"Hunger": Wenn keiner klein beigibt

1. Juni 2010, 17:53
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"Hunger", das Spielfilmdebüt des britischen Künstlers Steve McQueen, ist ein hochstilisiertes Drama um politischen Widerstand

Wien - Die Wände sind mit getrocknetem Kot beschmiert. Essensreste bilden einen faulenden Haufen im Eck der Zelle. Die Abflusswege werden mit aufgeweichtem Papier verstopft, sodass die Pisse der Insassen nur durch den Türschlitz ablaufen kann. Aus der Totale auf den Flur wird das Geschehen als konzertierte Aktion verständlich: Vor jeder Zelle bilden sich Lachen, die Zeichen eines Protests gegen die Gefängnisbedingungen, der sich der elementarsten Dinge bedient.

Der britische Videokünstler und Turner-Preisträger Steve McQueen spart in seinem Spielfilm Hunger, für den er in Cannes 2008 mit der Camera d'Or für das beste Debüt ausgezeichnet wurde, nicht an drastischen Bildern, wenngleich er sie mit Kunstsinnigkeit rahmt. Im berüchtigten Belfaster Zuchthaus The Maze, in dem es 1981 zum Streik der inhaftierten IRA-Häftlinge kam, bildet sich der Krieg auf den Straßen mit anderen Mitteln ab. Der Grund: Die Aktivisten begreifen sich als politische Gefangene; die britische Regierung (Thatcher ist im O-Ton aus dem Off zu hören) betrachtet und behandelt sie als Kriminelle - und entzieht ihnen selbst noch die Grundrechte.

McQueen, der schon in etlichen seinen Videoarbeiten einen unmittelbaren, taktilen Zugang zum Betrachter suchte, interessiert sich auch in Hunger zuvorderst für den Körper und damit für ein Kino der sinnlichen Attraktionen. Psychologie ist in einer Ausnahmesituation, die den Menschen auf seine Natürlichkeit zurückwirft, ohnehin auf ein Minimum reduziert. In einem ersten Schritt wird dieses Gegenüber zweier verfeindeter Fraktionen so auch als beinahe ritueller Ablauf von Verweigerung und Züchtigung geschildert, in dem keiner klein beigibt. Ein starres Regime, das McQueen in einen streng rhythmischen Reigen der Gewalt überträgt, der dem Zuschauer einiges an Stehvermögen abfordert.

Ballett der Geschundenen

Die Wundmale sind die äußeren, physischen Zeichen dieser Konfrontation. Der Wärter (Stuart Graham), ein Mann, den man von der Früh an begleitet, als würde er einer ganz alltäglichen Tätigkeit nachgehen, kühlt seine blutigen Handknöchel unter laufendem Wasser und stöhnt dabei kurz auf. Bobby Sands (Michael Fassbender), der Insasse, der allmählich ins Zentrum des Films rückt, tritt seinen Eltern beim Besuch mit arg verschwollenem Gesicht, aber ähnlich unerschütterlicher Härte entgegen: "I'm grand."

Die Konzentration auf körperliche Abläufe verwandelt Hunger zu einem befremdlichen Ballett, in dem manche Inszenierungsstrategie mitunter zu eitel um Aufmerksamkeit buhlt. Irritierend wirken auch einzelne poetische Überhöhungen - eine Schneeflocke, die auf einer Wunde schmilzt; eine Fliege, die über die Hand eines Häftlings klettert -, mit denen offenbar noch einmal unterstrichen werden soll, dass es hier um keine Abbildung, sondern vielmehr um eine künstliche Übersteigerung geht.

Das wird ohnedies auch an einer rund 17-minütigen Plansequenz deutlich, in der Bobby mit einem Priester weitere Möglichkeiten des politischen Widerstands verhandelt, unter denen Märtyrertum die letzte Steigerungsstufe ist. Hernach löst Hunger endlich seinen Titel ein - mit dem berüchtigten Hungerstreik im Maze, bei dem neun Gefangene ums Leben kamen. McQueens Blick heftet sich konsequent auf das körperliche Dahinsiechen, versieht es aber zugleich mit fragwürdigen Analogien zum Passionsspiel: Der militante Freiheitskämpfer als Messias - das muss dann auch wieder nicht sein. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 2./3. 6. 2010)


Ab Freitag im Kino.

  • Solange der Körper noch mitmacht: Bobby (Michael Fassbender), einer der 
malträtierten Gefangenen im Maze-Gefängnis von Belfast.
    foto: stadtkino

    Solange der Körper noch mitmacht: Bobby (Michael Fassbender), einer der malträtierten Gefangenen im Maze-Gefängnis von Belfast.

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