Texanische Kochkunst und erhabene Monotonie

31. Mai 2010, 17:31
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Am Wochenende ging das Festival in Barcelona zu Ende - Neben programmierten Headlinern begeisterten Bands wie Spoon, Beak sowie Michael Rother von NEU!

Schönheit und Langeweile, das sind oft enge Nachbarn. Einen Beleg dieser gerade bei der Brautschau immer wieder bestätigten These lieferte Hope Sandoval bei ihrem Auftritt im Rahmen des Festivals Primavera Sound. Die US-amerikanische Singer-Songwriterin wurde in den 1990ern als Stimme von Mazzy Star berühmt.

Deren verträumt-psychedelischen Sound veredelte Sandoval mit sanfter Lolita-Stimme zu einem Welteroberungsrezept. Als Vorstand ihrer Begleitband The Warm Inventions führt sie das Werk der aufgelösten Mazzy Star konsequent fort, allein im Konzert wirkte sie eher als schlecht gelauntes Narkosemittel denn als hypnotisches Zentrum ihrer schlafwandlerischen Songs.

Aber dass bei mehreren Dutzend Bands eines mit Vorglühen und Nachwehen gut fünf Tage lang dauernden Festivals nicht alles Gold war, was glänzte - geschenkt. Auch dass das spanische Festival im Hafen von Barcelona es mit seiner Vorliebe für US-amerikanische Independent-Bands mitunter übertreibt, steckte man locker weg.

Schließlich bietet das Festival auf sechs großen Bühnen Programm, man hat also immer Alternativen. Diese Gleichzeitigkeit erzwang mitunter harte Entscheidungen, die jedoch allesamt belohnt wurden. Etwa jene, den legendären (Beach-Boys-)Produzenten Van Dyke Parks auszulassen und sich stattdessen Beak anzuschauen. So nennt sich ein Nebenprojekt von Geoff Barrow, bekannt als Mastermind der britischen TripHop-Band Portishead.

Mit dem Trio Beak frönt Barrow seiner Leidenschaft für repetitive Instrumentals, die ihre Inspiration bei deutschen 1970er-Jahre-Bands beziehen, die Beak jedoch deutlich verfinstern - im Sitzen, mit Orgel, ungemütlichem Basswummern und grimmigen Gitarrenriffs.

Dass dennoch nichts über das Original geht, bewies Michael Rother tags darauf an selber Stelle. "Michael Rother & Friends present NEU! music" hieß es im Programm. NEU! wurde in den 1970ern von Klaus Dinger und Rother gegründet und zählt zu den wegweisenden Bands des Krautrock, deren visionäre Kraft bis heute ungebrochen ist. Zu den angekündigten "Friends" gehörten Steve Shelley (von Sonic Youth) und Aaron Mullan (von Tall Firs).

Shelley trieb die euphorischen Mantras von NEU! mit wuchtigem Schlagzeugspiel voran, während Zeremonienmeister Rother flirrende Gitarrensounds und hübsche Klaviermelodien beisteuerte oder Shelleys hypnotische Rhythmen mittels elektronischer Beats in Richtung süße Trance verschob. Die so entstandenen Sechs-, Sieben- oder Achtminüter, wirkten in ihrer redundanten Erhabenheit wie die Steine von Stonehenge. Trotz aller Erklärungsmodelle und Analysen immer noch mächtig und mysteriöser als alle David-Lynch-Filme zusammen.

Die Kunst von NEU! inspirierte einst David Bowie ebenso wie Brian Eno und lässt sich bis heute in der Musik von vielen Messdienern der obsessiven Monotonie wiederfinden: sei es bei erwähnten Beak, bei Radiohead, bei Spacemen 3, bei Tortoise, in der elektronischen Musik sowieso.

Derlei Glücksmomente lassen sich bei Primavera Sound unbehelligt von jenen Begleiterscheinungen genießen, die Festivals hierzulande in die Nähe besoffener Feuerwehrfeste rücken. Bei Primavera Sound gibt es kein Bungee-Jumping, kein Bullenreiten, keine Tattoo- oder Piercing-Zelte, keine Teenage-Zombies, die ihre Belastungsgrenzen bezüglich Gerstensaft erforschen - hier geht's tatsächlich um die Musik!

Missionarischer Eifer

Neben Headlinern wie den Pet Shop Boys, Pixies, Grizzly Bear oder Wilco ruft Primavera mit missionarischem Eifer die Bedeutung fast vergessener Helden in Erinnerung. So konnte man heuer einen charmant-mitreißenden Soloauftritt von Roddy Frame im bestuhlten Saal des Forums erleben, bei dem der Schotte mit einem Auszug aus seinem Gesamtwerk deutlich machte, wie sehr der britische Gitarren-Pop der letzten 20 Jahre in seiner Schuld und der seiner Band Actec Camera steht.

Grandios fiel hingegen der Auftritt der texanischen Band Spoon aus. Die aus Austin stammende Formation um den Sympathen Britt Daniels kochte mit ihren ökonomischen Songs, die oftmals wie verlängerte Intros wirken, locker 10.000 Leute ein. Bass, Gitarre, Schlagzeug sowie Klavier oder Synthesizer, aus dem es mitunter elektronisch brutzelte, erwiesen sich als taugliche Massenverführungsmittel.

Zumal Spoon sich an sich selbst entzündeten und Songs wie das sich langsam steigernde I Turn My Camera On um jenes Stück weiterdrehten, das ein bisschen Live-Irrsinn auslöste und das Konzert aus der Masse der brav bis biederen Darbietungen weit herausragen ließ. An derlei Nachdrücklichkeit müssen Wilco noch arbeiten. Ihr Auftritt erinnerte trotz eines charmanten Jeff Tweedy an die Behäbigkeit von Langeweilern wie Chicago, Eagles oder - ganz schlimm! - Boston.

Bis 23. September haben Wilco noch Zeit, an diesem Tag treten sie im Wiener Gasometer auf. (Karl Fluch aus Barcelona, DER STANDARD/Printausgabe, 01.06.2010)

  • Britt Daniels belegte in Barcelona, was heimische Konzertbesucher 
bislang nur vermuten können. Seine Band Spoon ist live ein 
nachdrückliches Erlebnis!
    foto: primavera sound / dani canto

    Britt Daniels belegte in Barcelona, was heimische Konzertbesucher bislang nur vermuten können. Seine Band Spoon ist live ein nachdrückliches Erlebnis!

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