Aufnahmen aus dem Cockpit veröffentlicht

2. Juni 2010, 16:33
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Piloten wollten Landung drei Sekunden vor der Katastrophe abbrechen - viele Fragen unbeantwortet

Warschau - Die polnische Regierung hat am gestrigen Dienstag Aufnahmen der Gespräche im Cockpit der am 10. April bei Smolensk verunglückten polnischen Regierungsmaschine Tupolew-154 veröffentlicht, welche von Russland am Montag übermittelt worden waren. Die Aufnahmen aus der Black Box bringen aber mehr Fragen als Antworten zu dem Flugzeugabsturz, bei dem der polnische Präsident Lech Kaczynski mit seiner Ehegattin und allen übrigen 94 Insassen ums Leben kam.

Aus den Niederschriften bestätigen sich frühere offizielle und inoffizielle Aussagen der Vertreter der internationalen Flugkommission, die nach möglichen Ursachen der Katastrophe sucht. Bis zu den letzten Sekunden des Fluges schienen die Piloten die Maschine zu beherrschen. Sie lesen laut die Höhe, auf der sie sich befinden. Erst drei Sekunden vor der Katastrophe, nachdem die Maschine mit dem Flügel gegen einen Baum geschlagen hat, hört man den letzten Befehl: "Abgang auf den zweiten Kreis" - was den Verzicht auf die Landung bedeutet. Danach ertönt nur noch ein Schrei.

Probleme mit der Zuordnung der Stimmen

Viele der aufgenommenen Aussagen konnten nicht verstanden und zugeordnet werden. In manchen Momenten weiß man immer noch nicht, von wem welche Aussagen stammen. Man vermutet aufgrund der Aufnahmen, dass während des Fluges der Protokollchef des Außenministeriums, Mariusz Kazana, das Cockpit besuchte. Im Cockpit befand sich wahrscheinlich bis zum letzten Moment der Befehlshaber der Luftwaffe General Andrzej Blasik. Es fallen aber keine Worte, die darauf hinweisen würden, dass auf die Piloten direkt Druck ausgeübt wurde, damit sie ungeachtet der Wetterlage in Smolensk landen.

Zweifellos war den Piloten bewusst, dass die Wetterbedingungen in Smolensk wegen des starken Nebels äußerst schwierig waren. Darüber wurden sie mehrmals vom Flugkontrollturm in Smolensk informiert sowie von Piloten der Jak-40, die eine Stunde früher in Smolensk mit der polnischen Journalisten-Gruppe landete. Die Tupolew-Crew wusste auch Bescheid, dass sich kurz vor der Landebahn eine tiefe Schlucht befindet, durch die der Höhenmesser falsche Angaben zeigen konnte. In der Endphase der gescheiterten Landung wussten sie auch, dass die Maschine unter der notwendigen Höhe (in diesem Fall 100 Meter) flog, bei der bei ungenügender Sicht der Kapitän die Landung unterbrechen sollte.

Viele Fragen unbeantwortet

Die Aufnahmen lassen aber viele Fragen unbeantwortet. Warum fällt der Befehl "Wir gehen ab" erst auf einer Höhe von 80 Metern, wenn die Maschine das 100-Meter-Niveau nicht unterschreiten sollte? Warum reagiert der Tower nicht? Warum fällt der Befehl des Lotsen "Horizont, 101" erst 11 Sekunden, nachdem die Maschine die zugelassene Flughöhe erreichte? Warum sagt der Kapitän gegenüber Kazana in einem Satz, dass es keine Chance auf eine Landung gibt, und im nächsten, dass sie versuchen werden zu landen?

Experten hoffen nun, dass die Kombination der Aufnahmen aus dem Cockpit mit der Aufzeichnung der Flugparameter, die in einer Black Box registriert wurden, Antwort auf einige Fragen geben wird. (APA)

  • Die Protokolle zum Download

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  • Die Flugschreiber wurden beim Absturz beschädigt, konnten aber ausgewertet werden
    foto: epa/kochetkov

    Die Flugschreiber wurden beim Absturz beschädigt, konnten aber ausgewertet werden

  • Die Protokolle
    foto: epa/grzegorz jakubowski

    Die Protokolle

  • Die Reste der Präsidentenmaschine
    foto: epa/interstate aviation committee

    Die Reste der Präsidentenmaschine

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