Sorgenkinder trotz des Sieges

31. Mai 2010, 18:05
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In Wien und der Steiermark muss die SPÖ bei zornigen, jungen Männern punkten

Wien - Zweitbestes Ergebnis seit 30 Jahren: So lautet die Message, die man in der SPÖ am Tag nach der Burgenlandwahl am liebsten loswürde. Trotzdem konnten die Sozialdemokraten eine gewisse Enttäuschung über die gut 48 Prozent nicht verbergen. So mancher Genosse hatte eine lockere absolute Mehrheit erwartet - und damit einen makellosen Triumph, der Kanzler Werner Faymann einen Euphorieschub bis zum Parteitag am 12. Juni beschert hätte.

So aber muss sich die SPÖ Sorgen machen, etwa über den "Gender Gap" , den das Sora-Institut in seiner Wahlanalyse freilegte. Bei den Frauen räumten die Roten 56 Prozent ab, bei den Männern nur 40 Prozent. Sind die Wähler auch noch jung, ist die SPÖ erst recht abgemeldet: Bei den unter 30-Jährigen landete die ÖVP mit 37 zu 29 Prozent weit vorn.

Kein Patentrezept gegen blaue Populisten

Als "junges männliches Arbeitermilieu mit schlechten Aufstiegschancen" identifiziert Sora-Meinungsforscher Günther Ogris die roten Sorgenkinder. Mit dem Heereseinsatz an der Grenze seien diese Protestwähler ebenso wenig zu ködern wie mit U-Bahn-Begleitern oder Gemeindebaubetreuern in Wien. Ein simples Patentrezept hat Ogris nicht parat: Die SPÖ müsse konsequent versuchen, den direkten Kontakt zu intensivieren, um Bindungen zu knüpfen und (blauen) Populisten das Wasser abzugraben.

Keine Wunderwaffe gefunden hat auch der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl. Zwar teilt wohl kaum ein Sozialdemokrat die Meinung von ÖVP-Chef Josef Pröll (Niessl sei mit seinem Kurs "an die Wand gefahren" ), die Faymann als "Beleidigung nahezu jedes zweiten Wählers im Burgenland" auffasste. Doch auch in der SPÖ stellen manche mit Genugtuung fest: "Populismus an der Grenze des Appetitlichen bringt uns nichts."

Allerdings ist diese Lehre umstritten. Auch bei der Steiermark-Wahl am 26. September werde das Thema Sicherheit "die zentrale Rolle" spielen, kündigte SPÖ-Klubchef Josef Cap an - und handelte sich Widerspruch vom wahlkämpfenden Landeshauptmann Franz Voves ein: "Wir werden Sicherheit mit Sicherheit nicht zum populistischen Thema machen.

"Lieber Musikantenstadl aufdrehen"

Als "großen Erfolg" wertet Voves das burgenländische Ergebnis trotzdem: "Dass jeder zweite SPÖ wählt, würde ich mir auch wünschen." Ärger bereitet ihm aber der "bedenkliche Rückgang der Wahlbeteiligung" . Dies liege auch am Bild, das Politiker in der Öffentlichkeit abgeben, im jüngsten Fall die Klubchefs aus dem Parlament. Voves: "Bevor ich, wie am Sonntag, im ORF 'Im Zentrum' aufdrehe, schau ich mir sogar lieber den Musikantenstadl an."

Betont entspannt geben sich hingegen die Wiener Sozialdemokraten, die am 10. Oktober vor den Wählern bestehen müssen. Mit der Volksbefragung zu U-Bahn-Nachtbetrieb und Co hat die Bürgermeisterpartei die Themen erst einmal abgesteckt. Vor dem offiziellen Wahlkampfauftakt am 4. September ist von der SP bloß Vorgeplänkel - wie die Präsentation eines Personenkomitees für Titelverteidiger Michael Häupl - zu erwarten. Wichtigster Bonus der Roten ist derzeit ohnehin das Dahindümpeln der Opposition.

Die 48,6 Prozent, die Niessl noch zittern lassen, würden Häupl überdies in Jubelstimmung versetzen: Dank des Wiener Wahlrechts hätte er im Gegensatz zum burgenländischen Kollegen spielend die absolute Mandatsmehrheit in der Tasche. (hei, jo, mue/DER STANDARD-Printausgabe, 1.6.2010)

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