Nicht jede Knochendichte-Abnahme ist Osteoporose

2. Juni 2010, 10:15
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Behandelt gehören vor allem Personen mit eindeutigem Frakturrisiko oder Patienten nach einem bestätigten Knochenbruch

Wien - Der krankhafte Knochenschwund ist keine "erfundene" Erkrankung. Auf der anderen Seite ist nicht gleich jede Abnahme der Knochendichte eine echte Osteoporose. Rundum behandelt gehören vor allem Personen mit eindeutigem Frakturrisiko oder Patienten nach einem bestätigten Knochenbruch. Das ist - grob zusammengefasst - der Kernpunkt der neuen Leitlinie, auf welche sich Experten von Krankenkassen, Ärzte- und Apothekerkammer sowie der Pharmaindustrie (Pharmig) im Rahmen der Initiative "Arznei & Vernunft" geeinigt haben, die  in Wien präsentiert wurde.

"Die Osteoporose ist keine erfundene Erkrankung. 46 Prozent aller Frauen haben in ihrem Leben zumindest einen Knochenbruch (durch Knochenschwund, Anm.). Bei den Männern sind es 22 Prozent", sagte Harald Dobnig, Präsident der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des Knochen- und Mineralstoffwechsels.

Neue Leitlinie

Die Leitlinie über Prävention, Diagnose und Therapie der Osteoporose wurde von 29 Experten in einem strikt regulierten Verfahren mit externer Qualitätskontrolle, Conflict of Interest-Erklärungen und Vertraulichkeit bis zum Ende der Erstellung formuliert. 29 Fachleute waren daran beteiligt. Klaus Klaushofer, beratender Arzt des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger und selbst Knochenspezialist: "Diese Leitlinie ist vielen Konsensus-Papieren überlegen. (...) Wir konnten uns klar auf die Definition einigen, dass die Osteoporose eine Knochenbruch-Krankheit ist." In den vergangenen zwei Jahrzehnten seien die Patienten zumindest teilweise fehl geleitet worden, indem das Leiden oft eher als Knochendichte-Krankheit aufgefasst habe.

An der Dimension des Problems gibt es keinen Zweifel. Jörg Pruckner, Vizechef der Bundeskurie der Niedergelassenen Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer und Fachgruppenobmann der Allgemeinmediziner: "Rund 700.000 Österreicher leiden daran. Das Geschlechterverhältnis liegt bei drei Frauen auf einen Mann. Mit 40 Jahren hat jede achte Frau ein Risiko, bei den 80-Jährigen liegt es bei zwei Drittel.

Pro Jahr kommt es in Österreich zur Hospitalisierung von 62.000 Frauen und 11.000 Männern wegen durch krankhaften Knochenabbau erlittener Frakturen (Unterarm-, Oberschenkelhals- oder Wirbelkörperbrüche). Ein Gutteil könnte wahrscheinlich durch entsprechende Maßnahmen wie genügend Bewegung, Kalzium- und Vitamin D-Zufuhr, aber auch durch zielgerichtete Medikamente für Risikopatienten verhindert werden. Das gilt umso mehr für Patienten, die schon eine Fraktur gehabt haben.

Enorme Kosten

Erich Schmatzberger, Direktor im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger: "Die Ausgaben für Osteoporose-spezifische Medikamente betragen im Jahr fast 60 Millionen Euro. Durch Hüftgelenks-nahe Frakturen kommt es zu jährlichen Aufwendungen von rund 1,7 Milliarden Euro."

Die Leitlinie - bereits in dritter Auflage - gibt einen Überblick mit Anmerkungen über den Grad des wissenschaftlichen Beweises für die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen. Betont werden Ernährung und nichtmedikamentöse Maßnahmen. Bei der Medikamentösen Therapie wird auf die Notwendigkeit von ausreichend Kalzium- und Vitamin D-Versorgung als Basis hingewiesen.

Bei den Arzneimitteln sind prinzipiell alle registrierten und auch von den Krankenkassen erstatteten Medikamente mit einer Übersicht zur Studienlage angeführt. Das erst vergangene Woche von der EU-Kommission zugelassene neue Wirkprinzip gegen die Osteoporose - sogenannte RANKL-Antikörper (Denosumab) - konnte allerdings offenbar nur noch in Kleindruck angeführt werden. Hier steht auch noch die Kassenerstattung aus. Die Leitlinie gibt's in gedruckter Form, in einer Langfassung im Internet und als Patientenbroschüre in den Apotheken und in Arztpraxen. (APA)

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