Ehemalige Pfalz eines Ottonen freigelegt

2. Juni 2010, 16:44
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Fund konnte als der im Jahr 955 urkundlich erwähnte Königshof von Otto I. identifiziert werden

Zizers - Um ihr Reich trotz mangelhafter Verkehrs- und Kommunikationswege zusammenzuhalten, setzten die Könige und Kaiser des Fränkischen Reichs und seiner Nachfolgestaaten im Früh- und Hochmittelalter auf das System der Pfalzen: Temporäre Residenzen, in denen Amtshandlungen ausgeführt, Hoftage abgehalten und hohe kirchliche Feste gefeiert wurden - solange, bis der Hofstaat zum nächsten Stützpunkt weiterzog.

In der Baugrube eines Mehrfamilienhauses in Zizers im Schweizer Kanton Graubünden haben Archäologen die gut erhaltenen Überreste einer solchen Pfalz entdeckt. Der archäologische Dienst Graubünden hat den nun teilweise freigelegten Fund als den im Jahr 955 urkundlich erwähnten Königshof von Otto I. dem Großen identifiziert. Otto stammte aus dem sächsischen Geschlecht der Liudolfinger und lebte von 912 bis 973. 962 wurde er zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt - nach ihm ist die Dynastie der Ottonen benannt.

"Nationale Bedeutung"

Entdeckt wurden das Gebäudefundament und die Mauern per Zufall. Dem in Zizers wohnhaftem Ausgrabungsleiter Jürg Spadin fielen im Vorbeigehen verschüttete Mauerreste in der Sondierungsgrube für ein geplantes Mehrfamilienhaus auf. Die Ausgrabungsarbeiten sind seit letztem August in Gang. Fundstücke lassen darauf schließen, dass der Hof schon im 9. Jahrhundert erbaut wurde, wie die Bündner Archäologen am Mittwoch erläuterten. Der Zizerser Königshof ist neben der Pfalz auf dem Lindenhof im Herzen von Zürich erst der zweite, dessen Überreste in der Schweiz gefunden wurden.

Der Bund hat den Königshof zur Ausgrabung von nationaler Bedeutung erklärt. Damit gibt es für die Freilegungsarbeiten keine Zeitlimits, der Bau des Mehrfamilienhauses muss warten. Ob der Königshof nach der Beendigung der Forschungstätigkeit nicht doch überbaut wird, ist aber ungewiss. Der Kantonsarchäologe hofft, dass die Hofruine erhalten bleibt und keinem Wohnhaus weichen muss. Viel Einfluss nehmen könne er aber nicht: Der Bauherr des Mehrfamilienhauses müsste dafür enteignet und entschädigt werden. (APA/sda/red)

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