"Die Frauen am Strich haben immer Angst"

1. Juni 2010, 15:25
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Ob vor gewalttätigen Freiern oder Krankheiten: Etwa 5.000 Prostituierte arbeiten in Wien, 60 davon sind Männer

Wien - In Wien sind nach Einschätzung der Polizei rund 5.000 Sexarbeiterinnen beschäftigt. Registriert sind aber nur knapp die Hälfte. Schätzungen über die Zahl der illegal tätigen Prostituierten sind sehr schwierig, sagte Elisabeth Jarolim vom Ambulatorium für sexuell übertragbare Krankheiten (STD-Ambulatorium) des Wiener Gesundheitsamtes. "Die Szene ist sehr mobil geworden." Viele Frauen würden nur für ein oder zwei Tage im Monat nach Wien kommen, sich hier ein zusätzliches Einkommen verdienen und dann wieder nach Hause fahren.

Laut Polizei sind derzeit 2.200 Prostituierte registriert. "Das ändert sich aber immer wieder", sagte Polizeisprecher Mario Hejl. "Dafür gibt es drei Kriterien: Erstens müssen sie über 18 Jahre alt sein, zweitens haben sie einen gültigen Bescheid der Bundespolizeidirektion Wien und drittens eine Kontrollkarte der Stadt Wien, den sogenannten Deckel." Jarolim zufolge sind derzeit sogar rund 2.500 registriert, davon sind knapp 60 Männer.

Orte der Sexarbeit: Straße, Laufhaus oder Sauna-Club

Die Schwerpunkte der Prostitution in Wien sind laut Hejl noch immer die Bezirke Leopoldstadt, Penzing und Rudolfsheim-Fünfhaus. Der Straßenstrich habe sich allerdings vom Gürtel weg in diverse Seitenstraßen verlagert, vor allem in die Seitengassen der Äußeren Mariahilfer Straße, in die Felberstraße sowie in die Linzer und Hütteldorfer Straße. "In den Lokalen wird die Prostitution über ganz Wien verstreut betrieben", so Hejl.

Der Zulauf zum Straßenstrich ist auch jahreszeitlich bedingt. "Wenn das Wetter schlecht ist, gehen die Sexarbeiterinnen eher in Lokale, im Sommer stehen mehr am Straßenstrich", sagte Jarolim. "Es gibt aber einige, die stehen seit Jahrzehnten das ganze Jahr auf der Straße." Andere würden nur in Lokalen arbeiten.

Jüngste Trends sind Sauna-Clubs, in denen viele Frauen arbeiten und die wie Wellness-Wohlfühl-Oasen konzipiert seien, erklärte Jarolim. Auch die Sexarbeiterinnen zahlen Eintritt und machen sich dort mit den Kunden den Preis aus. Der zweite große Trend sind Hejl zufolge sogenannte Laufhäuser, in denen sich Prostituierte Zimmer mieten und auf Kunden warten. Auch Kaffeehäuser, in denen Sexworkerinnen als sogenannte Tischdamen ihre Dienste anbieten, verzeichnen vor allem am Gürtel Zulauf.

Angst um zu überleben

Seriöse Schätzungen, wie viele der Sexarbeiterinnen einen Zuhälter haben, gibt es kaum. Jarolim: "Das beginnt mit der Frage, wie man den Begriff Zuhälter definiert." Hejl ergänzte: "Das müsste man die Betroffenen fragen."

"Die Frauen am Strich haben immer Angst - vor allem am Straßenstrich", sagte Jarolim. Auch in kleinen Studios, wo eine oder zwei Sexworkerinnen gemeinsam arbeiten, gebe es Furcht. Viele der jahrelang in der Branche Tätigen hätten aber ein Gespür erster Klasse für Menschen entwickelt und wüssten auch, wie sie sich bei Gefahr zu verhalten hätten. Dementsprechend hätten sie auch ein selbstbewusstes Auftreten, das ihren jüngeren Kolleginnen oft noch abgehen würde. Nicht zuletzt deshalb würden diese schneller Opfer.

Rücksichtslose Freier

Angst gibt es Jarolim zufolge aber auch vor Krankheiten. Nicht zuletzt ist das oft verantwortungslose Auftreten der Kunden daran schuld. Es gibt demnach Männer, die für ungeschützten Sex mehr zahlen wollen. "Furcht vor Aids ist kaum vorhanden", so die Expertin. Manche würden behaupten, sie seien immun dagegen. Doch auch die Syphilis ist mitnichten ausgestorben. "Und auch die kann, wenn es blöd hergeht, tödlich enden." (APA)

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