Schnelles Ende einer Erfolgsgeschichte

6. Juni 2010, 17:20
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Generalisierung ist nicht immer der Schlüssel zum Erfolg: Das Hundsheim-Nashorn wurde von Nahrungsspezialisten verdrängt

Senckenberg - Heute gibt es nur noch fünf Nashorn-Arten, von denen zwei in Afrika und drei in Asien leben. Einst war die Familie jedoch wesentlich größer. Während der vergangenen 2,6 Millionen Jahre lebten alleine in Europa nicht weniger als sechs verschiedene Arten mit höchst unterschiedlichen ökologischen Ansprüchen - darunter das bekannte Wollnashorn oder das riesenhafte Elasmotherium. Es gab Tiere, die sich in den Kältesteppen der nördlichen und mittleren Breiten wohl fühlten, aber auch solche, die ein gemäßigtes oder auch ein warmes Klima bevorzugten.

Eine der europäischen Arten war das sogenannte Hundsheim-Nashorn (Stephanorhinus hundsheimensis), das nach 800.000 Jahren erfolgreichen Überlebens recht plötzlich verschwunden ist. Der Eiszeitexperte Ralf-Dietrich Kahlke vom Forschungsinstituts Senckenberg und der Paläoökologe Thomas M. Kaiser von der Universität Hamburg präsentieren nun in der Fachzeitschrift "Quaternary Science Reviews" eine Studie zum Austerben dieser Art. Vor etwa einer halben Million Jahre verschwand das Hundsheim-Nashorn binnen weniger Jahrzehntausende - einer erdgeschichtlich kurzen Zeitspanne - vollständig.

Gebissanalyse

Grundlage der Untersuchungen waren rund 740 fossile Gebiss- und Knochenreste, die aus etwa 700.000 Jahre alten Tonen bei Voigtstedt sowie aus den wenige Jahrzehntausende jüngeren Kiesablagerungen von Süßenborn in Thüringen stammen. Aus beiden Fundstätten liegen Nachweise des Hundsheim-Nashorns vor, das seinen Namen einem österreichischen Fossilvorkommen verdankt.

Anhand detaillierter Untersuchungen der Zahnabnutzung mittels der so genannten Mesowear-Analyse konnten die Nahrungsspektren der beiden Nashorn-Gruppen rekonstruiert werden. Denn die bevorzugte Nahrung hinterlässt Spuren am Gebiss: Das Zahn-Relief verändert sich auf charakteristische Weise und erlaubt Schlüsse darauf, was das Individuum gefressen hat. Während sich die Voigtstedter Nashörner überwiegend von weichem Laub ausgedehnter Wälder ernährten, deuten die Zahnreliefs der Tiere von Süßenborn auf harte, nahezu vollständig aus Gräsern bestehende Steppennahrung hin. Derartig unterschiedliche Nahrungsspektren zeigen eine extrem weite ökologische Toleranz der Hundsheim-Nashörner an.  Diese Eiszeit-Nashörner waren also wahre Überlebenskünstler, die über nahezu eine Million Jahre hinweg sowohl in Steppenlandschaften als auch in Wäldern dominierten.

Die neue Konkurrenz

Ihr Ende war gekommen, als sich - wahrscheinlich in Asien - neue Nashornarten mit völlig anderer Überlebensstrategie entwickelten. Zwischen 600.000 und 500.000 Jahren vor heute entstanden im Zuge lang andauernder Kälte- und Wärmeperioden zwei hochspezialisierte Formen, die jeweils Steppen- oder Waldnahrung weit besser nutzen konnten, als das bislang konkurrenzlos lebende Hundsheim-Nashorn. In alle seine Lebensräume, die Steppen und die Wälder, zogen nun Konkurrenten ein. Stephanorhinus kirchbergiensis, das so genannte Waldnashorn, begann das Hundsheim-Nashorn in den Waldhabitaten zu verdrängen, seine anatomischen Merkmale zeigen, dass diese Spezies für Waldhabitate besser angepasst war als die alteingesessene Art. Gleichzeitig drängte in die Verbreitungsgebiete des Hundsheim-Nashorns im offenen Land ein anderer Konkurrent: Stephanorhinus hemitoechus, das Steppennashorn mit optimaler Anpassung an die Nahrung seines Lebensraums. (red)

  • Lebendbild eines Hundsheim-Nashorns, rekonstruiert nach Knochenfunden
    ölbild: c. c. flerov, sammlungen senckenberg weimar

    Lebendbild eines Hundsheim-Nashorns, rekonstruiert nach Knochenfunden

  • Schädelfund eines weiblichen Hundsheim-Nashorns aus Thüringen mit kompletter Bezahnung
    foto: t. korn, senckenberg weimar

    Schädelfund eines weiblichen Hundsheim-Nashorns aus Thüringen mit kompletter Bezahnung

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