"Friedens-Jirga" wird fortgesetzt

3. Juni 2010, 08:54
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Zwei Selbstmordattentäter am Mittwoch nahe dem Tagungsort in Kabul getötet - Präsident Karzai fuhr im gepanzerten Konvoi davon

Kabul - Bei der "Friedens-Jirga" in Kabul setzen die mehr als 1.600 Delegierten am Donnerstag ihre Debatten über einen möglichen Friedensprozess mit den Taliban fort. Auch am zweiten Tag der dreitägigen afghanischen Ratsversammlung herrschen in der Hauptstadt strengste Sicherheitsvorkehrungen. Der Auftakt des Treffens war von Taliban-Angriffen und Gefechten überschattet worden.

Kurz nach Eröffnung gab es am Mittwoch in der Nähe des Versammlungsortes in der Hauptstadt mehrere Explosionen und Schusswechsel. Zwei Selbstmordattentäter wurden getötet, ein dritter festgenommen.

Mindestens fünf Explosionen erschütterten die Umgebung des Tagungsortes im Südosten von Kabul. Ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums teilte mit, ein 17 Jahre alter und ein 20 Jahre alter Mann seien als Frauen verkleidet in ein im Bau befindliches Haus eingedrungen. Einer sei im ersten Stock, der andere im dritten Stock getötet worden. Ob sie erschossen wurden oder sich in die Luft sprengten, sagte der Sprecher nicht. Ein dritter Täter sei festgenommen worden. Kämpfer feuerten drei Raketen auf den Tagungsort ab, die ihr Ziel aber verfehlten. Weitere Taliban lieferten sich ein Feuergefecht mit der Polizei.

Strenge Sicherheitsvorkehrungen

Die Versammlung in einem riesigen klimatisierten Zelt auf dem Gelände der Polytechnischen Universität findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt; 12.000 Einsatzkräfte waren an Ort und Stelle. Die radikal-islamischen Taliban bekannten sich zu den Angriffen. Sie hätten vier Selbstmordattentäter auf einem Hochhaus nahe des Zeltes postiert, in dem die Versammlung stattfindet, sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur AFP. Sie seien mit Raketen, Handfeuerwaffen und Sprengsätzen am Körper ausgerüstet gewesen. Die Taliban hatten die Jirga zuvor als "Propaganda der Invasoren" bezeichnet.

Der afghanische Präsident Hamid Karzai appellierte zum Auftakt der Beratungen an die Teilnehmer, Entscheidungen zu treffen, die der Nation "Frieden bringen und Afghanistan von diesem Leiden und Schmerz erlösen". Das afghanische Volk erwarte Antworten. An die Taliban appellierte Karzai, die Waffen niederzulegen: "Ich rufe Dich wieder dazu auf, mein Bruder, mein lieber Talib, kehre zurück. Dies ist Dein Land." Er betonte, dem Terrornetz Al-Kaida könne nicht vergeben werden. Nach seiner Ansprache verließ Karzai, begleitet von Hubschraubern, den Versammlungsort im gepanzerten Konvoi.

Zu den Teilnehmern der Jirga zählen Parlamentarier, Bezirkschefs, Flüchtlinge und Angehörige der Zivilgesellschaft. Auch rund 300 Frauen nehmen teil, sie sitzen allerdings getrennt von den Männern. Eröffnet wurde die Versammlung, die dritte dieser Art seit dem Sturz der Taliban 2001, mit einer Lesung aus dem Koran und der afghanischen Nationalhymne.

Der Vorsitzende der "Friedens-Jirga", der ehemalige Präsident Burhanuddin Rabbani, sagte, drei Tage seien vermutlich nicht lang genug, "um eine Lösung für alle unsere Probleme zu finden". "Aber es ist ein guter Anfang, und dieser Trend muss fortgesetzt werden." Rabbani forderte alle Beteiligten auf, keine Vorbedingungen für Friedensverhandlungen zu stellen.

Frieden mit den Taliban schließen

Die Ratsversammlung soll bis Freitag über Mittel und Wege beraten, mit den aufständischen Taliban Frieden zu schließen. In einer Abschlusserklärung sollen Schritte aufgezeigt werden, mit denen der Aufstand beendet werden kann. Die Taliban betreiben seit Jahren eine Kampagne von Anschlägen gegen die internationalen Truppen und die afghanischen Sicherheitskräfte.

Karzai will Taliban-Kämpfern und anderen Rebellen mit finanziellen Anreizen zum Niederlegen ihrer Waffen bewegen. Unter anderem sollen den Aufständischen im Rahmen eines von Geberländern mit rund 130 Millionen Euro finanzierte Programms Arbeitsplätze in Entwicklungsprojekten angeboten werden. Die ausländischen Truppen wollen sich schrittweise aus Afghanistan zurückziehen. Die USA visieren als Abzugsbeginn den Juli kommenden Jahres an.

"Das Ergebnis der Jirga wird uns nicht weiter bringen im Friedensprozess, noch nicht mal ein Stück näher", sagte Ex-Außenminister Abdullah Abdullah, der vergangenes Jahr gegen Karzai die von Manipulationen überschattete Präsidentenwahl verloren hatte und nicht an der Versammlung teilnimmt.

Das Einschlagen der ersten Rakete nur wenige Minuten nach Redebeginn löste bei einigen Delegierten Panik aus. Karzai forderte die Anwesenden auf, Ruhe zu bewahren: "Setzen Sie sich wieder hin, es wird nichts passieren", sagte er. "Ich habe mich daran gewöhnt. Jeder ist daran gewöhnt." (APA)

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    Die Teilnehmer der Friedens-Jirga.

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    Die Konferenz findet in einem großen Zelt statt.

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    Strenge Sicherheitsvorkehrungen konnten den Selbstmordanschlag nicht verhindern.

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    Rauch nach dem Raketeneinschlag in der Nähe des Kongress-Zeltes.

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