"Das ganze Leben liegt vor dir": Höhlengleichnis im Callcenter

31. Mai 2010, 17:28
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Paolo Virzis italienische Arbeitsplatzkomödie "Das ganze Leben liegt vor dir"

Wien - Um eine Umarmung kann man sich nichts kaufen. Marta (Isabella Ragonese) hat ihr Philosophiestudium zwar cum laude absolviert, ihre graumelierten Professoren tätscheln sie, doch der italienische Arbeitsmarkt hat für Heidegger-Exegetinnen wenig Verwendung. Die junge Frau muss also mit Tätigkeiten vorlieb nehmen, für die sie überqualifiziert ist: Babysitting bei einer alleinstehenden Mutter und ein Teilzeitjob in einem Callcenter, der mit fragwürdigen Methoden operiert.

Paolo Virzi hat mit Das ganze Leben liegt vor dir (Tutta la vita davanti) allerdings kein Drama um prekäre Artbeitsbedingungen von Jungakademikern gefertigt, sondern eine Komödie, die tristen Lebensrealitäten mit italienischem Überschwang begegnet. Neoliberale Motivationsgesänge zu Beginn des Arbeitstages, der kompetitive Druck unter den Telefonistinnen und Erniedrigungsrituale unter den männlichen Verkäufern inszeniert Virzi eher als schrille Revue, die Anleihen an berlusconisierte TV-Formate nimmt.

Nicht umsonst ist Big Brother eine der im Film überpräsenten Referenzen; wobei nur Marta, die mit Platons Höhlengleichnis vertraut ist, das Schattenspiel am Arbeitsplatz zu durchschauen (und letztlich auch wissenschaftlich zu nutzen) imstande ist. Anderen Figuren gestattet der Film weit weniger Selbsterkenntnis zu - wie etwa Martas Chefin (Sabrina Ferilli), die sich in einem eingebildeten Abenteuer mit dem ominösen Konzernchef Claudio verliert. Sie dient bloß dazu, südländische Geschlechterverhältnisse ins Groteske zu steigern.

Virzis Perspektive bleibt insgesamt zu eng an seiner Protagonistin orientiert. Kritik wird damit anhängig von der Moral einer Einzelperson - ein Umstand, der dem Film einiges seiner Dringlichkeit nimmt. Für die Jungphilosophin bleibt das Callcenter nur eine Episode. Draußen wartet irgendwo immer noch das richtige Leben. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 01.06.2010)

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