Ufo-Retro-Einblicke in Bratislava

30. Mai 2010, 16:25
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Wer nur kurz verreisen, aber Unbekanntes sehen möchte, dem bietet sich Wiens Twin City an

Ursprünglich, nach der Wende, fuhren die Österreicher zum Einkaufen nach Bratislava - vom Bauernspeck zum Zeichenbedarf, für Schillingbringer damals unglaublich billig. Anschließend gerieten Opernbesuche in der Donaustadt in Mode, die heute noch die - wie es heißt - "dritte Oper Wiens" beherbergt und wo Lucia Popp sowie Edita Gruberova debütierten.

Dann kamen Flat Tax, Autoindustrieboom, EU und schließlich der Euro über die Slowaken, ihr Wohlstand nahm zu, die Preise zogen an: Für den konsumorientierten Österreicher - und die ebensolche Österreicherin - ein Dämpfer, was die Attraktivität eines Städtetrips in die Wiener Twin City angeht. Dort bieten heute H & M, Betty Barclay und Billa ihr Sortiment zu den gleichen Preisen wie hierzulande an. Nur Essengehen ist rund um die Hälfte billiger.

Doch von derart pragmatischen Erwägungen abgesehen, gibt es auch viele andere gute Gründe, um die von Wien aus 57 Kilometer in die Metropole der slowakischen Republik zu überwinden. Etwa, um mit offenen Augen und Sinn für das - aus österreichisch-nachbarschaftlicher Sicht - Andere durch die Straßen der 427.000-Einwohner-Stadt zu gehen.

Mit Sinn für die vielschichtigen Spuren, die die Geschichte im Stadtbild hinterlassen hat: von der Blütezeit als Krönungsort der ungarischen Könige ab dem 16. Jahrhundert über die k. u. k. Regentschaft; von der modernistischen ersten tschechoslowakischen Republik über den Nazi-Satellitenstaat Slowakei zum grauen Realsozialismus der wieder auferstandenen ÈSSR; schließlich hin zur jetzigen slowakischen Eigenstaatlichkeit, die Bratislava unter anderem viele neue diplomatische Vertretungen gebracht hat.

Diese schon im Überblick reichhaltige - um nicht zu sagen: überreiche - Historie wird zum Beispiel am Rand der Altstadt offenbar. Dort, wo die Panská, die Bratislavaer Herrengasse, am Rudnayovo Námesti auf die Neue Brücke stößt: Auf jene Donauüberquerung samt anschließender Stadtautobahn, die von Technokraten in der bleiernen Zeit nach der Niederschlagung der sozialistischen Demokratisierungsbewegung in den 1970er-Jahren quer durch die alten Stadtteile gefräst wurde.

Rechter Hand der Park vor dem katholischen St.-Martins-Dom, linker Hand ein nicht renoviertes Jugendstilhaus mit einer Steinfigur auf der Fassade. Die leerstehende ehemalige Apotheke im Erdgeschoß ist noch immer auf Ungarisch, Slowakisch und Deutsch beschildert: die drei Bratislavaer Verkehrssprachen aus der Kaiserzeit. Daran anschließend ein saniertes Biedermeiergebäude - und dann sofort die Straßentrasse mit all ihrem Gedröhn, betoniert und mit einem orangegelben Sicherheitsgeländer versehen.

"1968 wurde hier für den Brückenbau ein ganzer Stadtteil weggesprengt - mit dabei auch die neologische Synagoge, die an dieser Stelle stand", erklärt Stadtführerin Bianca mit Blick auf die Autobahnbrücke. Darunter ist seit 1991 auf einer schwarzen Wand das Abbild des ehemaligen jüdischen Versammlungs- und Gotteshauses zu sehen. Als Teil eines Denkmals für die rund 75.000 slowakischen Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, die meisten von ihnen durch das damalige hitlertreue slowakische Regime an die Nazis ausgeliefert.

Auch an vielen anderen Stellen haben Stadtplaner im Auftrag der kommunistischen Machthaber dem Bratislavaer Stadtbild in den 1970er- und 1980er-Jahren Prestigebauprojekte beigefügt. Weithin sichtbar zum Beispiel der langstielige Aussichtsturm dort, wo die Neue Brücke das gegenüberliegende Donauufer erreicht.

Seinem Aussehen Ehre machend, wird er nunmehr Ufo genannt und beherbergt in 80 Meter Höhe ein per Aufzug erreichbares Restaurant, das sich der gehobenen Küche verschrieben hat; Gerüchten zufolge soll dort zu ÈSSR-Zeiten eine hochsensible Abhöranlage gegen Westen gerichtet gewesen sein.

Sowie, nicht zu vergessen, das Hotel Kyjev: ein 15-stöckiger, rötlich verkleideter Gebäudekasten in der Rajská - in den 1970ern das erste Haus am Platz, das heute mit seinem "Retro-Charme" Gäste anzuziehen versucht. Doch wer mit eingesessenen Bratislavaern spricht, wird vielfach auf Kritik an dem unveränderten Plattenbau-Äußeren und verstaubten Inneren des zentral gelegenen Etablissements stoßen. Blitzmoderne Einkaufs- und Freizeitzentren, wie sie an den Ufern der Donau entstanden sind, entsprechen dem herrschenden Geschmack weit mehr. (Irene Brickner/DER STANDARD/Printausgabe/29.05.2010)

  • Nach Bratislava kommt man zum Beispiel mit einem Angebot der Rail Tours
Austria. Hin mit dem Twin City Liner auf der Donau, zurück per Bahn,
was je rund eine Stunde dauert, plus eine Nächtigung inklusive
Frühstücksbuffet im Austria Trend Hotel kostet ab 139 Euro pro Person.
    foto: twin city liner

    Nach Bratislava kommt man zum Beispiel mit einem Angebot der Rail Tours Austria. Hin mit dem Twin City Liner auf der Donau, zurück per Bahn, was je rund eine Stunde dauert, plus eine Nächtigung inklusive Frühstücksbuffet im Austria Trend Hotel kostet ab 139 Euro pro Person.

  • Das Ufo von Bratislava auf der Brücke über die Donau.
    foto: ham

    Das Ufo von Bratislava auf der Brücke über die Donau.

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