Einladung zum Nichtverstehen

31. Mai 2010, 17:44
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René Pollesch tritt mit "Peking Opel" gegen das "blinde Verstehen" an: eine feurige Komödie, in der Martin Wuttke nicht nur als Künstler ohne Muse immerzu in Not gerät

Wien - René Pollesch zäumt das Theater gern von hinten auf. Erst am Ende der Probenzeit entsteht der Text; und auch die Bühnenräume werden vorzugsweise von hinten nach vorn eröffnet. In Peking Opel, der jüngsten Arbeit des für ein radikales Diskurstheater bekannten deutschen Regisseurs, existieren die Protagonisten einer hollywoodesken Kreativwerkstätte zunächst auch nur im dunklen Hinterzimmer, auf der Rückseite eines Künstler-Schminkspiegels.

Dort ist einem Theaterautor (Martin Wuttke) soeben seine Muse (Catrin Striebeck) abtrünnig geworden. Sie will nicht länger die Tippse sein. Er hat ihre Verbindung als Liebe missverstanden. Oder umgekehrt? Sicher ist das alles nicht. Die Muse jedenfalls heiratet eine andere Muse (Volker Spengler), sie will eben auch eine! Die hat noch dazu Geld und diente dem Dichter ebenfalls als Inspirationsquelle.

Was nach einem feurigen Lustspiel klingt, ist auch eines: In Peking Opel - ein Titel, der wahrlich kein Handschlag ist - belebt Pollesch Figuren aus Ernst Lubitschs Design For Living (Serenade zu dritt, 1933) neu und stopft sie mit Theorie- und Reflexionsmaterial bis jeweils über beide Ohren an. Wurde dieses in frühen Arbeit wie Heidi Hoh oder noch in Hallo - Hotel! in großen Textstrecken direkt importiert, so findet es zunehmend ausagitiert seinen Ausdruck. Die Schauspieler fallen also regelmäßig aus ihren Rollen, die Dialoge misslingen, die Figuren kapitulieren und gestehen sich dies auch ein: "Sag, wer bist du eigentlich?" - "Keine Ahnung!"

Da drin steckt harsche Repräsentationskritik, die sich regelmäßig mit feinem Slapstick abkühlt: etwa Marc Hosemann an der Schreibmaschine frei nach Jerry Lewis' The Errand Boy (dt. Der Bürotrottel). Oder noch besser: Wuttkes tänzelndes Solo am Xylophon.

In Redeschleifen (ähnlich zu den Mantras von Elfriede Jelinek) befragen die durch Kreativ- und Liebesökonomien miteinander verbundenen Künstlerfiguren ihre Misere. Oder genauer: die Mechanismen ihrer und der anderen Glücksstrategien, die von der Sehnsucht nach der falschen Wahrheit geprägt ist. Motto: "Blindes Verstehen" .

Gestus der Beschwerde

Bezeichnenderweise ist es das Bild einer "Radiopantomime" , an dem sich die Unmöglichkeit des Gelingens von Kommunikation festmacht und deutlich wird, wie fehlgeleitet das Bemühen um den Adressaten im Kern sein kann.

Der Gestus der Beschwerde, den vor allem Martin Wuttke aufs Glänzendste beherrscht, verleiht dem Nachdruck: "Was ist das denn hier!?" Oder Striebeck als seine ihm entfremdete Ex: "Liebling, was redest du denn da!?" An solchen Stellen kann sich das immerzu überforderte Publikum wieder einklinken.

Peking Opel ist eine Happy Hour (eigentlich eineinhalb), die auf die ziemlich ansprechendste Art, die Theater so zu bieten hat, zum Nichtverstehen einlädt. Und Pollesch? Ein famoser Theaterautor. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 0106.2010)

  • Martin Wuttke macht Pause vom andauernden Überdenken der eigenen 
Glücks-strategie:"Peking Opel"  im Akademietheater.
    foto: werner

    Martin Wuttke macht Pause vom andauernden Überdenken der eigenen Glücks-strategie:"Peking Opel" im Akademietheater.

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