Kindsmörder sieht sich als Folteropfer

30. Mai 2010, 19:52
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Europäischer Gerichtshof entscheidet im Fall Gäfgen - Er entführte und ermorderte den Bankierssohns Jakob von Metzler

Straßburg/Wien - Die Entführung und Ermordung des Bankierssohns Jakob von Metzler schockierte ganz Deutschland. Das Verfahren könnte wieder aufgerollt werden. Am Dienstag gibt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg bekannt, ob eine Verletzung des Rechts auf ein faires Verfahren im "Fall Gäfgen" vorliegt.

Magnus Gäfgen hatte den Elfjährigen im Jahr 2002 entführt und eine Million Euro Lösegeld erpresst. Nach Abholung des Geldes wurde er beschattet und gestellt. Der Mann wollte auch nach seiner Festnahme nicht preisgeben, wo er den Buben versteckt hatte. Erst als ihm beim Verhör - auf Anweisung des Vizepräsidenten der Frankfurter Polizei - erhebliche Schmerzen angedroht wurden, gab Gäfgen nach. Er führte die Beamten zu einem Tümpel, eine Fahrtstunde von Frankfurt entfernt, wo sie die Kindsleiche fanden und Beweise, etwa Autoreifenspuren, sicherstellten. Bis dahin hatte die Hoffnung bestanden, Jakob könnte noch leben.

Bekommt der 35-jährige Deutsche am Dienstag in Straßburg Recht, wären die unter Druck erhaltenen Beweise, die 2003 zum Schuldspruch "lebenslange Haft" bei Vorliegen einer "besonderen Schwere der Schuld" führten, juristisch nicht mehr haltbar - das beträfe unter anderem den Obduktionsbericht. Das unter Erpressung erlangte Geständnis wurde im Prozess gar nicht erst zur Beweisführung zugelassen. Gäfgen gestand aber auch vor Gericht die Entführung und anschließende Ermordung des Kindes.

2008 in Straßburg abgeblitzt

Mit der Frage, ob ein Verstoß gegen das Folterverbot vorliegt, hatte sich bereits die kleine Kammer des EGMR befasst. Damals scheiterte Gäfgen. Die Richter kamen im Sommer 2008 zwar zu dem Schluss, dass gegen das Folterverbot verstoßen wurde, aber bereits entsprechende Konsequenzen aus dem Fall gezogen wurden. 2004 wurden zwei Polizeibeamte wegen Nötigung beziehungsweise Verleitung eines Untergebenen zur Nötigung im Amt verurteilt und verwarnt. (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 31. Mai 2010)

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