Finanzexperte Lietaer

"Der Euro ist ein Hammer ..."

Bettina Stimeder, 01. Juni 2010 18:39
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    "Niemand will etwas ändern am monopolistischen Finanzsystem", beklagt Bernard Lietaer. Er plädiert für mehr Diversität, ein "Ökosystem an Währungen für bestimmte Funktionen".

"... aber wir brauchen einen Werkzeugkasten, um aus der Krise zu kommen", fordert der belgische Wirtschaftswissenschafter Lietaer

STANDARD: Alle suchen Werkzeuge, um das Vehikel Finanzsystem wieder flottzukriegen. Sie behaupten, sie zu haben. Warum reißt man sie Ihnen nicht aus den Händen?

Lietaer: Wir leben in einer Orthodoxie, wenn es um Finanzfragen geht. Und diese fordert, dass jedes Land eine einzige Währung braucht, weil es effizient ist. Ich argumentiere, dass dies die Nachhaltigkeit unseres gesamten Systems verunmöglicht. Nehmen wir an, es würde beschlossen, dass Pinien die besten Bäume sind. Daher würde beschlossen, nur noch Pinien anzupflanzen. Und alle anderen Pflanzen wären illegal. Die Konsequenz wäre eine Katastrophe - egal, ob ein Feuer die Pinien dahinraffen oder ob ein neuer Schädling daherkommen würde. In der Finanzwelt findet man das normal. Wir existieren sehr selbstverständlich im Monopol. Aber wenn alles von einer einzigen Sache abhängt, geht man ein Risiko ein. Der wissenschaftliche Beweis kommt aus der Netzwerkanalyse. In natürlichen, nachhaltigen Ökosystemen finden wir stets ein Mindestniveau an Diversität.

STANDARD: Sind die Zusammenhänge und Kausalitäten, die Sie in Netzwerken wie etwa der Nahrungskette sehen, eins zu eins auf Finanzwelt und Weltwirtschaft übertragbar?

Lietaer: Was wir beweisen konnten, ist, dass es um die Struktur, um das System geht, nicht um den Inhalt. Außerdem ist klar, dass Ökosysteme nachhaltig sind, sonst wären wir alle nicht hier. Diese Mechanismen ziehen wir heran, um ein Mindestmaß jener Charakteristiken zu definieren, die ein Netzwerk nachhaltig sein lassen.

STANDARD: Was sind solche Charakteristiken?

Lietaer: Etwa das Zulassen eines gewissen Maßes an Ineffizienz. Man erinnere sich an die umfangreichen Stromausfälle, die es vor 10, 15 Jahren in Europa gegeben hat. Das ist passiert, weil die Stromverteilungssysteme zu effizient waren. Systeme können zu effizient für ihr eigenes Wohl sein. Das ist beim Finanzsystem geschehen. Man drängt in Richtung Effizienz bis zum Gehtnichtmehr.

STANDARD: Banker, Unternehmer, Politiker wären Ihre Adressaten. Wollen sie das hören?

Lietaer: Der Punkt ist, dass hier enorme monopolistische Interessen wirken. Niemand will irgendetwas verändern. Dieser Anspruch beherrscht die Welt. Und das ist das größte Hindernis. Die Regierungen werden Diener dieses Mechanismus, weil sie Steuern eintreiben mit dem Zwang, dass diese in einer Währung bezahlt werden. Regierungen könnten ganz einfach Steuerleistung in einer anderen Währung akzeptieren. Das ist keine Schnapsidee, sondern ein wohlerprobtes Modell. Uruguay ist damit sehr erfolgreich.

STANDARD: Wie sieht eine solche alternative Währung in der Praxis aus?

Lietaer: Ich rede nicht von einer alternativen Währung, sondern von einem Ökosystem an Währungen für bestimmte Funktionen, einer Diversität.

STANDARD: Wer soll dann was und wofür dürfen, und wer lenkt?

Lietaer: Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Österreich will die Arbeitslosenzahlen reduzieren. 80 bis 90 Prozent aller privaten Arbeitsplätze in Österreich hängen von KMUs ab. Das Problem der KMUs ist der Cashflow. Wenn ich als KMU etwas verkaufe, werde ich in einer Frist von 90 Tagen bezahlt. Wenn ich etwas kaufe, muss ich in einer Frist von 30 Tagen zahlen. Also gehe ich zur Bank und will eine Zwischenfinanzierung. Die Bank ist nicht interessiert, weil KMUs eben klein und daher riskant sind. Und jetzt die Lösung: Wir bilden ein Netzwerk, am besten auf regionaler Ebene. Diese Wirtschaftseinheiten erreichen eine Vereinbarung, und wir ziehen eine Bank und eine Versicherung bei. Nun nehme ich die Rechnung meines Kunden und gehe damit zur Versicherung. Wird mein Kunde zahlungsunfähig, springt die Versicherung ein. In Uruguay ist die Prämie für diesen Vorgang nur ein Prozent der Summe. Die versicherte Rechnung kann ich im Netzwerk gegen die entsprechende "Ausgleichswährung" tauschen, mit der ich meinen Lieferanten bezahlen kann, ohne auf die Euros des Kunden warten zu müssen. Der Lieferant hat die Wahl, entweder Euros über die Bank mit entsprechender Verzinsung zu erhalten oder selbst einen seiner Lieferanten mit der "Ausgleichswährung" zu bezahlen. 90 Tage später wird die "Ausgleichswährung" zu Euros, ohne Zusatzkosten.

STANDARD: Das klingt nach Genossenschaft, und das wäre nicht gerade eine neue Idee.

Lietaer: Stimmt. Aber in der Finanzwelt existiert sie nicht. Der Schweizer WIR, der vor über 70 Jahren von einer Handvoll Unternehmer als realwirtschaftliche Währungsalternative etabliert wurde, ist ein anderes Modell. Der WIR hat aber gegenüber dem hier vorgeschlagenen Modell, das ich "commercial credit circuit" (C3) nenne, ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal. Während beim WIR alle Transaktionen in dieser Währung laufen, fangen beim C3 die Transaktionen im Euro an und hören wieder beim Euro auf. Nur zwischen Anfang und Ende gibt es komplementäre Währungen. Auf diese Weise bekommt die Wirtschaft "working capital". Es ist ein kooperatives und kein antagonistisches System. Jeder würde davon profitieren.

STANDARD: Warum interessiert sich kein Krisenmanager für die Beispiele Uruguay und WIR?

Lietaer: Würde man darüber sprechen, dass das Modell erfolgreich ist, würde man zugeben, dass Wirtschaft und Finanz auch ohne Monopol funktionieren können. Das wäre, als würde Microsoft plötzlich trommeln, dass Linux eine Supersache ist.

STANDARD: Was ist der Zusammenhang von Effizienz und Resilienz?

Lietaer: Effizienz ist die Fähigkeit eines Systems, jedes Volumen pro Zeiteinheit verarbeiten zu können. Wir haben jetzt ein extrem effizientes Finanzsystem. Resilienz ist die Fähigkeit eines Systems, eine Veränderung der Rahmenbedingungen, eine Krankheit, eine Katastrophe etc. zu überleben. Das sind zwei Variablen, die nichts miteinander zu tun haben. Allerdings: Ein System ist so lange effizient, bis es kollabiert, weil es nicht resilient sein kann. Ein Zuviel an Resilienz bedeutet Stillstand. Mit einer Million Währungen kann es keine Wirtschaft geben. Der Euro ist eine gute Idee. Dass wir jetzt alles im Euro machen, ist nicht gut. Nehmen wir Griechenland. Das wird nicht das letzte Euroland sein, das in ernste Schwierigkeiten gerät. Der Euro ist ein Hammer. Ein gutes Werkzeug zum Nägeleinschlagen. Aber wir müssen Schrauben drehen oder tackern oder sonst was und brauchen daher einen Werkzeugkasten.

STANDARD: Was sollten Regierungen heute besser wissen als in vorangegangenen Krisen?

Lietaer: In den 1930er-Jahren lernte man, dass man die Banken nicht kollabieren lassen kann. Jetzt lernen wir gerade, dass die Regierungen es sich nicht leisten können, die Banken zu retten. Und wir haben heute bessere Werkzeuge.

STANDARD: Sie fordern, dass man in der Krisenrhetorik aufhören sollte, das Blamegame zu spielen. Ist die Verantwortung des Einzelnen keine Kategorie in Ihrem systemischen Ansatz?

Lietaer: Doch. Es ist trotzdem so, dass man die besten Köpfe einsetzen kann und es dennoch zu einem Kollaps kommt. Wenn man jemandem ein Auto ohne Bremsen und mit einer schwachen Batterie gibt und ihn damit über die Alpen schickt, wird er nicht weit kommen, egal wie gut er Auto fährt. Dauernd den Fahrer auszuwechseln wird das Auto nicht besser machen.

STANDARD: Wer soll nun das Auto reparieren oder sogar umbauen?

Lietaer: In 5000 Jahren Wirtschaftsgeschichte findet man kein einziges Beispiel von Prävention. Es scheint eine Gesetzmäßigkeit zu sein, dass wir warten müssen, bis ein System zusammenbricht, bevor das nächste entwickelt werden kann. (Bettina Stimeder, DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2010)

Zur Person

Der belgische Finanzexperte Bernard Lietaer, geboren 1942, war Berater, Manager, Währungsspekulant und in der Belgischen Nationalbank tätig, wo er für die Implementierung des Konvergenzmechanismus für den Euro verantwortlich war. Der Autor von 15 Büchern ist derzeit ResearchFellow am Center for Sustainable Resources in Berkeley.Z

Kommentar posten
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Martin Sc.
 
20.07.2010 21:39
Was haben ein Wirtschafssystem und ein Atomkraftwerk gemeinsam?

Beide müssen redundant und diversitär ausgelegt sein, um sicher zu laufen. Beide sollten ohne aktiven Eingriff von außen in einen sicheren Zustand gelangen.

dejanowitsch
24.06.2010 16:51
Ohne EU keine Wirtschaft!

Obwohl ich sehr dagegen war gilt doch noch immer die alte Regel "Nur gemeinsam sind wir stark!"

macht dass einmal dem Mentadent H-Zeh klar, aber den interessiert ja eine EU schondeshalb gar nicht weil sie die Kontrolle hat und er dann mit den Ausländern nicht alles aufführen kann!

Waldy Osterhas
05.06.2010 12:35
Der Euro ist ein Hammer

Jawohl.

Land der HÄMMER... Zukunftsreich.

Karl85
 
10.11.2011 17:56

HämmerInnen bitte.

Harald Bruckner
02.06.2010 18:03
nicht die Währung ist das Problem

Vor lauter globaler Betrachtung übersieht er die eigentliche Ursache:
In der Griechenlandkrise würde dem EURO nichts passieren, hülfen die anderen EURO-Staaten nicht aus. Das Geschehen wäre das gleiche als würde der Drachmen noch existieren und nichts Wert sein - der hatte eine Abwertung von 20% pro Jahr.

Gegenflieger
02.06.2010 16:43
Zeit vorbei

Das Problem ist , Europa ist unwichtig geworden aufgrund seiner Starre und langsamkeit.
Praktisch der alte Mann der von den aufstrebenden
Ländern wie China Indien und Rest hinter sich gelassen wurde.
Unsere Zeit ist vorbei , und neue Akteure der Weltgeschichte treten ins Rampenlicht.
Wir sind nur noch für eine Ecke gut und als abnehmer Diverser Konsumprodukte.

Thats it.

upper secret
02.06.2010 17:30
ja, wir europäer sind am absteigenden ast, aber

wir können in einer starken eu noch lange eine gewichtige rolle spielen, wenn wir's richtig machen.
der euro gehört dazu, eine europäische zentralregierung, beschränkt auf zb währungs-, aussen-, verteidigungspolitik uä bereiche und reduzierung der nationalen regierungen auf alles andere gehört dazu.

Tscheina Wild
19.06.2010 10:46
wäre es so wie von Ihnen beschrieben...

...wäre die EU die Weltmacht Nr. 1, wir wären wohl immer noch auf dem absteigenden Ast, aber lange würde niemand an uns vorbei kommen!

naja, derzeit (und wohl auch noch länger) ist es wie von Ihrem Vorposter beschrieben...

The Dark
02.06.2010 15:37
Europa und die USA

werden nicht zugrunde gehen. Hat schon einen Grund warum die Militärausgaben gerade in der Krise "explodieren".

zuckermaus3
02.06.2010 15:11
Wirtschafstwissenschafter argumentieren immer mit fiktiven Argumenten,

da ihnen vergleichbare Erfahrungen und Tatsachen fehlen. Die Einführung eines Bio - Euro durch Lietaer steht kurz bevor :O)

Tscheina Wild
19.06.2010 10:50
keine vergleichbaren Erfahrungen und Tatsachen?

mhmmm, wie oft erwähnt er in dem Artikel Uruguay?!

achja, stimmt, uruguay ist fiktiv...

Alfred Moosbrugger
02.06.2010 14:41

"In 5000 Jahren Wirtschaftsgeschichte findet man kein einziges Beispiel von Prävention"

--> nicht, dass es keines gibt - wenn eine Krise präventiv verhindert wurde, konnte die Krise naturgemäß nicht in die Geschichte eingehen.

Was sagt man dazu?

aha15
02.06.2010 16:50

richtig, logisch, korrekt.

Wolfgang M. BUCHTA
 
02.06.2010 14:06
Nicht alles was hinkt...

ist ein Verlgleich!

Euro und Pinien, na ich weiß nicht!

John Waters
02.06.2010 14:01
Welch Überschrift

Der Standard gibt sich wirklich Mühe, aus allem und jedem seine Einstellungen zu filtern und zu transportieren.

pei mei
02.06.2010 13:53
naja ... der Herr Professor schaut eher

so aus alsob er gerade in eine Stromsteckdose gegriffen hätte ....

Emil Sacklinger
 
02.06.2010 15:03

jeder muß mal seinen akku aufladen.

Lilith Boessse
 
02.06.2010 14:51
sie sind einer jener, der ..

... so ein grinse, aufgemoztes, standard-f foto wie in den us-CV's braucht?....

herr lietaer hat eine sehr gestikunterstützte art sich auszudrücken. insofern passt das foto sehr gut.

gut, dass das foto lebendig ist!

schei.e, dass die menchen immer doofer werden, und nur mehr model-gesichter sehen können :o(((

DD1981
02.06.2010 16:42
sie sind einer jener, die

...wohl nicht zu den hübscheren gehört?....

mikromalist
 
02.06.2010 13:24
Ich folgere daraus,

wir sollten Kärnten eine eigene Währung geben und vielecht auch einen Eisenstadt-EUR einführen, den WEINO?
Oder doch einen WORLDO?
Ein Geldschein ist eine Put-Option mit unendlich langer Laufzeit, deren Wert sich über die Zeit und den Ort ändert.
WIR sind Short Seller unseres Cash, wenn wir seinem Wert, in Vergleich zu etwas anderem, nicht mehr trauen.
Und, IMO, sind "kleine" Währungen anfälliger in eine chaotische Preis-Wertedynamik zu fallen (Chancen/Risikoprofile von Geld sind asymmetrisch und konvex, wie bei allen Optionen).

p.s. ein Befund gefällt mir allerdings besonders: jedes System benötigt Leistungsreserven - geht die Effizienz gegen 100 geht das Relativrisiko gegen unendlich.

wumms
02.06.2010 14:52
kärntner währung...

1 bärenthaler = 100 dogger

natoll
02.06.2010 12:58

mit einem kurs von 1,5 war der euro ohnehin geradezu wirtschaftschädigend hoch. ja, urlaub und öl war günstig, aber was bringt das schon wenn man ausserhalb europa nicht mehr konkurrenzfähig ist?

so schlecht sind die 1,2 derzeit nicht.

Emil Sacklinger
 
02.06.2010 12:58
dieser herr lietaer sieht auf dem foto einfach genial aus

so, als hätt' er das perpetuum mobile erfunden.

amused8
02.06.2010 12:34
In Natur und Technik herrschen fast nur negativ rückgekopplete Systeme, denn nur die gewährleisten Stabilität. Nur im Kapitalismus gibt es die zerstörerischen positiven Rückkopplungen. Aus Gier.

Beispiel aus der Technik. Ein Flugzeugflügel muß
seine Schwingungen durch negative Rückkopplung dämpfen. Desto stärker der Ausschlag, desto stärker die Rückführungskräfte.

Im Kapitalismus gibt es nur die zerstörerischen positiven Rückkopplungseffekte. Beispiel Schuldenfalle. Je mehr jemand (Privatperson, Unternehmen, Staat) verschuldet ist, desto höher die Zinsen und Zinseszinsen bei Kreditaufnahme, die im Kreditgeldsystem so gut wie unumgänglich ist. Das treibt viele in den sicheren Ruin durch positive Rückkopplung. Richtig wäre, die Kreditzinsen bei wachsenden Schulden immer kleiner zu machen, vielleicht sogar negativ. Das Geschäft für die Geldverleiher würde bei steigenden Schulden immer schlechter und damit die Lust zum Geldverleih.

Markus Wagner
03.06.2010 10:08

Ja, die Lust zum Geldverleih würde geringer, aber dann bekäme auch keiner mehr Geld zum Ausleihen. Klassisches Beispiel ist im Moment Griechenland: Die können sichs aussuchen entweder hohe Zinsen zu zahlen oder kein Geld mehr zu erhalten. Ist beides nicht grade positiv oder?

Das was Ihr Vorschlag leisten würde, ist, dass Private, Firmen, Staaten schneller in Konkurs gehen müssen und da bin ich mir in Summe nicht so sicher, ob das sinnvoll ist ...

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