"Der Name Europa kommt vom Balkan"

28. Mai 2010, 20:06
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Balkan-Expertin Maria Todorova im STANDARD-Interview: "Der Balkan, das sind die Roma von Europa"

Europa habe den Balkan als Teil seiner selbst konsequent verleugnet und negativ besetzt, sagt die in den USA lehrende Balkan-Expertin Maria Todorova im Gespräch mit Adelheid Wölfl.

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STANDARD: In den vergangenen Jahren war viel von der Europäisierung des Balkans die Rede. Welche Narrative spielen da eine Rolle?

Todorova: Wenn wir über den Ort Europa und die Europäisierung des Balkans reden, dann ist das natürlich absurd, denn der Balkan ist das alte Europa. Und der Name Europa kommt auch vom Balkan. Wenn es um das Ideal einer von Vernunft gesteuerten Gesellschaft geht, so hat Europa dieses selbst in vielen Bereichen noch nicht erreicht. Eines der Balkan-Klischees bezieht sich auf den Gegensatz zwischen einem christlichen Europa und den Osmanen. Dabei wird angenommen, dass der Balkan die Mentalität von Asien geerbt hat. Das Schlechte ist, dass auch die Leute auf dem Balkan sagen, alles im Osten sei korrupt.

STANDARD: Seit wann gibt es dieses Negativ-Image?

Todorova: Seit den Balkankriegen Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber die Leute haben vergessen, dass die blutigsten Kämpfe, in den Weltkriegen I und II, nicht auf dem Balkan stattfanden, sondern im Osten und anderswo. Aber es blieb trotzdem am Balkan hängen.

STANDARD: Was sind die bösesten Klischees?

Todorova: Dass diese Leute blutrünstig sind. Ein Österreicher sagte einmal zu mir: Auf dem Balkan töten die Menschen mit Messern, das ist so brutal. Und ich habe gesagt: Ist es nicht brutal, sich zu empören, dass sie sich mit Messern töten, weil sie keine Bomben haben? Der Balkan gehört aber unleugbar zum ärmeren Teil Europas, in dem Sinn hat er früher einfach zu Südeuropa gehört. Aber durch den Kalten Krieg kam es zur West-Ost-Teilung, und der Balkan wurde mit den Stereotypen des Südens und des Ostens belegt.

STANDARD: Griechenland wird wegen des Kalten Kriegs ja nicht zum Balkan gerechnet.

Todorova: Ja. Aber ich wette, dass jetzt durch die Finanzkrise einige sagen werden: Natürlich sind das diese Balkan-Menschen! Jetzt wird der Begriff Balkan im Zusammenhang mit Korruption verwendet. Aber was ist eigentlich so balkanisch an der Korruption? Bernie Madoff ist ja nicht vom Balkan. Es werden die kleinen, nicht die großen Verbrechen angeprangert. Das ist vergleichbar mit dem Schicksal der Roma im Osten. Ja, es gibt Roma, die stehlen, das ist aber bloß Kleinkriminalität. Und trotzdem sind die Leute im Osten gegen die Roma. Der Balkan, das sind die Roma von Europa.

STANDARD: Glauben die Menschen auf dem Balkan an die Klischees, die über sie verbreitet werden?

Todorova: Es gibt eine gewisse Internalisierung der Klischees, aber auch Stolz. Ja, sie glauben, sie seien unordentlicher und weniger diszipliniert, aber auch, dass sie offener sind, einfallsreicher und anpassungsfähiger ...

STANDARD: Und dass sie besser feiern können ...

Todorova: Das ist eher eine Verteidigungsreaktion nach dem Motto: Ihr arbeitet, wir leben!

STANDARD: Im Grenzstreit zwischen Slowenien und Kroatien, bei der Blockade des EU- und Nato-Beitritts Mazedoniens durch Griechenland und des EU-Beitritts der Türkei durch Zypern heißt es in der EU immer wieder: Was sollen wir machen, die hemmen einander.

Todorova: Das ist eine ganz grausliche Ausrede Brüssels. Wenn die EU Druck auf Griechenland ausüben hätte wollen, dass es den Namen Mazedonien akzeptiert, dann hätten sie das tun können. Die benutzen die Tatsache, dass Griechenland in dieser Frage obstruktiv ist, weil sie Mazedonien jetzt nicht hineinlassen wollen. Und die Griechen selbst sind in so einem Fiasko, dass sie die nationalistische Karte spielen.

STANDARD: Werden die bilateralen Probleme von den EU-Staaten benutzt, um die Westbalkanstaaten aus der EU draußen zu halten?

Todorova: Ja, natürlich. Während der EU-Verhandlungen haben Rumänien und Bulgarien zuerst kooperiert. Dann hieß es, Rumänien sei so korrupt, dann war es plötzlich Bulgarien. Die beiden wurden zu Konkurrenten gemacht. Das Gleiche passierte mit den baltischen Staaten, dadurch wurden die Beitrittsbedingungen viel schlechter. Das Motto war: Divide et impera, teile und herrsche.

STANDARD: Bremst Westeuropa?

Todorova: Ja. Meine Hypothese ist, dass der Balkan nur zufällig zu Europa zugelassen wurde. Es gibt viele Gründe, weshalb, aber das Faktum, dass die USA eine Rolle in Europa spielen wollen, war auch sehr wichtig. Nachdem die USA und die Europäer auf dem Balkan waren, konnten sie nicht mehr raus. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.5.2010)

  • Zur PersonDie renommierte Balkan-Expertin Maria Todorova ist Professorin für Geschichte an der University of Illinois (USA). Am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) sprach sie über Balkan-Klischees und Ex-Jugoslawiens Zukunft.
    foto: standard

    Zur Person
    Die renommierte Balkan-Expertin Maria Todorova ist Professorin für Geschichte an der University of Illinois (USA). Am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) sprach sie über Balkan-Klischees und Ex-Jugoslawiens Zukunft.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Badende an der Donau in Novi Sad im Juli 1999 vor einer von der Nato zerstörten Brücke: "USA und Europäer konnten nicht mehr raus."

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