"Eine Verweigerung der E-Card schadet den Patienten"

2. Juni 2010, 11:52
posten

SVA-Generaldirektor hält im derStandard.at-Chat Ärzte dazu an, bei bedürftigen Menschen keine Honorare zu verlangen

SVA-Generaldirektor Stefan Vlasich hält im derStandard.at-Chat Ärzte mit SVA-Verträgen dazu an, weiterhin die E-Cards von SVA-Versicherten zu stecken. Den Patienten empfiehlt er "das Gespräch mit dem behandelnden Arzt zu suchen und diesen von einer Direktabrechnung zu überzeugen." Die SVA will mit der Ärztekammer zügig weiterverhandeln, mit einer Lösung des Konflikts und einer Beendigung des vertragsfreien Zustandes rechnen die Vertreter der SVA allerdings erst im September.

ModeratorIn: Wir begrüßen Herrn Vlasich, den Generaldirektor der SVA, sehr herzlich im Chat und bitten die UserInnen um die Fragen.

Stefan Vlasich: Wir bedanken uns für die Einladung und freuen uns Aufklärung zu geben, warum es zu dieser vertragsfreien Zeit gekommen ist und wir möchten aufzeigen, wie unsere Versicherten zu ihren Leistungsanspruch kommen.

Pumuckl3: Herr Vlasich, eine Versicherung schickt ihre versicherten in den Vertragslosen Zustand. Haben sie Verständnis für den Protest der betroffenen?

Stefan Vlasich: Die Ärztekammer hat diesen Zustand durch die Kündigung herbeigeführt. Und wir bemühen uns weiter den Versorgungsanspruch unserer Versicherten sicher zu stellen. Für die Betroffenheit unserer Versicherten haben wir gerade in dieser Situation größtes Verständnis.

Sara KM: S.g. Herr Vlasich wie haben Sie nun vor auf diese Situation zu reagieren? Möchten Sie genau wie die Ärztekammer die Schuld auf die anderen Partei schieben oder möchten Sie den Patienten (doch über 400.000 Betroffene!!) ernsthaft helfen und endlich e

Stefan Vlasich: In der momentanen Situation darf es keine Schuldzuweisungen geben. Der Patient und unser Versicherter stehen im Vordergrund. Deswegen werden wir die Ärztekammer zu weiteren zielorientierten Gesprächen einladen. Unser Angebot an alle Ärzte die Patienten wie bisher bargeldlos zu behandeln ist weiterhin aufrecht.

Doktor Schiwago1: Herr Vlasich, wie lange rechnen sie mit dem vertragsfreien Zustand? Es sind ja immerhin knapp 400.000 Menschen betroffen.

Stefan Vlasich: Die SVA wird sicher zügig und zielorientiert weiterverhandeln. Sie hat auch in den bisherigen Verhandlungen jedes Mal konstruktive Lösungsvorschläge unterbreitet und werden diese Strategie intensiv weiterverfolgen, so dass bis September eine Lösung auf dem Tisch sein könnte.

melora: Warum soll ich unverändert meine SVA-Beiträge bezahlen, wenn ich die versicherte Leistung nicht erhalte?

Stefan Vlasich: Die Leistungsansprüche umfassen neben den Krankenversicherungsleistungen auch Leistungen der Pensionsversicherung und der Unfallversicherung. Der Leistungsanspruch in der Krankenversicherung ist weiter gewahrt. Die vertragsärztliche Hilfe die von der vertragslosen Zeit betroffen sein kann macht 15% der Krankenversicherungsleistungen aus. Der Leistungsanspruch der ärztlichen Hilfe besteht weiter.

Lupo71: Sehr geehrter Herr Vlasich, will die SVA in Zukunft "Managed Care" in Österreich einführen?

Stefan Vlasich: Der Begriff Managed Care wurde bewußt von der Ärztekammer bewußt in die Diskussion eingebracht und war nie Thema der Verhandlungen. Die SVA hat von Anbeginn vorgeschlagen gemeinsam mit der Ärztekammer ein neues patientenorientiertes Verrechnungsmodell zu konzipieren.

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Die Ärztekammer wehrt sich gegen die Einführung des "Care Managements", die SVA spricht von "Vetrauensarzt". Was genau heißt das? Ist dieser "Vetrauensarzt einer der SVA, der diagnostische udn therapeutische Maßnahmen nach wirtsc

Stefan Vlasich: Einer unserer Reformvorschläge war das populationsbezogene Hausarztmodell - wo wir besonders die Versorgung von chronisch kranken PatientInnen in den Mittelpunkt stellen wollen.

der Farbenblinde: sehr geehrter herr generaldirektor, über welche versicherung sind Sie eigentlich versichert?

Stefan Vlasich: Wiener Gebietskrankenkassa.

Pumuckl3: Was droht aus ihrer Sicht Ärzten die auch im vertragsfreien Zustand die E-card akzeptieren?

Stefan Vlasich: Die E-Card ist vom Gesetz aus zu akzeptieren. Die Ärztekammer und die Sozialversicherungsträger hatten den gesetzlichen Auftrag einen Gesamtvertrag auszuhandeln der weiter aufrecht ist und von der Kündigung ausgenommen ist. Eine Verweigerung der E-Card schadet den Patienten.

soupi: Woran konkret sind die Verhandlungen gescheitert? Wir hören immer nur von beiden Seiten daß die Angebote inakzeptabel waren, aber wie waren die Angebote? Worum geht es wirklich?

Stefan Vlasich: Die Verhandlungen sind letztendlich daran gescheitert, dass wir für unsere Versicherten angemessene, faire Honorare durchsetzen wollten, was von der Ärztekammer abgelehnt wurde.

Knut Hamsun: Herr Vlasisch, gibt es für Selbstständige eine Möglichkeit die Zwangsmitgliedschaft bei der SVA zu beenden?

Stefan Vlasich: In dieser Frage müssen Sie sich an den Gesetzgeber wenden.

Mirabeau: Sie sagten, dass bis September eine Lösung auf dem Tisch sein könnte. Warum dauert das mindestens drei Monate?

Stefan Vlasich: Falls es schneller gehen soll, wird es nicht an der SVA scheitern.

Horton: Können Sie uns den "historisch gewachsenen" Umstand erklären, warum wir bisher in einigen Katalogleistungen und bei den Labortarifen so exorbitant überhöhte Preise bezahlt bzw. Sie als Versicherung ausverhandeklt haben! (100% bzw 50% über den Tarife

Stefan Vlasich: Der Vertrag stammt aus dem Jahr 1962. In der aktuellen Situation sind wir bemüht dieses Ungleichgewicht zu beseitigen. Wir treten für den Grundsatz "Gleiches Geld für gleiche Leistung" ein.

Megan 37: Schließt die SVA jetzt Einzelverträge mit den Ärzten ab, die die e-Card weiterverwenden? Und wenn nein, warum nicht?

Stefan Vlasich: Gesetzlich darf die SVA keine Einzelverträge abschließen. Wir bieten jedoch allen niedergelassenen Ärzten die Möglichkeit der Direktverrechnung an.

Mirabeau: Um wieviel Prozent müssen SVA Versicherte im Durchschnitt mehr für die gleichen ärztliche Leistungen bezahlen, als Versicherte der WGKK?

Stefan Vlasich: Im Durchschnitt sind es 44%. Z.B. für ein komplettes Blutbild: SVA 13,04; WGKK 3,20.

life is too short for soft porn: sehr geehrter her vlasich. die sva ist erfahrugsgemäss recht schnell beim androhen von exekutionen. wird eine leistung nicht vollständig erbracht, darf im normalen wirtschaftsleben auch ein teil der zahlung verweigert werden. wie wird die sva mit et

Stefan Vlasich: Grundsätzlich ist das Leistungsangebot nicht geschmälert. Das System der sozialen Krankenversicherung mit allen Rechten und Pflichten ist weiterhin aufrecht.

Rolf-Rüdiger: Seit 1962 haben Sie es also offensichtlich nicht geschafft, für die von Ihnen vertretenen Versicherten faire Tarife auszuhandeln. Warum sollte dies nun gelingen?

Stefan Vlasich: In den letzten 6 Jahren konnten die Tariferhöhungen sehr moderat gehalten werden, was zu einer Annäherung der Tarife geführt hat. Eine weitere Annäherung scheitert derzeit an der Ärztekammer.

M.Koller: Wieviel zusätzliche Arbeit hat die SVA durch Einzelabrechnung, ganz abgesehen von der Zusatzarbeit durch die Versicherten?

Stefan Vlasich: Die Arbeit ist beträchtlich, wir sind aber gut vorbereitet. Um den Versicherten Zusatzarbeit zu ersparen, empfehlen wir das Gespräch mit dem behandelnden Arzt zu suchen und den von einer Direktabrechnung zu überzeugen.

Saint John: S.g. Herr Vlasich, gedenkt die SVA für den Zeitraum des vertragsfreien Zustandes auch die Beiträge zurückzustufen oder nicht zu kassieren? Sobald wieder eine Vertrag mit der Ärztekammer besteht, könne die Beiträge jener, die Leistungen in Anspruch g

Stefan Vlasich: Das System der Beitragseinhebung muss von der vertragsfreien Zeit isoliert betrachtet werden. Es besteht jedoch die Möglichkeit Arzthonorare durch die SVA bevorschussen zu lassen.

DonSalvatore: Wie erfolgt in der vertragsfreien Zeit die Verrechnung ärztlicher Leistungen für Patienten, die in Pflegeheimen untergerbracht sind und nur "Taschengeld" beziehen?

Stefan Vlasich: Wir gehen davon aus, dass die Verrechnung wie bisher erfolgen wird und appellieren an die behandelnden Ärzte gerade bei sozial schwachen und bedürftigen Menschen schon alleine aus ethischen Gründen von einer Honorarlegung abzusehen.

overtaker: Was halten Sie von einem opt-out (freie wahl einer Pflichtversicherung) für Ihre Versicherungsnehmer?

Stefan Vlasich: In dieser Frage müssen Sie sich an den Gesetzgeber wenden. Beispiele im Ausland zeigen aber eine Verteuerung des Systems.

soupi: Was würden Sie sich vom Gesundheitsminister Stöger wünschen wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Stefan Vlasich: Dass er stärker auf die Ärztekammer einwirkt...

schottebaer: Ich verstehe momentan nicht woran es gescheitert ist. Die Ärztekammer sagt, Sie wäre auf eine geringe Anhebung der Honorare plus starke Absenkung bei den Laborleistungen eingegangen. Beide Seiten werfen der anderen vor auf genau diesen Kompromiss ni

Stefan Vlasich: Die Ärztekammer war nicht bereit zu einer weiteren Annäherung der Honorartarife Richtung Durchschnittstarife.

Hoher Standard: Wie könnte ein "neues patientenorientiertes Verrechnungsmodell" aussehen?

Stefan Vlasich: Um einige Eckpunkte des SVA-Vorschlags zu nennen: mehr Prävention, Honorar für Qualität nicht Quantität, Hausarztmodell für chronisch Kranke, ...

Megan 37: Können Sie also ausschließen, dass wir in Ö ein Managed Care System bekommen?

Stefan Vlasich: Der Begriff Managed Care wurde in die Verhandlung von uns nicht eingebracht. Ein derartiges System bedarf einer gesundheitspolitischen Grundsatzdiskussion.

Gerald Becker: Wozu brauchen wir in so einem kleinen Land wie Österreich 19 verschiedene Krankenkassen? Eine Kasse für alle hätte mehr Verhandlungsmacht!

Stefan Vlasich: Derzeit ist das Krankenversicherungswesen berufsständisch und föderalistisch organisiert. Diese Anbietervielfalt bringt neben der aktuellen Situation auch viele Vorteile.

ModeratorIn: Wir bedanken uns bei Herrn Vlasich für den Besuch und die Beantwortung der Fragen!

Stefan Vlasich: Auch wir bedanken uns bei allen MitdiskutantInnen für die rege Teilnahme.

Share if you care.