Was es bringt, ein Promi zu sein

28. Mai 2010, 21:05
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Lernen von Lugner, Lauda und Martina Kaiser: Wie Cyril Radlher sein Gesicht zur Marke machte

Was es brächte, als "Promi" zu gelten, lautet eine oft gestellte Frage. Die Frage, wiederholen die Fragenden dann fast schuldbewusst, sei ernst gemeint: "Ganz im Ernst: Was bringt das?" Ganz im Ernst? Viel. Wenn man es ordentlich macht. Bei aller Häme über Richard Lugner: Das Marketing der Lugner-City basiert auf seinem Gesicht. Auch wenn Lugner ohne Kamera nach drei Tagen ins Koma fallen würde: Das Spiel spielt er nicht nur aus Geltungssucht. Und nicht alleine.

Auch Niki Lauda macht es seit Ewigkeiten so. Bloß ist der ein nationales Heiligtum - also sakrosankt. Laudas Methode unterscheidet sich aber nicht von der Lugners. Und auch Politiker wissen längst, dass sie bei Seitenblicken und Co hin und wieder halb-süffisante Kommentare, nie aber eine inhaltliche Frage fürchten müssen. Grasser & Co erkannten das nur früher, als die träge Genossen und Funktionäre - und hatten nie das Problem, dass ihnen Content im Weg stehen könnte.

Derlei Markenpflege klappt auch im Bereich der "Vipperln": Eva Pölzl etwa moderierte lange Zeit nirgendwo, ließ sich aber überall sehen. In allen Berichten hernach stellte ihr bestens gepflegtes Netzwerkes sie als "TV-Moderatorin" ins Bild. Und da ATV und Puls4 schon abgehakt waren, musste der ORF irgendwann reagieren. Heute ist Frau Pölzl Frau Strobl. Aber das ist eine andere, private, Geschichte.

Impertinent

Oder Martina Kaiser: Die ehemalige Ö3-Moderatorin war über Jahre hinweg berühmt dafür, berühmt zu sein - und auf die Frage, was sie beruflich tue, aus dem Stand auszurasten. Legendär ist ein Auszucker, den Kaiser bei einer Vernissage vor laufender Kamera hinlegte: Sie sei ein Promi, müsse sich also derlei Impertinenz nicht bieten lassen. Genauso könne sie den Interviewer (Fabian Holzer, Pro7) fragen, wovon er lebe. "Davon, solche Fragen zu stellen", kam zurück.

Kaiser ließ sich etwa damals als "DJ" insertieren. Obwohl sich niemand so wirklich daran erinnern kann, sie zu jener Zeit je aktiv hinter einem Mischpult gesehen zu haben. Freilich: Heute ist Martina Kaiser tatsächlich gefragte Auflegerin. Ihre Engagements reichen weit über Österreich hinaus. Sie taucht regelmäßig in diversen internationalen Magazinstories über sexy DJanes auf. Ihre Gagen dürften dementsprechend vierstellig sein.

Die Model-Masche

Wie genau das im Detail funktioniert hat aber ein Mann am schönsten gezeigt: Cyril. Eines Tages war er da. Genauer: in "2-Night-TV", der verblichenen VIP-Sendung mit Sabine Mord. Cyril hieß immer einfach nur Cyril - und war Model. Bloß: Niemand hatte ihn je auf einem Laufsteg gesehen. Anfangs zumindest. Aber weil heute ja auch Hit bereits Hits sind, bevor die Songs veröffentlicht sind, macht diese zeitliche Unschärfe nichts.

Zurück zu Cyril: Es gibt Society-Eventbeiträge, die nicht ausschließlich ob der erwarteten illustren Gästeschar entstehen. Medienpartnerschaft, Wiedergutmachung oder - äh - "sonstige Interessen" gibt es ja auch. Bloß: Was filmt man, wenn da außer Stehtischen mit faden Männern um die 50 nichts ist? Gut, wenn einer heraus sticht: Groß, durchtrainiert, dunkelhäutig, gutaussehend: Cyril. Angeblich stand er bei seiner "Entdeckung" aber hinter dem Ton-Mischpult. "Tontechniker" als ViP-Insert?

Eigenmarketing

Da auch "Gitarrelehrer" nicht so voll wichtig klingt, wurde Cyril als "Model" eingeführt. Und weil er öfter auf Events war, die der Sender abfeierte (oder: abfeiern musste), war er bald ein eingeführtes Gesicht. Ein ViP. Als aus TV-bekanntes Model stand Cyril schnell auf allen Einladungslisten. Und wurde prompt als Model gebucht. Nicht immer in Wien - aber Laufstege sehen auf Fotos auf der ganzen Welt gleich aus.

Cyril, der seinen nicht ganz so klangvollen Nachnamen (Radlher) nie verbarg, aber doch davon profitierte, das auch weibliche Models meist nur Vornamen sind, erkannte seine Chance: Andrea Buday - einst "heute"-Adabei-Dame, jetzt Society-Chefin des Echo-Verlages und selbst begnadete Selbstinszeniererin - erzählte mir einmal, dass Cyril sie angerufen habe. Sie möge ihn doch bitte alle zwei Wochen vorkommen lassen: "Ich brauche das für meine Eigen-PR", soll er gesagt haben.

Terminstau

Cyril war konsequent. Bei der Eröffnung eines Innenstadtclubs, nahm mich der Türsteher zur Seite: "Da steht einer draussen, der sagt, er gehört zu Pro7. Die sind aber schon da. Kennst Du den?" Cyril. Er suchte tatsächlich das TV-Team: "Hallo Fabian (Holzer; Anm.), ich bin jetzt da. Falls du mich interviewen willst. Aber ich habe nicht viel Zeit - ich muss noch zu zwei anderen Events."

Wer heute Cyrils Homepage (www.cyrilradlher.com) anschaut, findet eine Unzahl von Promi-Fotos, etliche Modeschau-Bilder, einige TV-Werbespots und Verweise auf Theateraktivitäten (aus der Zeit vor der Promi-Karriere) Daneben steht, wo und von wem Cyril das Gitarrespielen und Schauspielern gelernt hat. Und wo er buchbar ist. Ob das funktioniert? Cyril geht es gut. Er gilt als guter Gitarrelehrer. Er musiziert mit Gary Howard von den Flying Pickets. Und die Einladung zu seinem Sommerfest in Händen zu halten, gilt als Beleg für Relevanz - und zwar des Eingeladenen. (Thomas Rottenberg/derStandard.at, 28.5.2010)

  • Cyril Radlher beim Promi-Treff mit Ulli und Martina Kaiser ...
    foto: thomas rottenberg

    Cyril Radlher beim Promi-Treff mit Ulli und Martina Kaiser ...

  • ... oder mit Modedesigner La Hong und Moderatorin/Sängerin Katrin Lampe
    foto: thomas rottenberg

    ... oder mit Modedesigner La Hong und Moderatorin/Sängerin Katrin Lampe

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