Ein "Außerirdischer" wollte die Politik verändern

2. Juni 2010, 09:01
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"Brüderlichkeit" als Motto - Geduld der Japaner mit ihrem einstigen Hoffnungsträger war schon nach acht Monaten zu Ende

Tokio - Der scheidende japanische Ministerpräsident Yukio Hatoyama hatte seine Politik unter das Motto "yuai" gestellt, das sich mit "Brüderlichkeit" übersetzen lässt. Nach mehr als 50 Jahren Dauerregierung durch die konservative Liberaldemokratische Partei LDP wollte er mit wohlklingenden Schlagworten wie "Das Volk zuerst" die Art des Politikmachens im Lande grundlegend verändern.

Hatoyama wollte die Macht der Bürokratie über die Politik brechen und die Verschwendung von Steuergeldern bekämpfen. Außenpolitisch versuchte Hatoyama, der in Amerika studiert hat, Abstand zur Schutzmacht USA zu halten. Doch viele Bürger sind enttäuscht von dem, was er tat.

Ausgerechnet Parteispendenskandale, in die auch Hatoyama persönlich verwickelt ist, ließen die Glaubwürdigkeit des Regierungschefs schwinden. Hinzu kamen mehrere Rückzieher. Dazu gehört, dass die Autobahngebühren und eine Benzinsteuer doch nicht ganz abgeschafft wurden. Auch wurden mehrere hohe Beamte in politische Posten befördert, obwohl die DPJ den Einfluss der Beamten auf die Politik zurückdrängen wollte. Als Hatoyama dann auch noch entschied, einen US-Stützpunkt auf Okinawa anders als versprochen doch nicht verschwinden zu lassen, war die Geduld vieler am Ende.

Hatoyama, der nicht zuletzt wegen seiner auseinanderliegenden Augen den Spitznamen "Außerirdischer" trägt, stammt aus einer alten Politiker- und Industriellendynastie. Bereits sein Großvater war Ministerpräsident, sein Vater diente als Außenminister, sein jüngerer Bruder amtierte unter der langjährigen Regierungspartei LDP als Innenminister. Reich wurde die Familie durch den von ihr gegründeten Reifenkonzern Bridgestone. Hatoyama kam selbst erst recht spät in die Politik. Nach einer akademischen Karriere folgte er der Familientradition und trat 1986 der LDP bei. Mit anderen Reformern spaltete er sich 1993 ab, wodurch die LDP erstmals ihre Macht verlor.

Hatoyama war daraufhin Vizesprecher der neuen Regierung, die aber nach nur zehn Monaten im Streit der acht Koalitionsparteien wieder zerbrach. 1998 formierte sich aus kleinen Oppositionsparteien die heutige DPJ, die der Enkel des Bridgestone-Gründers mit finanzieller Unterstützung der Familie mitgründete und führte. Jetzt dankt er ab. (APA)

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