Die Performer beim Literaturfest Salzburg

30. Mai 2010, 18:57
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Andre Heller und Harry Rowohlt begeisterten mit typisch österreichischer und ebenso typisch deutscher Sprach-Performance

Salzburg - Gute Präsentation kann die Brücke bauen zum Sperrigen. Mitreißende Performance kann eigentlich schwer verdauliche Kost leicht konsumierbar machen - und somit zugänglich für viele Menschen. Das Literaturfest Salzburg, das von Mittwoch bis Sonntag (26. bis 30. Mai) zum dritten Mal über Salzburgs Bühnen gegangen ist, hat zwei der herausragenden Literatur-Performer eingeladen, die diese These eindrucksvoll belegten: Andre Heller (Freitag, 28. Mai) und Harry Rowohlt (Samstag, 29. Mai).

Andre Heller hat ein schlechtes Gewissen. Erst hat ihm sein väterlicher Freund H.C. Artmann (1921-2000) den einträglichen Tipp gegeben, populäre Kunst zu machen. Und viele Jahre später ist der kommerziell wenig erfolgreiche Artmann kurz vor seinem Tod in Hellers Anwesen am Gardasee gestürzt. Dabei hat sich der Mundart-Pionier schwer verletzt und letztlich nicht mehr erholt. Jetzt bemüht sich der wohl massenwirksamste und erfolgreichste Performer der österreichischen Kunstszene um den toten Dichter. Verwies beim Erzählen historischer Anekdoten zwischen den Gedichten nur ein einziges Mal auf dein eigenen guten Geschmack und verzichtete sogar auf seine Gage.

Bis auf den letzten Platz gefüllt war das Republic mit Prominenten aus Salzburgs Kultur, Politik und Wirtschaft. Auch ein paar H.C. Artmann-Fans werden wohl dabei gewesen sein - viele sind es ja nicht mehr. Denn die Umsätze mit den Klassikern wie "Med ana schwoazzn Dintn", "ein lilienweißer brief aus lincolnshire" oder "How much, Schatzi?" sinken von Jahr zu Jahr. Tatsächlich sind die larmoyanten Blicke auf das Schwarze in der Wiener Seele schwer zu lesen. Die geraunzte Sprache weinselig-wienerischer Einsamkeit wehrt sich gegen das Festnageln im Gedruckten. Aber Heller reißt sie alle heraus. Einen Nagel nach dem anderen. Und H.C. kriegt seine Flügel wieder. Und alle spürten wie er mit seiner traurigen Amsel noch einmal durch die Gassen fliegt. "Niemand liest mich besser als Andre Heller", hat Artmann selbst einmal gesagt. Und er dürfte Recht haben.

Krass anders, super deutsch, witzig, g'scheit und ebenso unterhaltsam performte am Tag darauf ein gänzlich anderer Bühnen-Typ - Harry Rowohlt, ehemaliger Säufer, viel beschäftigter Übersetzer, "Lindenstraße"- Mitspieler und spitzzüngiger Kolumnenschreiber in der Wochenzeitung "Die Zeit". Bei alkoholfreiem Bier ("nichts trübt eine Lesung so dramatisch wie stilles Mineralwasser") spöttelte der 65-jährige Rauschebart-Träger aus Hamburg kabarettistisch über eine schuldbewusste Zwiebel genauso wie über honorige Staatsempfänge mit Feigenblatt-Dichter oder sich selbst. Vom Basislager seiner "Zeit"-Kolumnen aus durchforstete Rowohlt in seinen Anekdoten und Grillen ein Robert-Gernhardt-Gedicht, aktuell übersetzte Neuerscheinungen aus England und vor allem die menschlich-groteske Seite des ganz Normalen.

Alissa Walser, Urs Widmer, Erika Pluhar, Anne Weber, Ludwig Laher, Paulus Hochgatterer, Anselm Glück oder Ulrike Draesner - sie alle waren Teil des dritten Literaturfestes Salzburg, das drauf und dran ist, zum festen Bestandteil des Salzburger Kulturkalenders zu werden. "Es geht nicht nur um die vollen Häuser bei Zugpferden wie Heller und Rowohlt", erläuterte Ko-Organisatorin Christa Gürtler im APA-Gespräch. "Es geht bei diesem Fest um literarische Vielfalt. Daher ist es für uns besonders erfreulich, dass auch die vielen Vormittags- und Nachmittagsveranstaltungen außerordentlich gut besucht waren. Man spürt, die Aufmerksamkeit für das Literaturfest Salzburg wächst von Jahr zu Jahr." (APA)

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