"Werft Unterwäsche oder Geld!"

31. Mai 2010, 17:34
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Sänger und Pianist Jamie Cullum begeisterte im Austria Center

Wien - Gewisse Rituale müssen eben sein: Manche entblößen ihren Allerwertesten, andere lieben die Aussicht auf das Publikum. Und so stand Jamie Cullum im vollen Austria Center, wo eine Art Prolog zum Jazzfest Wien über die Bühne ging, bereits in der dritten Nummer auf dem Flügel - nachdem er zuvor die Tastatur bereits mit Knie und Fuß bearbeitet hatte. Der Pianist und Sänger löst die Aufgabe mit derselben spielerischen, subtil ironisierenden Geste, mit der er vorab das Publikum instruierte: "Tut, was ihr wollt, springt herum, werft Unterwäsche oder Geld, unterhaltet euch!"

Cullum performt, ohne zu posieren. Der Mann ist smart. Und bezieht seine Credibility dennoch vor allem aus seiner musikalischen Potenz: Schon in den ersten Stücken, der aktuellen CD The Pursuit entstammend, steckte er sein Arbeitsfeld ab: Da war I'm All Over It, die süffig dahinstampfende Pop-Ballade aus eigener Fabrikation, in der über die positiven Seiten verflossener Beziehungen räsoniert wird. Und da war Just One Of Those Things, der alte Cole-Porter-Standard über einen One-Night-Stand, den Cullum mit swingender Energie entstaubt und zu einem Song für die Party-Generation macht.

Tatsächlich muss man lange suchen, um einen Musiker zu finden, der sich so selbstverständlich und handwerklich exzellent zwischen Pop und Jazz bewegt. Cullums Stimme tönt markant, so, als wäre er gerade von einer Erkältung genesen. Und er ist auch in seiner kraftvollen, bluesorientierten Pianistik imstande, hohe Ansprüche zu befriedigen - Cullum, die britische Antwort auf die Retro-Jazz-Diva Diana Krall? Jedenfalls coverte der 30-Jährige famos Rihannas Don't Stop The Music, schlug in If I Ruled The World - einst von James Brown gesungen - nachdenkliche Töne an.

Und: Zwischendurch Ausflüge zu Twentysomething, jenem Opus, das 2003 den Durchbruch bedeutet hat. Die virtuose Vokal-Kontrabass-Version von I Get A Kick Out of You wird man schwer aus dem Gedächtnis löschen können. Cullum wäre indes nicht Cullum, hätte er sich am Ende nicht auch in die Publikumsreihen begeben, um dort Cry Me A River zu zelebrieren. Ein Konzert, in dem jeder energiegeladene Ton zum Hörvergnügen mutierte. Chapeau! (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 01.06.2010)

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