Louise Bourgeois 1911-2010

1. Juni 2010, 18:23
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Die "Grande Maman" der Gegenwartskunst verstarb in ihrem Haus in New York

Erst zu Ende der 1980er-Jahre erlangte ihr zutiefst eigenwilliges Werk Weltruhm.

New York – Sie wurde 1911 in Paris geboren, seit 1938 lebte sie in New York. Die Teilnahme an der Kasseler Documenta IX leitete 1992 so etwas wie einen internationalen Durchbruch ein. Da war sie gute 80 Jahre alt, bedauerte in Interviews, wohl nicht mehr alles sagen zu können, was ihre Sache wäre, und hatte doch wesentliche Werkgruppen noch vor sich. Louise Bourgeois erlag 98-jährig in New York einem Herzversagen.

Der Documenta folgte eine Teilnahme an der Biennale von Venedig 1993. Sie bespielte den amerikanischen Pavillon in den Giardini. Die Rezeption ihrer Arbeit auf breiter Publikumsebene setzte in den USA um 1982, mit ihrer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art, ein.

Peter Weiermair hat Louise Bourgeois 1989 im Frankfurter Kunstverein eine erste große Retrospektive in Europa ausgerichtet. (Die Ausstellung war im Anschluss in der Wiener Galerie Krinzinger zu sehen.) Dazwischen lag ein Künstlerleben, das sich nicht beirren ließ. Vorwiegend Galerien zeigten die Arbeit der eigenwilligen Pariserin, bis heute fehlt sie in wesentlichen Sammlungen: Lange Zeit war sie vielen Häusern nicht bekannt beziehungsweise nicht glamourös genug, dann innerhalb nur weniger Jahre zu teuer.

Die Helden der Jahrzehnte, während derer Louise Bourgeois in ihrem Studio weitgehend unbeachtet tätig war, in denen sie so nebenbei auch drei Söhne großgezogen hat, waren stets die Männer ihrer Generation.

Erst spät im Leben kam der Erfolg. Heute gilt sie als "Superstar" , als "die" Bourgeois, als die teuerste Künstlerin der Welt. Und die zeigte sich alles andere als enttäuscht darüber, den Ruhm derart spät zu ernten: "My luck was that I became famous so late that fame could not destroy me." Erst vor wenigen Jahren etwa fand eine ihrer Werkgruppen in die Sammlung der DIA-Foundation, ins DIA Beacon, so etwas wie die Ruhmeshalle der Helden der 60er- und 70er-Jahre.

Auch das kein Grund für Louise Bourgeois, sich zur Ruhe zu setzten. Sie konnte gar nicht anders, sie musste weiterarbeiten, zeichnen bis zuletzt. Es kam ihr gar nicht erst in den Sinn, die so späten Welttourneen ihrer Werke, die jahrzehntelang im Keller ihres Hauses lagerten, zu begleiten – sie arbeitete einfach weiter. In jenem "Brownstone" in der 22. Straße, das sie 1958 mit ihrer Familie bezogen hatte. Und in dem sie, so lange es ihr Gesundheitszustand zuließ, einmal im Monat ihre Sonntags-Salons abhielt – Einladungen an alle Kunstschaffenden, sich ihre Lektion von der großen alten Dame abzuholen.

Etwa ein Dutzend bildende Künstler, Musiker und Literaten waren es jeweils, die – einer nach dem anderen – zu Bourgeois an den Tisch gebeten wurden, ihre Arbeit zu zeigen, eine Diskussion zu beginnen, oder auch nur, vor Ehrfurcht zitternd, ein "Hello" in den Raum zu hauchen. Und die zierliche Dame zeigte sich neugierig, aber alles andere denn milde.

Sie forderte entschieden ein Bekenntnis zur jeweils eigenen Arbeit, ließ Dritte zur Rechtfertigung nicht gelten, enttarnte Kitsch ebenso, wie sie zu flirten begann oder Gespräche abrupt abbrach, um den Nächsten vorzuladen.

Im weißen Spitzennachthemd

Die Inszenierung des Rituals folgte strengen Regeln: Die Gäste wurden in den Salon vorgelassen, mit Schnaps oder Tee bewirtet. Pouran Esrafily, eine enge Vertraute, richtete die Videokamera ein, mit der alle Gespräche dokumentiert wurden. Eingeweihte im Publikum hatten Schokolade dabei, Bourgeois' Hauptnahrungsmittel. Dann der Auftritt der alten Dame: In weiße Spitzennachthemden oder silberfarbene Blusen gekleidet, schwebte sie zu Tisch.

Um dort ihr Rüstzeug an sich zu nehmen: ein abgeschlagenes Emailhäferl und darin ein Dose Cola samt Strohhalm. Dann blieb ihr Blick in die Runde auf jenem haften, der als erster sein Werk, sein "Ich" , darbringen sollte. Ohne Ausreden, so wie sie das auch von sich selbst verlangte.

Wie Tagebucheinträge wirken die Blätter der Louise Bourgeois, virtuose Bildgedichte, in denen sie ihr so lange erarbeitetes Vokabular wieder und wieder erprobt hatte. Symbole mischen sich da unter Texte. Häuser, Landschaften, Surreales und dann wieder ganz Konkretes finden in diesen Notizen zusammen, die allesamt doch endgültig sind.

Archiv im Wandel

Louise Bourgeois zog nie ein Resümee aus ihrem Werk (es gibt kein Spätwerk), sie kombinierte über die Jahre Gefundenes immer wieder neu. Aus Jahrzehnten zurückliegenden Zeichnungen konnten plötzlich Skulpturen entstehen, umgekehrt tauchten längst erarbeitete Güsse abstrahiert in ihren jüngsten Zeichnungen auf.

Die Bourgeois schöpfte aus einem Archiv, das sie permanent erweiterte. Etwa um die Spinnen, die sie für die Londoner New Tate entworfen hatte und die seitdem in unzähligen Varianten und albtraumhaften Inszenierungen immer wieder auftauchen. Oder die Käfige, in und um die sie in den letzten Jahren immer wieder grottenbahnartige Installationen setzte. Sie verknüpfte Lebensfreude mit allen nur erdenklichen Ängsten, Ohnmacht mit Stärke, Pathos mit nüchterner Bestandsaufnahme. Sie hatte sich zeitlebens geweigert, die entscheidenden Dinge des Lebens, der Liebe, des Körpers und der Seele getrennt voneinander zu verhandeln.

Ihr Werk verweist auf ein fortwährendes Rückbesinnen als Mittel der Gegenwartsbewältigung. So sind Jugend und Alter, der späte Erfolg und die Zeit ohne solchen, ihr problematisches Verhältnis zum Vater und die Überwindung desselben durch ein selbstbestimmtes Leben als Künstlerin miteinander verwoben.

Die Zeichnungen beinhalten all das: Sie gleichen Musterbögen für das komplexe Geflecht, das jede Biografie charakterisiert. Sie sind fein und brutal zugleich, so locker hingesetzt sie wirken, so schwer erarbeitet sind sie doch. Sie stammen aus ihrem Reich zwischen Gefühl und Denken. Montagabend starb sie, 98-jährig. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Printausgabe, 2./3. 6. 2010)

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    Louise Bourgeois.

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    Eine der "Mamans" vor dem Guggenheim in Bilbao.

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    Louise Bourgeois: das Haus als Haut der Person.

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