehen?

Ron Ben-Yishai: Von der "Mavi Marmara" war ich etwa einen Kilometer entfernt. Aber es war Nacht und so habe ich nicht genau verfolgen können, was an Deck passiert. Ich habe nur von Entfernung aus gesehen, dass geschossen wurde und dass es Explosionen gab. Durch die Funkverbindung habe ich mitbekommen, dass israelische Soldaten verletzt wurden, die auf unser Boot zurückgebracht wurden. Mit ihnen habe ich anschließend auch gesprochen.

derStandard.at: Was wussten Sie im Vorhinein über den Einsatz?

Ron Ben-Yishai: Die Regierung hat gesagt - und das hat man auch die ganze Nacht über den Funkdienst mitbekommen -, dass der Hilfskonvoi kurz davor war, das Sperrgebiet zu betreten. Da sie dort nichts verloren hatten, wurden sie darum gebeten, umzudrehen oder die Richtung zu ändern. Ihnen wurde auch von Anfang an freundlich mitgeteilt, dass sie die Konsequenzen und die Verantwortung zu tragen hätten, wenn sie sich dafür entscheiden sollten, nicht kehrt zu machen.

Die Israelis haben ihnen im Vorfeld explizit gesagt, dass der Konvoi den israelischen Hafen Ashdod ansteuern soll und Israel anschließend unter internationaler Aufsicht die Hilfsgüter nach Gaza weiterbringen würde. Genau das tut Israel ja derzeit auch. Anfangs gab es aus dem türkischen Schiff überhaupt keine Antwort, dann hieß es, dass sie sich nicht davon abbringen lassen würden. Dass sie die Blockade durchbrechen werden und Israel für den weiteren Verlauf verantwortlich sein würde. Das war Stunden, bevor die israelische Marine die "Mavi Marmara" geentert hat.

derStandard.at: Warum ist das Entern des Schiffes aus dem Ruder geraten?

Ron Ben-Yishai: Der Marine fehlten die Informationen über die Passagiere, die an Bord des Marmara-Passagierschiffs waren. Insgesamt waren rund 600 Leute an Bord, und die meisten von ihnen, sicher über 500, waren auch wirklich politische Aktivisten, Parlamentsabgeordnete, Vertreter von Hilfsorganisationen. Es waren aber auch andere dabei: Organisiert hat sich auch eine sehr gewaltbereite Gruppierung, darunter waren viele Türken, aber auch Jemeniten, Indonesier, Marokkaner, Nigerianer und andere. Die hatten Waffen mit, vor allem Messer jeder Art, Eisenstangen, Steinschleudern - Instrumente, die sehr wohl Schaden anrichten können. Instrumente, die Friedensaktivisten in der Regel nicht bei sich tragen.

Diese Gruppe hatte sich zuvor organisiert, um die israelische Einheit aus dem Hinterhalt anzugreifen. Sie wussten, dass die Armee das Schiff entern würde. Ihr Ziel war es, Israel zu provozieren. Sie haben Israel dazu gebracht, Gewalt anzuwenden und haben Israel so in Verlegenheit gebracht. Die Armee hat das vorher nicht gewusst, das war ein großer Fehler des Geheimdienstes. Deshalb haben die Soldaten anfangs auch nur Paintball-Pistolen bereitgehalten.

derStandard.at: Warum war die Armee mit Paintball-Pistolen ausgerüstet? Womit waren die geladen?

Ron Ben-Yishai: Mit Farbe. Sie wollten das Schiff entern, aber friedlich, und im schlimmsten Fall eben mit Paintballs auf sie schießen. Israel dachte, dass es sich ausschließlich um Friedensaktivisten handle. Das waren gewalttätige Provokateure, keine Demonstranten. Die Medien im Ausland nennen sie weiterhin Demonstranten, aber das war diese Gruppe schlichtweg nicht. Man protestiert nicht mit Messern und Eisenstangen. Man protestiert mit Zeichen, Plakaten, mit Schreien und Zurufen, mit Beschimpfungen. Wir reden hier allerdings von roher Gewalt und von dem Versuch, gezielt zu töten.

derStandard.at: Die Gewalt ging also von den Passagieren des "Mavi Marmara"-Schiffs aus?

Ron Ben-Yishai: Ja.

derStandard.at: Und die Israelis hatten keine andere Möglichkeit, als sie zu erschießen?

Ron Ben-Yishai: Nein. In der Situation, in der sie sich plötzlich vorgefunden haben, hatten sie keine andere Wahl, als zu den Waffen zu greifen. Da mussten sie sich entscheiden: Getötet werden oder töten. Ich glaube, Israel wäre anders vorgegangen, wenn die Soldaten davor gewusst hätten, dass diese gewalttätige Gruppe sich an Bord befindet.

derStandard.at: Die Einheit, die das Schiff enterte, war laut BBC auf Kampfeinsätze spezialisiert, nicht auf das Unter-Kontrolle-Bringen von Menschenmengen. Hat die Armee die falsche Einheit losgeschickt?

Ron Ben-Yishai: Das Schiff war in Bewegung und sie wollten nicht stehen bleiben. Um ein Schiff zu entern, das sich bewegt und nicht stehen bleiben will, mussten die Hubschrauber herumkreisen, um auf Deck zu kommen. Sie konnten dort aber nicht landen, weil das Schiff zu klein war, und deshalb wurden die Soldaten heruntergelassen. Israel ist von einer anderen Ausgangslage ausgegangen. Die Absicht war, Präsenz an Deck zu zeigen, das Schiff zu übernehmen und Richtung Ashdod zu steuern. Dadurch waren die Soldaten ein leichtes Ziel. Letztendlich mussten sie schießen, um nicht selbst getötet zu werden. Ich glaube nicht, dass eine andere Einheit anders reagiert hätte. Das Problem waren die fehlenden Informationen.

derStandard.at: Sie haben in einem Artikel geschrieben, dass diese Gruppe den Soldaten zwei Pistolen gestohlen hat. Woher entnehmen Sie Ihr Wissen?

Ron Ben-Yishai: Ich habe die Funkverbindung während des gesamten Vorgangs gehört und einiges haben mir die Soldaten danach erzählt. Ich habe mit sechs, sieben Soldaten gesprochen. Alle haben gesagt, dass sie komplett überrascht waren, dass plötzlich auf sie geschossen wurde. Zwei der sechs verwundeten Soldaten - die Einheit bestand aus weniger als 30 Leuten - liegen mit Schussverletzungen im Krankenhaus. Es ist also nicht so, dass Israel das einfach erfunden hat.

derStandard.at: Auf dem Video, das das Entern zeigt, fragen Soldaten um Schieß-Erlaubnis, und bekommen die auch. Man sieht einen Teil der Kämpfe, aber man sieht die Erschießung vonseiten der Soldaten nicht. Warum nicht?

Ron Ben-Yishai: Weil die Kamera vermutlich nicht so eingestellt war. Man hört allerdings das Geräusch. Die Armee ist nicht CNN und Schießereien sieht man schließlich nicht. Man kann nicht davon ausgehen, dass die Kamera genau in der richtigen Sekunde die richtige Stelle filmt.

derStandard.at: Gibt es Aufnahmen davon? Gibt es mehrere Videos?

Ron Ben-Yishai: Es gibt viele Videos und es wird mit der Zeit bestimmt noch mehr geben.

derStandard.at: Sind die neun Toten auf Deck gestorben? Und handelt es sich bei den Toten Ihren Beobachtungen nach um dieselben, die auf die Israelis losgegangen sind?

Ron Ben-Yishai: Ja. Und verletzt wurde die, die zu dem Zeitpunkt angegriffen haben.

derStandard.at: Wird Israel weiterhin auf der Blockade beharren?

Ron Ben-Yishai: Auf jeden Fall. Es gibt den Druck, aber trotzdem will Israel nicht, dass mit der Hamas in Gaza dassselbe passiert wie mit der Hizbollah im Libanon. Die Hamas beschießt Israel seit acht Jahren mit Raketen aus dem Gazastreifen und diese Raketen werden ohnehin immer vernichtender. Wenn nun zusätzlich die Seeblockade fallen würde, käme auch noch schwereres Geschoss dazu. Da Israel aber kein Interesse daran hat, zusätzlich zu den Raketen auch noch mit schwerem Geschoss beschossen zu werden, wird die Blockade bestehen bleiben. Gestern erst wurden wieder Raketen auf Zivilisten gefeuert. 1962 haben die USA eine Flotte der Sowjetunion, die sich - mit Raketen - auf dem Weg nach Kuba befand,  zum Stehen gebracht. Niemand hat damals hinterfragt, ob sie das Recht dazu hatten.

derStandard.at: Israel steht auf internationaler Ebene nach diesem Vorfall immer isolierter da...

Ron Ben-Yishai: Das war es davor auch. Trotzdem wird sich Israel weiterhin selbst beschützen. Es ist nicht angenehm, isoliert zu sein, und es ist natürlich schlecht für die Wirtschaft. Aber zu sterben, ist schlimmer. Von einer Rakete getroffen zu werden, ist schlimmer, als dass uns ein Land nicht mag. Wenn Israel sich selbst verteidigt, sieht das nicht gut aus. Das wissen unsere Feinde auch und sie werden alles dafür tun, zu versuchen, uns das Recht zu nehmen, uns zu verteidigen.

derStandard.at: Welche Konsequenzen wird der Vorfall für den Nahost-Friedensprozess haben?

Ron Ben-Yishai: Nein. Konsequenzen wird es insofern geben, als die fanatischen Muslime sich gestärkt fühlen werden durch Rückhalt aus der internationalen Gemeinschaft. Sie werden waghalsiger werden. Aber Krieg wird es nicht geben. Sie haben bekommen, was sie wollen, ohne selbst eine Kugel abgefeuert zu haben. (fin, derStandard.at, 2.6.2010)

  • Ron Ben-Yishai hat sich als Kriegsberichterstatter international einen Namen 
gemacht. Berühmt gemacht haben ihn vor allem seine Reportagen vom 
Sechs-Tage-Krieg sowie jene aus Bagdad. Er wirkte als Kriegsberichterstatter in Ari Folmans Film 
über den Libanon-Krieg "Waltz with Bashir" mit.
Ron Ben-Yishai wurde dreimal verwundet, während er über  Schlachten berichtete. Er erhielt die Ehrenmedaille des Generalstabschefs, die höchste Auszeichnung für Tapferkeit, die ein israelischer Soldat erhalten kann, weil er in ein heftiges ägyptisches Bombardement geriet, während er beim Yom-Kippur-Krieg für das Fernsehen berichtete und dabei eigenhändig viele verwundete Soldaten rettete.
    foto: privat

    Ron Ben-Yishai hat sich als Kriegsberichterstatter international einen Namen gemacht. Berühmt gemacht haben ihn vor allem seine Reportagen vom Sechs-Tage-Krieg sowie jene aus Bagdad. Er wirkte als Kriegsberichterstatter in Ari Folmans Film über den Libanon-Krieg "Waltz with Bashir" mit.

    Ron Ben-Yishai wurde dreimal verwundet, während er über  Schlachten berichtete. Er erhielt die Ehrenmedaille des Generalstabschefs, die höchste Auszeichnung für Tapferkeit, die ein israelischer Soldat erhalten kann, weil er in ein heftiges ägyptisches Bombardement geriet, während er beim Yom-Kippur-Krieg für das Fernsehen berichtete und dabei eigenhändig viele verwundete Soldaten rettete.

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