"Es kann nie irgendetwas gut gemacht werden"

2. Juni 2010, 14:00
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Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds, über zusätzliche Zahlungen an Holocaust-Überlebende

Gideon Eckhaus, Vorsitzender der Vereinigung der Pensionisten aus Österreich in Israel, kritisierte während des Besuchs von Josef Pröll in Israel Österreich: "Die Zuwendungen an uns sind sehr, sehr bescheiden", sagte Eckhaus gegenüber derStandard.at.

Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, stellt klar: "Der Vorwurf, Österreich macht nichts, ist ungerecht". Bei Pensionen und Pflegegeld sei Österreich vorbildlich. Bei der Konzeption des Nationalfonds habe man jedoch die spezifische Situation Holocaust-Überlebender im Alter nicht bedacht, rund die Hälfte der Holocaust-Überlebenden lebt unter der Armutsgrenze. "Besonders die spezifisch israelische Situation war uns nicht bewusst", so Lessing im Gespräch mit derStandard.at. Lessing kann sich jedoch vorstellen, dass zusätzliche Mittel für sozial Schwache in den nächsten Jahren rasch zur Auszahlung gelangen.

derStandard.at: Gideon Eckhaus kritisiert, dass die Zuwendungen an die Opfer des Nationalsozialismus vor allem im Pensionsbereich aus Österreich zu bescheiden ausfallen. Können Sie seine Kritik nachvollziehen?

Hannah Lessing: In den vergangenen 15 Jahren – seitdem der Nationalfonds besteht – habe ich die Bedürfnisse dieser Menschen kennengelernt. Eckhaus meint mit dieser Kritik, dass jetzt, wo die Leute sehr alt sind, die Bedürfnisse sehr viel höher sind als früher. Die Pensionsregelung in Österreich ist einzigartig. Deutschland hat im Vergleich jedoch sehr viel früher damit angefangen. Das hat den österreichischen Betroffenen das Gefühl gegeben, dass man nicht genug getan hat.

Wobei sich immer die Frage stellt, was mit "genug" gemeint ist. Wir haben stets gesagt, dass es immer nur Gesten sein können. Es kann nie irgendetwas gut gemacht werden. Das ist Eckhaus bewusst. Die Menschen, die er vertritt, haben die gesundheitlichen Probleme, die man im Alter bekommt. Zusätzlich kommt bei vielen physisches Leiden hinzu, wenn sie etwa im KZ waren. Auch das psychische Leiden eines Exilanten kann sich im Alter verstärkt äußern. Es gibt sicher Überlebende, die ein ganz gutes Leben hingekriegt haben. Aber gerade in Israel haben viele jungen Menschen Alyah gemacht (Rückkehr des jüdischen Volkes ins Land Israel, Anm.). Viele haben versucht, in einem Kibbuz zu überleben. Es gab kein Land Israel, keine fixen Strukturen wie in Großbritannien oder den USA. Man musste neben dem blanken Überleben versuchen, ein Land aufzubauen. Da war für Schul- oder Weiterbildung kein Platz. Daher sind diese Überlebenden heute finanziell niedriger gestellt.

derStandard.at: Was ist in Österreich an den Pensionen einzigartig?

Hannah Lessing: Dass jemand, der ein Opfer des Nationalsozialismus aus Österreich ist, sich zu begünstigten Raten in das österreichischen Pensionssystem einkaufen kann. Das kostet ungefähr 5.000 bis 7.000 Dollar und dann erhält man – je nachdem, wie alt man war – bis zum Lebensende 350 Dollar pro Monat. Seit einer Änderung im Herbst des vergangenen Jahres können sich auch die Jahrgänge 1938 bis 1945 in das Pensionssystem einkaufen.

derStandard.at: Ist bei der Planung des Nationalfonds nicht bedacht worden, dass diese Menschen im Alter mehr Geld brauchen?

Hannah Lessing: Bei der Planung ist nicht an die höheren Bedürfnisse gedacht worden. Es ging ja um eine symbolische Anerkennung der Verfolgung. Ich selbst habe nie daran gedacht. Ich wollte keine soziale Differenzierung machen, ich wollte auch keine Differenzierung machen nach der Frage, wer mehr gelitten hat. Es gibt Menschen, die an der Emigration mehr zerbrochen sind als die Menschen, die das KZ überlebt haben. Besonders die spezifisch israelische Situation war uns nicht bewusst.

derStandard.at: Josef Pröll hat in Israel gesagt, er werde sich dafür einsetzen, dass sich die Zuwendungen erhöhen werden. Welche Möglichkeiten stehen hier offen?

Hannah Lessing: Wenn, dann wird man sich neue Maßnahmen überlegen müssen. Es gibt ja auch eine Gruppe von Menschen, die das Washingtoner Abkommen bekämpfen wollen. Das ist keine Denkmöglichkeit, das Abkommen ist abgeschlossen. Moshe Yehuda von der Claims Conference hat vorgeschlagen – und Gideon Eckhaus hätte das sicher auch begrüßt -, noch einen bestimmten Betrag über den Nationalfonds rasch auszubezahlen, um die nächste Jahre – die gerade jetzt für die alten Menschen wichtig sind – zu überbrücken. Bei den Pensionen und Pflegegeld sehe ich nicht wirklich neue Möglichkeiten.

derStandard.at: Nachholbedarf gibt es also vor allem im sozialen Bereich?

Hannah Lessing: Nachholbedarf glaube ich nicht, vielleicht könnte man bei Sozialzahlungen im Rahmen des Nationalfonds noch etwas machen. Da haben wir in den vergangenen Jahren weniger Mittel zur Verfügung gehabt. Es ist eine politische Geschichte, da es in Zeiten der Krise für alle schlecht ist. Der Vorwurf, Österreich macht nichts, ist ungerecht.

derStandard.at: Eckhaus hat auch gefordert, dass das offizielle Österreich noch einmal Geld locker macht. Wie realistisch ist das?

Hannah Lessing: In den nächste vier Jahren werden die Bedürfnisse der Holocaust-Überlebenden steigen. Und danach kommt ein wirklicher Cut Off. Irgendwann ist die Steigerungsnotwendigkeit nicht mehr gegeben. Wie realistisch eine Steigerung in Zeiten der Wirtschaftskrise ist, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, was ich sehe: Dass Menschen in Tel Aviv sitzen, Wiener Lieder singen und an die Heimat denken.

derStandard.at: Würden Sie sich mehr Geld wünschen?

Hannah Lessing: Natürlich, ich bin die Letzte, die für Fälle sozialer Bedürftigkeit nicht Geld in die Hand nehmen wollen würde . Der Entschädigungsfonds war von Anfang an für die Abgeltung von Vermögensverlusten gedacht. Neues Geld könnte vielleicht nicht an alle, sondern nur an sozial Schwache verteilt werden. Das würde auch die benötigte Geldmenge reduzieren. So kann man gezielt helfen. Wir helfen aber beispielsweise in Österreich auch der Opfergruppe der Roma und Sinti im sozialen Bereich.

derStandard.at: Knapp die Hälfte der Holocaust-Überlebenden lebt unter der Armutsgrenze. Warum?

Hannah Lessing: Ich glaube, dass es sehr viele nicht geschafft haben, ihr Leben wieder ganz auf die Reihe zu bekommen. Hinzu kommt, dass bei der Altersgruppen die Armut sehr hoch ist, auch in Österreich. Hier ist es vor allem die doppelte Kombination aus Opfer des Nationalsozialismus und Alter.

derStandard.at: Unternimmt Österreich hier genug?

Hannah Lessing: Es kann nie genügen, aber Österreich macht sehr viel. Genug ist das falsche Wort. Auch wenn mein Papa eine Million bekommen hätte, hätte er seine Mutter trotzdem nie wieder gesehen.

derStandard.at: Was ist dann die Hauptaufgabe des Nationalfonds? Entschädigung, Anerkennung?

Hannah Lessing: Die Zahlungen des Nationalfonds sind symbolische Gestezahlungen, mit denen die Republik die Verantwortung anerkennt, dass diese Menschen durch Österreich Opfer geworden sind. Zahlungen aus dem Entschädigungsfonds sind sehr wohl Entschädigungen, wobei es immer nur eine Gestezahlung sein und bleiben kann. Mir war in der Anfangszeit des Nationalfonds klar, dass es nicht reichen würde, einfach einen Scheck zu schicken.

Mein Vater (der 1939 aus Wien nach Palästina flüchten konnte) war skeptisch gegenüber meinem Job. Als er mir gesagt hat: "Du kannst mir meine Kindheit nicht wieder geben, du kannst mir meine Mutter nicht aus Auschwitz wiedergeben", habe ich gewusst, dass wir mehr machen müssen. Versöhnung können wir nicht erzielen, die kann nur von Betroffenen ausgehen. Wir können nur hoffen, dass wir mit der Art und Weise, wie wir damit umgehen, den Menschen das Gefühl geben, dass hier eine neue Generation am Handwerk ist.

Heinz Fischer (damals Nationalratspräsident, Anm.) und ich haben zusammen einen Brief geschrieben, in dem wir sagen, dass es uns leid tut, dass es zu spät ist und dass nichts wiedergutgemacht werden kann. Dieser Brief war der Anfang. Plötzlich haben wir eine Menge Reaktionen bekommen, von denen die meisten in die Richtung gingen: "Endlich habe ich die Worte gehört, die ich hören wollte".

derStandard.at: Österreich baut sukzessive die wirtschaftlichen Beziehungen zum Iran ab und die Staatsbesuche zwischen Österreich und Israel steigern sich. Liegt es an dieser neuer Generation, die Sie angesprochen haben, dass sich die Beziehungen zwischen Israel und Österreich verbessert haben?

Hannah Lessing: Ich glaube schon. Wenn ein Politiker weiß, dass sein Land eine lang verlangte Neupositionierung der Geschichtsschreibe eingenommen hat, dann tut er sich leichter. Auch für mich ist es leichter. Ich weiß nicht, ob ich dieses Land vertreten hätte können, wenn ich sagen hätte müssen, dass Österreich das erste Opfer war. Wobei man da natürlich differenzieren muss, da ein politisch Verfolgter sich natürlich als erstes Opfer fühlt. Die Beziehungen sind auch besser, weil die Leute eher bereit dazu sind, hinzufahren. Waldheim hat sich in Yad Vashem noch geweigert, eine Kippa aufzusetzen. Die nächste Generation hat kein Problem damit, weil wir anders, ehrlicher mit unserer Geschichte umgehen.

derStandard.at: Was sagt Ihr Vater heute über Ihren Beruf?

Hannah Lessing: Ich glaube, ich konnte ihn überzeugen, dass es einen Sinn hat. Natürlich konnten wir nichts zurückgeben und nichts wiedergutmachen. Aber wir haben ein gewisses Selbstverständnis in einer bestimmten Altersklasse herstellen können, ohne dass gleich angehängt wird: "Aber ich bin ja nicht Schuld". In den Schule geht man mit Nationalsozialismus und mit Judentum anders um. Wenn ich früher einen Davidstern getragen habe, hat man mich mit Seidenhandschuhen angefasst. Ich möchte aber gleich behandelt werden.

derStandard.at: Was macht der Nationalfonds, wenn alle Entschädigungen ausbezahlt sind?

Hannah Lessing: Der Entschädigungsfonds wird jetzt langsam zugemacht. Da werden wir nur mehr die Erbzahlungen abwickeln und auch die Schiedsinstanz ist irgendwann einmal zu Ende. Die ursprüngliche Aufgabe des Nationalfonds sind die Gestezahlungen. Das sind ein paar hundert Euro pro Jahr, auch das wird irgendwann zu Ende sein. In den nächsten Jahren haben wir unsere Projektförderungsarbeit, wo wir nicht wahnsinnig viel Geld zu verteilen haben. Das sind vor allem Schulprojekte. Vergangenes Jahr sind wir mit der Koordinierung der Neugestaltung der Österreich-Ausstellung in Auschwitz beauftragt, das ist eine heftige Aufgabe. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Kunstrestitution: In den kommenden fünf oder zehn Jahren werden wir versuchen, eine Anlaufstelle zu bieten. Wir werden höchstwahrscheinlich da sein, bis das letzte Opfer nicht mehr lebt.

derStandard.at: Zur Auschwitzaustellung: Ist es nicht auch ein Zeichen, wie Österreich mit seiner Vergangenheit umgeht, wenn gerade in Auschwitz eine Ausstellung seit Jahrzehnten unverändert bleibt?

Hannah Lessing: Die Ausstellung war für die damaligen Verhältnisse eine gute Ausstellung. Oder genauer: Wenn man das erste Plakat (Aufschrift: "Österreich – Erstes Opfer des Nationalsozialismus", Anm.) wegnehmen könnte, dann ist sie gut. Ab der Rede von Franz Vranitzky 1991 hat sich die Geschichtsschreibung geändert (Vranitzky anerkannte vor dem israelischen Parlament die Mitschuld Österreichs, Anm.). 2005 haben wir einen Banner hingestellt, der darauf hingewiesen hat, dass die Ausstellung nicht mehr zeitgemäß ist. Bis 2009 hat es gedauert, dass etwas passiert. Es dauert nicht nur lange, weil alles ausgeschrieben werden muss, auch die Gedenkstätte Auschwitz muss bis zur kleinsten Bildunterschrift alles freigeben. Zwei bis drei Jahre wird es bis zur Neugestaltung noch dauern. (fin, seb, derStandard.at, 31.5.2010)


Zur Person:

Hannah Lessing ist Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, der 1995 gegründet wurde. Lessing studierte Wirtschaftswissenschaften. Ihr Vater, Jahrgang 1923, konnte 1939 mit einem Zertifikat aus Wien über Triest nach Palästina flüchten. Seine Mutter blieb in Wien zurück und wurde gemeinsam mit ihrer Mutter zunächst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert. Ab dann fehlt jede Spur. Lessings Vater kehrte 1946 nach Wien zurück.

Info:

Laut Statistischen Berechnungen der Jewish Claims Conference (JCC) von Jänner 2010 leben 259.500 der insgesamt 516.700 Holocaust-Überlebenden unter der Armutsgrenze. Die meisten von ihnen in Israel (74.000) und in der ehemaligen Sowjetunion (90.000). Als arm und zudem pflegebedürftig werden insgesamt 104.000 jüdische NS-Opfer eingestuft.

Links:

Nachlese: Österreichische Holocaust-Vertriebene rügen Wien

Nationalfonds

Claims Conference

  •  "Der Vorwurf, Österreich macht nichts, ist ungerecht", so Hannah Lessing gegenüber derStandard.at. Bei Sozialzahlungen sieht sie jedoch noch Handlungsspielraum nach oben.
    derstandard.at/pumberger

    "Der Vorwurf, Österreich macht nichts, ist ungerecht", so Hannah Lessing gegenüber derStandard.at. Bei Sozialzahlungen sieht sie jedoch noch Handlungsspielraum nach oben.

  • "Genug ist das falsche Wort. Auch wenn mein Papa eine Million bekommen 
hätte, hätte er seine Mutter trotzdem nie wieder gesehen", so Lessing über die Frage ob die geleisteten Zahlungen "genügen".
    derstandard.at/pumberger

    "Genug ist das falsche Wort. Auch wenn mein Papa eine Million bekommen hätte, hätte er seine Mutter trotzdem nie wieder gesehen", so Lessing über die Frage ob die geleisteten Zahlungen "genügen".

  • "Zwei bis drei Jahre wird es bis zur Neugestaltung noch dauern", sagt Lessing über die mühsame Neugestaltung der Österreich-Ausstellung in Auschwitz.
    derstandard.at/pumberger

    "Zwei bis drei Jahre wird es bis zur Neugestaltung noch dauern", sagt Lessing über die mühsame Neugestaltung der Österreich-Ausstellung in Auschwitz.

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