Das fürstliche Experiment

30. Mai 2010, 18:10
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Subtiler kann das Augenzwinkern der Geschichte kaum ausfallen - von Josef Kirchengast

Das ist wieder einmal angewandte böhmische Lebensphilosophie vom Feinsten. Und zugleich eine Lektion in Demokratie, die Europa gerade jetzt bitter nötig hat. Zwischen Ungarn und der Slowakei läuft ein Match zweier populistischer Regierungschefs, die im Nationalismus offenbar ein taugliches politisches Rezept zur Krisenbewältigung, in Wahrheit aber zur Ablenkung von den wahren Problemen sehen. Dabei versucht Ungarns neuer Premier Viktor Orbán das nationale Trauma, den Friedensvertrag von Trianon 1920, dadurch zu überwinden, dass er die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern zumindest symbolisch heim ins Reich holt.

Und in der Tschechischen Republik? Dort gibt es auch ein tiefes nationales Trauma, und es ist 300 Jahre älter als Trianon. In der Schlacht am Weißen Berg 1620 erlitten die böhmischen Stände eine vernichtende Niederlage gegen die Katholische Liga. Dieses Debakel hemmte die Entwicklung einer tschechischen Nation jahrhundertelang.

Nach ihrer Machtübernahme 1948 rechtfertigten die Kommunisten die Enteignung des Adels unter anderem als Wiedergutmachung der Schmach von 1620. Dass die Kommunisten auch nach der Wende 1989 relativ stark blieben und sich als einzige ostmitteleuropäische KP nicht reformierten, hängt auch mit dieser Selbstinszenierung als Anti-Privilegierten-Bollwerk zusammen.

Aber was tun die tschechischen Wähler des Jahres 2010? Sie machen das aktuelle Oberhaupt eines der ältesten und einflussreichsten katholischen Adelsgeschlechter Böhmens zum Königsmacher. Und so nebenbei hat Karl Schwarzenberg mit seiner erst im Vorjahr gegründeten Partei Top 09 die Kommunisten als drittstärkste Kraft abgelöst, mit gehörigem Respektabstand. Subtiler kann das Augenzwinkern der Geschichte kaum ausfallen.

Das ist freilich nur ein Nebenaspekt dieses Wahlresultats. Schwarzenberg war nicht als Kommunistenfresser erfolgreich, sondern als glaubwürdige Alternative zu einem verfilzten und korrupten politischen Establishment, das zur Dauerblockade führte und durch Bedienung der jeweiligen Klientel das Budgetdefizit explodieren ließ. Das ging schließlich selbst den Tschechen zu weit, die bisher im Ruf von Weltmeistern in Wurschtigkeit gegenüber den Politikern standen. Vor allem unter den Jungen machte sich eine "Jetzt reicht's" -Stimmung breit. Dass diese subversive Bewegung ausgerechnet im "Fürsten" ihre Kristallisationsfigur fand, hat eine gewisse Schwejk'sche Note.

Schwarzenberg hat nichts versprochen außer harte Arbeit und ein Ende des Schuldenmachens. Damit knapp 17 Prozent der Stimmen zu erhalten ist schon bemerkenswert. Doch auch mit seinen 72 Jahren ist "der Fürst" nicht jenseits von Gut und Böse. Seine persönliche Integrität steht außer Zweifel, aber in seiner Partei ist er auch auf "Altpolitiker" angewiesen. Schwarzenbergs politisches Credo ist Transparenz, also Durchschaubarkeit. Bei den Kompromissen, die er als künftiger Regierungspartner unweigerlich eingehen muss, wird er daran zu messen sein. Und er wird nicht vergessen haben, wie schwer es sein Freund Václav Havel beim "Versuch, in der Wahrheit zu leben" in der politischen Praxis hatte. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 31.5.2010)

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