"Da bauen sich erst die Probleme auf"

1. Juni 2010, 17:45
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AMS-Chef Johannes Kopf über Trends, die sich sonst noch abzeichnen und für welche Gruppen es schwierig wird

Wien - Für Akademiker war der Mai kein guter Monat. Während die Arbeitslosigkeit bei Personen mit Pflichtschulabschluss und mittlerer Schulbildung deutlich zurück ging, stieg sie bei Uni- und FH-Absolventen deutlich an - um 11,8 Prozent. Ende Mai waren damit 10.718 Akademiker offiziell als arbeitslos gemeldet, das sind um 3000 mehr als im Mai 2007.

Unterm Strich ist das Risiko für Niedrigqualifizierte, arbeitslos zu werden, aber noch immer deutlich höher. Daher würden ihm die Akademikerzahlen auch "keine Sorgen" bereiten, sagt AMS-Chef Johannes Kopf zum Standard. "Akademiker haben ungleich bessere Chancen, schnell wieder einen Job zu finden."

Das Beispiel zeigt aber, dass die Aussichten am Arbeitsmarkt nach wie vor nicht wirklich rosig sind. Insgesamt waren Ende Mai laut aktuellen Zahlen 305.267 Menschen ohne Job. Im Vergleich zu den Mai-Werten der Vorjahre ist das ein absoluter Rekordwert.

Arbeitsminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) zeigt sich dennoch vorsichtig optimistisch und spricht von "erfreulichen" Zahlen. Er bezieht sich auf die offizielle Arbeitslosenstatistik. Da in dieser die rund 78.000 Besucher von AMS-Kursen nicht als arbeitslos aufscheinen, war diese Statistik im Mai zum zweiten Mal hintereinander rückläufig.

Ist die Trendwende aber wirklich schon erreicht? AMS-Chef Kopf spricht von einer "Trendumkehr im Sinne einer Stabilisierung". Für Juni erwartet er aber erstmals einen tatsächlichen Rückgang an Jobsuchenden - also auch unter Einrechnung der Schulungs-Teilnehmer. Große Sprünge dürfe man sich dennoch nicht erwarten, sagt Kopf. Auch 2011 seien keine rückläufigen Zahlen zu erwarten.

Welche Trends zeichnen sich sonst noch am Arbeitsmarkt ab? Zunehmend zum Thema werde sicher Langzeitarbeitslosigkeit, meint Kopf. Im Mai ist die durchschnittliche Verweildauer in der Arbeitslosigkeit bereits um zwei Tage auf 95 Tage gestiegen. In den nächsten Monaten sei mit einem weiteren Anstieg zu rechne. "Da bauen sich erst die Probleme auf. Wenn man einmal ein Jahr vom Arbeitsmarkt weg ist, veraltet die Qualifikation, Antriebslosigkeit kann entstehen, und jeder Firmenchef fragt, warum man schon so lange arbeitslos ist."

Alte raus, Junge rein

Kopf kann auch ein Beispiel aus der Praxis erzählen. Ein Betrieb hat zum Höhepunkt der Krise 300 Mitarbeiter abgebaut. Mittlerweile wurden wieder 200 aufgenommen. "Das sind aber oft nicht die gleichen." Weniger leistungsfähige und ältere Arbeitskräfte würden durch jüngere, flexiblere und billigere ersetzt. Häufig in Form von Leiharbeitern. Die Zeitarbeiterbranche zählt Kopf daher auch "tendenziell zu den Gewinnern". Vor allem in der Industrie herrsche Unsicherheit, wie nachhaltig der Aufschwung sei. Daher engagiere man lieber Leiharbeiter.

Damit ist Kopf auch schon bei der zweiten Gruppen, für die es schwierig bleibt: die älteren Arbeitnehmer. Während dieJugendarbeitslosigkeit im Mai um 10,7 Prozent zurück gegangen ist, ist sie bei Personen über 50 um 1,7 Prozent gestiegen. Auch dieser Trend dürfte sich fortsetzen.

Im EU-Vergleich weist Österreich hinter den Niederlanden den zweitniedrigsten Wert an Arbeitslosen aus. Die durchschnittliche Arbeitslosenrate lag in der EU im April bei 9,7 Prozent (aktuellere Werte für die EU-Statistik gibt es noch nicht). Am schlechtesten sind weiterhin Lettland, Spanien und Litauen.

Deutschland hat für Mai überraschen positive Zahlen ausgewiesen. Mit 3,242 Millionen registrierte die Bundesagentur für Arbeit den niedrigsten Mai-Wert seit 1992. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 217.000 Arbeitslose weniger. (Günther Oswald, DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2010)

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