Krakauer Paradiesvogelhaus

30. Mai 2010, 18:28
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Mit Krystian Lupas Krakauer Andy-Warhol-Hommage "Factory 2" erlebten die Wiener Festwochen im Museumsquartier einen weiteren Höhepunkt

Der Star der US-Pop-Art düpiert seine Geschöpfe.

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Wien - Institutionen wie Andy Warhols berühmte Kunstwerkstätte "Factory" kann man nicht schlampig zitieren: Man muss sie originalgetreu nachbauen. Der polnische Starregisseur Krystian Lupa hat eine Industriehalle in Silberlackfarbe getaucht. Factory 2, dieser frühe Höhepunkt der diesjährigen Wiener Festwochen, erzählt in der Halle G des Museumsquartiers die Geschichte eines Sammellagers.

Warhol (Piotr Skiba), der linkische, Perücke tragende Abgott der New Yorker Bohème, huldigt dem Starkult. Das "Celebrity" -Wesen beruht auf der Zufälligkeit des Auswahlprinzips: Andy möchte von seinen Paradiesvögeln, die Candy Darling, International Velvet oder Viva heißen, Probeaufnahmen machen. Der Grund ist eher profan: Seine Firma stellt Kunstfilme her, und diese wollen als Waren verkauft werden. Weil der Firmengründer den Abstand zwischen Leben und Abbild schließen will, läuft die Videokamera, bedient von Assistent Paul Morrissey (Zbigniew W. Kaleta), die meiste Zeit über gleich mit.

Im Zeitalter der Sozialcontainer und "Big Brother" -Shows mutet das Arbeitsklima in der Factory am Union Square wie ein Dauer-Happening an: Dieses Soziallabor ist der Brühwürfel für alle späteren Reality-Formate, mit denen Fernsehen und Internet seit Jahrzehnten überschwemmt werden.

Lupas Krakauer Theatermarathon zeigt, wie Menschen durch die Verwertung ihrer "Images" in ein lange anhaltendes Unglück gestürzt werden. Wie sie den Katzenjammer mit Drogen bekämpfen, ihre Ängste in verweinten und versoffenen Nächten ruhigstellen. Wie jede Authentizität flöten geht, sobald die Akteure mit ihren eigenen Abbildern um die Wette grimassieren. Das Star-Prinzip kennt keine Pause. Wohl aber mischen die wunderbaren Schauspieler des Krakauer Stary Theaters ihre eigenen Erfahrungssplitter in die historische Materie.

Lupa erschafft in den acht niemals langweiligen Stunden folgerichtig eine soziale Welt, die zwar von Warhol zusammengehalten wird, aber bereits in ihre Einzelteile zerfällt. Den Versuchskaninchen der Pop-Art kommen allmählich die Unterscheidungsmerkmale für wahres oder falsches, tief empfundenes oder schlecht gespieltes Verhalten abhanden.

Vampir mit Flüsterstimme

Menschen, denen ihr Herr und Meister vorschlägt, nichts als sie selbst zu sein, verfallen in Panik: Das Geschenk der Freiheit ist ein unzumutbares Gut. Warhol, der Vampir mit der zauberhaften Flüsterstimme, düpiert seine Kreaturen: Er schenkt ihnen seine Aufmerksamkeit, zugleich entzieht er sich aber ihren Nachstellungen.

Er ist das Enigma einer Produktion, die auch beim wiederholten Sehen nichts von ihrer Spannung, ihrer episodischen Kraft und psychologischen Plausibilität verloren hat. Auch wenn die deutschen Übertitel bei der Premiere wiederholt Hitzeferien nahmen. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 31.05.2010)

  • Der Wille zur Kunst eint unterschiedlichste Figuren: Candy Darling
 (li.), Krzysztof Zawadzki und Kolleginnen vor dem "Shot".
    foto: bielinski

    Der Wille zur Kunst eint unterschiedlichste Figuren: Candy Darling (li.), Krzysztof Zawadzki und Kolleginnen vor dem "Shot".

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