Welt-Krisis nach 2012?

31. Mai 2010, 19:31
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Wir haben allenfalls ein Zehntel der absehbaren Herausforderungen bis 2030 hinter uns; ob bereits das Schlimmste ist ungewiss. Gewiss nicht das Schwierigste. Nicht alle Lehren der Weltwirtschaftskrise nach 1929 wurden schon gezogen. Dass wir ohne katastrophale Zuspitzung der Krise wie nötig umsteuern können ist leider wenig wahrscheinlich.

Zur Selbstbeschwichtigung bete auch ich mir vor, woran man gerne ohne wenn und aber glauben würde: Dass eine neue große Depression vermieden wurde. Dass wir die Lehren der 1930er Jahre gezogen haben. Dass politische Eliten, Regierungen und Notenbanken entschlossen und erfolgreich agierten. Dass Paniken, Kollapse, Staatsbankrotte, Massenarbeitslosigkeit, Verelendung, Gewalt und anhaltender Niedergang ausblieben. Dass, bei allen noch offenen Herausforderungen das Schlimmste am Crash nach 2008 hinter uns ist.

Aber es bedurfte nicht erst der Krisis der Hellenen - denen wir diesen Begriff des Wendepunkts einer Krankheit zwischen Heilung und Tod verdanken - um uns der Diagnose zu entsinnen. Wir haben kaum zwei erste kritische Jahre überlebt, aber noch mehr als zwei Jahrzehnte chronischen Überlebenskampfs und Krisen-Managements vor uns - vorerst ohne absehbare konjunkturelle Verschnaufpause.

Meine Vorhersage, im Einklang etwa mit EPC- und IWF-Berechnungen: wir werden bis 2030 allein aus den alterungsbedingten Kosten (Pensionen, Gesundheit, Langzeitpflege) selbst bei wirtschaftlichem "Schönwetter" und Rückkehr zu gewohnten Wachstumspfaden jedes einzelne Jahr für Jahr einen Zusatzaufwand von der Größenordnung der Bankenrettungs- und Konjunkturbelebungspakete 2009 zu meistern haben. Erfolg wäre möglich, ist aber leider wenig wahrscheinlich.

Dass wir die nicht bloß mediterranen Flächenbrände explosiver Verschuldungsbrünste - zuerst privater Haushalte, dann Banken und jetzt Nationalstaaten - wie bisher nur durch Gegenfeuer ständig weiterer Verschuldung eindämmen könnten, glaubt niemand. Doch die hohe Kunst gezielten Flämmens verbuschter Vegetation, sprich: massiv überschuldeter Gesellschaften beherrschen wir noch nicht. Daher unberechenbare Springfeuer vom Brandherd, exponentiell steigender Löschaufwand, Biedermänner als Brandstifter.

Die déformation professionelle fachlicher Analyse, das produktive Teufelchen wissenschaftlicher Skepsis, Kritik, empirischer Tests und historischer Parallelen raubt einem den einlullenden Tagschlaf selbstgerechter Tölpel. Nur sie halten Bequemes für wahr, Angenehmes für nachhaltig, jede Übereinstimmung für annehmbar und absehbare Gefahren für unwahrscheinlich.

Weil das freilich vor jedem (Welt)Krieg (wie Stefan Zweig eindrucksvoll schon vor fast 100 Jahren beschrieb) und noch vor jeder Krise stets gleich war - und keine Depression je als Depression und nicht harmlos als vermeintlich vorübergehende Wachstumsschwäche begann - sollten wir die Zahlen und Zeichen auf den Bildschirmen lesen, Sturmwarnungen ernst nehmen und unnütze Selbstgefährdungen vermeiden.

Heute kosten einzelne Bankenrettungen von Hypo Real Estate bis AIG zig mal so viel wie die Rettung ganzer Länder im letzten Jahrzehnt. Die erschreckend abstumpfende, rasante Vermehrung unbegreiflicher Nullen hinter den sich auftürmenden Schuldscheinen, Haftungen, ungedeckten Zahlungszusagen und Finanzierungslücken sollte uns nach dem Notausgang fragen lassen. Schon weil ein Großteil der Staatsschulden unausgewiesen, implizit ist - und nach Nietzsche nicht jedes Ende ein Ziel ist. Zu den Depressions- und Krisenrisken das nächste Mal. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 1.6.2010)

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